Ukrainische Gegenoffensive mit Erfolgen: Russland räumt Rückzug am Dnipro ein
VonNadja Katz
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Ukrainische Truppen errichten Brückenköpfe am Dnipro, während Russland von „Umgruppierungen“ spricht. Ein Schritt näher zur Rückeroberung der Krim?
Cherson – Am Montagmorgen (13. November) berichteten die russischen Nachrichtenagenturen Tass und Ria Nowosti unerwartet über einen Rückzug russischer Streitkräfte im südukrainischen Gebiet Cherson. Doch kurz darauf verschwanden die Meldungen: Die Agenturen erklärten die betreffenden Berichte für „annulliert“. Das russische Verteidigungsministerium nannte den Vorfall ein „Versenden einer Falschnachricht“ und eine „Provokation“.
Die nachträglich annullierte Meldung der staatlichen Agentur Tass hatte über eine Verlegung der russischen Dnipro-Truppen zu günstigeren Positionen im Osten des Flussgebiets in der Ukraine berichtet. In der Vergangenheit hatte das russische Militär von solchen „Umgruppierungen“ im Ukraine-Krieg gesprochen, wenn Niederlagen oder Rückzüge umschrieben wurden.
Russlands „Umgruppierung“ im Ukraine-Krieg: „Annullierte“ Nachrichten scheinen zutreffend zu sein
Zwei Tage später folgte laut der Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP) die offizielle Mitteilung Russlands, dass es den ukrainischen Streitkräften gelungen sei, auf die russisch kontrollierte Seite des Flusses Dnipro im Süden der Ukraine vorzudringen. Dies könnte auch auf einen Rückzug der russischen Truppen aufgrund eines ukrainischen Vorstoßes hindeuten. Etwa „anderthalb“ ukrainische Kompanien befänden sich „in kleinen Gruppen“ am Ostufer des Flusses. Dies erklärte der von Moskau ernannte Gouverneur der Region Cherson, Wladimir Saldo, am Mittwoch (15. November) über Telegram.
Er fügte jedoch hinzu, dass Russland „zusätzliche Kräfte“ gegen die ukrainischen Truppen eingesetzt habe, die nun in einer „Feuerhölle“ feststeckten und mit Artillerie, Raketen und Drohnen beschossen würden. Die AFP konnte die Berichte und die Anzahl der ukrainischen Streitkräfte nicht unabhängig bestätigen. Laut dem Militärlexikon der russischen Nachrichtenagentur Tass besteht eine „Kompanie“ aus 45 bis 360 Soldaten.
Ukrainische Gegenoffensive offenbar erfolgreich – Russland mit Rückzug
Mit Saldos Äußerungen auf dem Online-Dienst Telegram gab erstmals ein hochrangiger russischer Vertreter zu, dass es der Ukraine gelungen ist, auf das von Russland kontrollierte Ufer des Dnipro vorzudringen. Bisher hatte der Kreml sich geweigert, solche Berichte zu kommentieren. Der Stabschef des ukrainischen Präsidialamtes, Andrij Jermak, hatte am vorherigen Dienstag (14. November) erklärt, ukrainische Streitkräfte hätten „am linken Ufer des Dnipro Fuß gefasst“. Weitere Details nannte er jedoch nicht.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Der Dnipro bildet seit einem Jahr die Frontlinie zwischen den ukrainischen und russischen Streitkräften im Süden der Ukraine. Das Westufer wird von der Ukraine gehalten, während Russland das gegenüberliegende Ufer kontrolliert. Ukrainische Soldaten hatten in der Vergangenheit bereits mehrfach versucht, den Fluss zu überqueren, um die Truppen Moskaus weiter zurückzudrängen. Ein Vorstoß der ukrainischen Truppen auf das Ostufer könnte daher einen bedeutenden Fortschritt der ukrainischen Gegenoffensive darstellen.
Ukrainische Truppen „fassen Fuß“ am Dnipro - Russische Truppen führen „Umgruppierung“ durch
Der Stabschef des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erklärte laut einem Bericht der Kyiv Post zudem, dass die ukrainischen Truppen auf der Ostseite des Dnipro im Süden von Cherson Brückenköpfe errichtet haben, die den Weg für zukünftige Operationen zur Rückeroberung der Krim ebnen. „Entgegen allen Erwartungen haben die ukrainischen Verteidigungskräfte am linken (östlichen) Ufer des Dnipro Fuß gefasst“, sagte Andrij Jermak demnach am Dienstag während eines diplomatischen Besuchs in den USA. Er fügte hinzu, dass dies Teil der ukrainischen Gegenoffensive sei und den Weg für die Befreiung der von Russland besetzten Krim durch die Ukraine ebnen werde.
„Schritt für Schritt wird die Krim entmilitarisiert. Wir haben 70 Prozent der Strecke zurückgelegt. Und unsere Gegenoffensive entwickelt sich“, sagte er weiter. Seine Aussage stellt laut Bericht des Kyiv Independent die erste offizielle Bestätigung der jüngsten Entwicklungen in Cherson dar. Auch der ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj hatte zuvor erklärt, die Rückeroberung der Krim sei Teil der ukrainischen Gegenoffensive, und man habe damit gerechnet, die Krim innerhalb von vier Monaten im Sommer zu erreichen. Die Bedingungen vor Ort hätten jedoch verhindert, dass die ukrainischen Streitkräfte dieses Ziel erreichen konnten. (na)
Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteur Lukas Rogalla sorgfältig überprüft.