Gräueltaten wie in Butscha oder Kramtorsk

Attacken auf Zivilisten „Teil des Kriegssystems“? Experte äußert Verdacht: „Russen sind darauf getrimmt“

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Die mutmaßlichen Gräueltaten russischer Truppen im Ukraine-Krieg in Butscha, Borodjanka und Kramatorsk sorgen für internationales Entsetzen. Ein Experte sieht dahinter System.

Kiew - Seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts und dem Einmarsch russischer Truppen am 24. Februar liefert der Krieg immer wieder schreckliche Bilder. Die nahezu komplette Zerstörung von Städten – als Beispiel die ostukrainische Hafenstadt Mariupol. Massaker in den Kiewer Vororten Butscha und Borodjanka. Am Freitag (8. April) kam ein Raketenangriff auf den Bahnhof von Kramatorsk im Osten der Ukraine dazu. Dort warteten Tausende Menschen auf ihre Flucht. Ukrainischen Angaben zufolge sind mehr als 50 Menschen getötet und mehr als 100 weitere verletzt worden.

Ukraine-Krieg: Kiew macht Russland für Massaker verantwortlich – Moskau dementiert

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj macht Russland für die Attacke verantwortlich. Die russische Seite hingegen behauptet, ukrainische Truppen hätten die Raketen abgefeuert. Ähnliche Situation nach dem Massaker in Butscha: Die Ukraine macht russische Truppen für die Gräueltaten an Hunderten Bewohnern verantwortlich. Moskau bestreitet das und spricht von einer „Inszenierung“ und Provokation“, allerdings ohne dafür Beweise vorzulegen. In Borodjanka sei die Situation noch „viel schrecklicher“ als in Butscha, so Selenskyj in einer Videobotschaft. Dort gebe es „noch mehr Opfer“ russischer Truppen. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig prüfen.

Die EU hat Russland für die Angriffe verantwortlich gemacht. „Die von den russischen Streitkräften begangenen Gräueltaten in Butscha, Borodjanka und anderen Städten und Dörfern, die jüngst durch die ukrainische Armee von der russischen Besatzung befreit wurden, sowie der brutale Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk sind Teil der verwerflichen Zerstörungstaktiken des Kremls“, teilte der außerpolitische Sprecher am Samstag in einer Mitteilung mit. „Die eklatanten Versuche, die Verantwortung Russlands für diese und andere Verbrechen durch Desinformation und Medienmanipulationen zu verschleiern, sind inakzeptabel“, hieß es weiter.

Ukraine-Krieg: Experte nennt mutmaßliche Gräueltaten „Teil des russischen Kriegssystems“

Der Osteuropa- und Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) macht ebenfalls Russland für die Angriffe im Ukraine-Krieg verantwortlich. „Massaker wie in Butscha oder Borodjanka sind Teil der russischen Kriegsführung“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Solche Taten hätten seinen Angaben zufolge System. „Gräueltaten braucht man den russischen Soldaten nicht befehlen, sie sind bereits darauf ideologisch getrimmt, solche Taten zu verüben“, so Gressel.

Der Experte geht sogar noch weiter: „Russland will die gegnerische Zivilbevölkerung durch anhaltenden Terror zur Aufgabe ihres Widerstandes zwingen.“ Dabei werde auch nicht vor Bombardierungen von Schulen, Krankenhäusern oder Kindergärten zurückgeschreckt. „Gräueltaten werden nicht verboten oder sanktioniert, sondern sind gewollt“, behauptet Gressel. „Dass Soldaten Kriegsverbrechen verüben, ist Teil des russischen Kriegssystems“, sagte er dem RND.

Christian Marxsen vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht erklärte, es sei bislang unklar, ob es Befehle für die Gräueltaten gegeben habe. Allerdings sei es „durchaus denkbar“, dass das Vorgehen gegen die Bevölkerung toleriert wurde. „Es gibt sehr starke Anhaltspunkte dafür, dass hier Kriegsverbrechen begangen worden sind“, sagte er ebenfalls dem RND.

Ein ukrainischer Soldat steht neben zerstörten russischen Panzern in Butscha.

Ukraine-Krieg: Nach Butscha-Besuch – von der Leyen empfindet Vorgehen als Kriegsverbrechen

Bei ihrem Besuch in der Ukraine zeigte sich auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erschüttert über die mutmaßlichen Kriegsverbrechen. Sie hatte in Kiew den ukrainischen Präsidenten Selenskyj getroffen und sich ein Bild von der Lage in Butscha gemacht. Dort laufen derzeit Untersuchungen. „Mein Instinkt sagt: Wenn das kein Kriegsverbrechen ist, was ist dann ein Kriegsverbrechen? Aber ich bin eine gelernte Ärztin und das müssen nun Juristen sorgfältig ermitteln“, sagte von der Leyen am Samstagmorgen auf ihrer Rückreise vor Journalisten.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat die Menschen in der Ukraine aufgerufen, mutmaßliche Kriegsverbrechen russischer Soldaten zu melden. Dafür sei inzwischen eine eigene Homepage eingerichtet worden, teilte er am Samstag via Twitter mit. „Die gesammelten Beweise für die von Russlands Armee in der Ukraine begangenen Gräueltaten werden sicherstellen, dass diese Kriegsverbrecher der Justiz nicht entkommen können“, so Kuleba. Präsident Selenskyj warf dem Westen unterdessen einen „weichen“ Umgang mit Russland vor. (ph mit dpa) 

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