Russland betrieb zuvor Lobbyarbeit

Ökolabel für Atomkraft und Erdgas: Kritiker fürchten „riesiges Geschenk“ für Putin

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Grünes Label für Atomkraft und Gas: Das EU-Parlament hat sich am Mittwoch für entsprechende Pläne ausgesprochen. Das sei ein „Geschenk“ für Putin, sagt eine Kritikerin.
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Das Europäische Parlament stuft Atomkraft und Gas fortan als grün ein. Das hat offenbar nicht nur Auswirkungen auf die europäische Klimapolitik, sondern auch auf den Ukraine-Krieg.

Straßburg - Das Europäische Parlament stuft Atomkraft und Gas als umweltverträglich ein. Gegner des grünen Labels für Atom und Gas erhielten am Mittwoch im Straßburger Parlament nicht die nötige Mehrheit. Kritiker sehen das als „riesiges Geschenk“ für Wladimir Putin. Was das EU-Label dem russischen Präsidenten bringen könnte.

Atomkraft und Gas als grün eingestuft: „Putin reibt sich heute die Hände vor Freude“

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs plant die EU den Ausstieg aus russischem Gas, doch die Mitgliedsstaaten legten bislang kein Datum für das Ende der Gasimporte fest. Anders sieht es bei russischem Öl und Kohle aus, auch wenn Europa sich hier eine lange Übergangsfrist einräumte. Bei der Abstimmung des Europäischen Parlaments über das grüne Label für Gas und Öl votierten 278 Abgeordnete dafür, 328 dagegen und 33 enthielten sich. Für eine Blockade hätte es eine absolute Mehrheit von 353 der 705 Abgeordneten gebraucht.

Wie der Mensch die Umwelt verschmutzt

Der Mensch beeinflusst die Erde nicht nur zum Positiven – das wird an vielen Stellen sichtbar. Beispielsweise am Wasser im Fluss St. Lucie in Florida: Das Wasser dort ist von Blaualgen bedeckt, die durch zu viele Nährstoffe im Wasser und sehr hohe Temperaturen entstehen können. Die Blaualgen können bei Menschen zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Hautreizungen, geröteten Augen und Atemnot führen, außerdem ist der Geruch unangenehm.
Der Mensch beeinflusst die Erde nicht nur zum Positiven – das wird an vielen Stellen sichtbar. Beispielsweise am Wasser im Fluss St. Lucie in Florida: Das Wasser dort ist von Blaualgen bedeckt, die durch zu viele Nährstoffe im Wasser und sehr hohe Temperaturen entstehen können. Die Blaualgen können bei Menschen zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Hautreizungen, geröteten Augen und Atemnot führen, außerdem ist der Geruch unangenehm. © Rhona Wise/afp
Mancherorts ist die Luftverschmutzung so schlimm, dass die Bevölkerung Schutzmasken trägt. Dieses Bild entstand im März 2017 in Beijing – lange bevor Masken auf den Straßen wegen Corona ein alltäglicher Anblick wurden.
Mancherorts ist die Luftverschmutzung so schlimm, dass die Bevölkerung Schutzmasken trägt. Dieses Bild entstand im März 2017 in Beijing – lange bevor Masken auf den Straßen wegen Corona ein alltäglicher Anblick wurden. © Nicolas Asfouri/afp
Tote Fische im Fluss Lempa in Guatemala. Im Jahr 2018 sind in dem Fluss in kürzester Zeit mehrere tausend Fische verendet, weil Abwässer in den Fluss eingeleitet wurden. Das verschmutzte Wasser stammte größtenteils aus Firmen, die Kaffeebohnen waschen und verarbeiten und keine Abwasserreinigungsanlagen besitzen.
Tote Fische im Fluss Lempa in Guatemala. Im Jahr 2018 sind in dem Fluss in kürzester Zeit mehrere tausend Fische verendet, weil Abwässer in den Fluss eingeleitet wurden. Das verschmutzte Wasser stammte größtenteils aus Firmen, die Kaffeebohnen waschen und verarbeiten und keine Abwasserreinigungsanlagen besitzen. © Marvin Recinos/afp
Müll, wohin man blickt: Ein Hund schaut scheinbar traurig auf einen Bachlauf in Manila (Philippinen), der komplett mit Müll gefüllt ist.
Müll, wohin man blickt: Ein Hund schaut scheinbar traurig auf einen Bachlauf in Manila (Philippinen), der komplett mit Müll gefüllt ist. © Noel Celis/afp
Am Rande des Flusses Kongo in Kinshasa sammeln Männer Plastikflaschen. Der Fluss ist für die Menschen in der Stadt Kinshasa lebenswichtig – doch er und seine Zuflüsse sind komplett vermüllt.
Am Rande des Flusses Kongo in Kinshasa sammeln Männer Plastikflaschen. Der Fluss ist für die Menschen in der Stadt Kinshasa lebenswichtig – doch er und seine Zuflüsse sind komplett vermüllt. © John Wessels/afp
Auch die Kanarischen Inseln sind nicht frei von Müll. Diese Abfälle hat ein Freiwilliger der NGO „Canarias Libre de Plasticos“ (Kanarische Inseln frei von Plastik) am Almaciga-Strand an der nördlichen Küste der Insel Teneriffa gesammelt.
Auch die Kanarischen Inseln sind nicht frei von Müll. Diese Abfälle hat ein Freiwilliger der NGO „Canarias Libre de Plasticos“ (Kanarische Inseln frei von Plastik) am Almaciga-Strand an der nördlichen Küste der Insel Teneriffa gesammelt. © Desiree Martin/afp
Schwarzer Qualm steigt aus den Schloten dieser Fähre, die gerade den Hafen Ajaccio der französischen Mittelmeerinsel Korsika verlässt. Fähren und Kreuzfahrtschiffe tragen erheblich zur Verschmutzung des Meeres in dieser Region bei.
Schwarzer Qualm steigt aus den Schloten dieser Fähre, die gerade den Hafen Ajaccio der französischen Mittelmeerinsel Korsika verlässt. Fähren und Kreuzfahrtschiffe tragen erheblich zur Verschmutzung des Meeres in dieser Region bei. © Pascal Pochard-Casabianca/afp
Im Recyling-Center in Barva auf Costa Rica stapeln sich die Müllsäcke. In Costa Rica werden pro Tag 564 Tonnen Plastik weggeworfen – und nur 14 Tonnen davon werden wiederverwertet, so eine Statistik des zuständigen Ministeriums aus dem Jahr 2018.
Im Recyling-Center in Barva auf Costa Rica stapeln sich die Müllsäcke. In Costa Rica werden pro Tag 564 Tonnen Plastik weggeworfen – und nur 14 Tonnen davon werden wiederverwertet, so eine Statistik des zuständigen Ministeriums aus dem Jahr 2018. © Ezequiel Becerra/afp
Trauriger Anblick: Eisbären suchen auf einer Müllhalde in der Nähe der Ortschaft Belushya Guba auf der russischen Nordpolarmeer-Insel Nowaja Semlja nach Nahrung. Im Jahr 2018 wurde in dem Ort er Notstand ausgerufen, nachdem Dutzende Bären in Wohnungen und öffentliche Gebäude eingedrungen sind. Solche Konflikte könnten in Zukunft zunehmen, sagen Fachleute: Das Eis schmilzt, gleichzeitig dringen die Menschen immer weiter in das einstige Gebiet der Eisbären vor.
Trauriger Anblick: Eisbären suchen auf einer Müllhalde in der Nähe der Ortschaft Belushya Guba auf der russischen Nordpolarmeer-Insel Nowaja Semlja nach Nahrung. Im Jahr 2018 wurde in dem Ort er Notstand ausgerufen, nachdem Dutzende Bären in Wohnungen und öffentliche Gebäude eingedrungen sind. Solche Konflikte könnten in Zukunft zunehmen, sagen Fachleute: Das Eis schmilzt, gleichzeitig dringen die Menschen immer weiter in das einstige Gebiet der Eisbären vor. © Alexander Grir/afp
Treibgut der etwas anderen Art: Seit mehr als 30 Jahren werden Plastiktelefone im Stil der berühmten Katze Garfield an französischen Stränden angeschwemmt. 2019 wurde das Rätsel gelöst: Ein Schiffscontainer, der in den 1980er Jahren verloren ging, wurde in einer versteckten Meereshöhle gefunden.
Treibgut der etwas anderen Art: Seit mehr als 30 Jahren werden Plastiktelefone im Stil der berühmten Katze Garfield an französischen Stränden angeschwemmt. 2019 wurde das Rätsel gelöst: Ein Schiffscontainer, der in den 1980er Jahren verloren ging, wurde in einer versteckten Meereshöhle gefunden. © Fred Tanneau/afp
Neumodischer Müll: Ein Taucher hat einen Elektro-Roller aus dem Meer bei Marseille (Frankreich) gefischt. Seit die ersten Elektro-Roller in Marseille an den Start gingen, werden sie regelmäßig im Meer gefunden. Freiwillige Taucher sammeln die Roller wieder ein.
Neumodischer Müll: Ein Taucher hat einen Elektro-Roller aus dem Meer bei Marseille (Frankreich) gefischt. Seit die ersten Elektro-Roller in Marseille an den Start gingen, werden sie regelmäßig im Meer gefunden. Freiwillige Taucher sammeln die Roller wieder ein. © Gerard Julien/afp
Ein älterer Mann bekommt von einem Mitarbeiter des Roten Kreuzes eine Dosis Sauerstoff. Brände haben im Jahr 2019 in ganz Südostasien einen giftigen Dunst verbreitet – Schulen und Flughäfen in Jakarta wurden geschlossen, tausende Mitarbeiter mussten stattdessen Brände bekämpfen.
Ein älterer Mann bekommt von einem Mitarbeiter des Roten Kreuzes eine Dosis Sauerstoff. Brände haben im Jahr 2019 in ganz Südostasien einen giftigen Dunst verbreitet – Schulen und Flughäfen in Jakarta wurden geschlossen, tausende Mitarbeiter mussten stattdessen Brände bekämpfen. © Tri Iswanto/afp
Am Itapuama-Strand bei Cabo de Santo Agostinho in Brasilien steigt im Oktober 2019 ein Junge aus dem ölverschmutzten Meer. 2000 Kilometer Küste im Nordosten Brasiliens waren zu dieser Zeit von Öl verschmutzt – die Herkunft des Öls ist bis heute unbekannt.
Am Itapuama-Strand bei Cabo de Santo Agostinho in Brasilien steigt im Oktober 2019 ein Junge aus dem ölverschmutzten Meer. 2000 Kilometer Küste im Nordosten Brasiliens waren zu dieser Zeit von Öl verschmutzt – die Herkunft des Öls ist bis heute unbekannt. © Leo Malafaia/afp
Nicht nur Müll, Plastik oder Öl kann Wasser verschmutzen. In diesem Fall lassen Schadstoffe in Abwässern das Wasser am Strand von Marina in Chennai schäumen.
Nicht nur Müll, Plastik oder Öl kann Wasser verschmutzen. In diesem Fall lassen Schadstoffe in Abwässern das Wasser am Strand von Marina in Chennai schäumen. © Arun Sankar/afp
Eine Frau wühlt in den Müllbergen am Straßenrand von Bac Ninh im Osten von Hanoi, der Hauptstadt Vietnams.
Eine Frau wühlt in den Müllbergen am Straßenrand von Bac Ninh im Osten von Hanoi, der Hauptstadt Vietnams. © Nhac Nguyen/afp

Das Abstimmungsergebnis sei „ein Rückschlag für den Klima- und Umweltschutz in Europa“, erklärte der SPD-Europaabgeordnete Joachim Schuster. Umweltschutzorganisationen wie der WWF warfen der EU-Kommission „Greenwashing“ vor.

Doch nicht nur für das Klima, auch für den Ukraine-Krieg spielt die Entscheidung eine Rolle, meint die ukrainische Abgeordnete Inna Sovsun. „Putin reibt sich heute die Hände vor Freude, sagte Sovsun der englischen Zeitung The Guardian und fügte hinzu, dass die Europaabgeordneten, die für die Aufnahme von Gas und Atomkraft in die grüne Taxonomie stimmten oder sich enthielten, dem russischen Präsidenten „riesige Geschenke“ gemacht hätten. „Ich danke den mutigen 278 Abgeordneten, die Einspruch erhoben haben. Es war nicht genug, aber wir werden nicht aufhören zu kämpfen.“

Dass die Mitgliedstaaten die Taxonomie noch ablehnen, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Zwar könnten sie bis zum 11. Juli der Kommission widersprechen, doch es müssten 20 der 27 EU-Länder und damit 65 Prozent der Gesamtbevölkerung dagegen stimmen.

Protestaktion gegen grüne EU-Taxonomie für Atomenergie und Erdgas Anfang Januar in Frankfurt am Main.

Taxonomie-Verordnung: Was ist das eigentlich und warum betrifft es Putins Krieg?

Die seit 2020 geltende Taxonomie-Verordnung umfasst bisher Öko-Energien wie Wind und Sonnenkraft. Damit will die EU eine Art europäisches Gütesiegel für umweltverträgliche Finanzprodukte schaffen. Die Aufnahme von Gas und Atomkraft kommt also einer offiziellen Empfehlung für private Investitionen in Atom- und Gasprojekte gleich und hat langfristige Folgen. Denn bis zum Jahr 2045 erteilte Genehmigungen für neue Atomkraftwerke könnten unter die Taxonomie-Verordnung fallen. Klimaneutral zu werden hat die Europäische Union bis zum Jahr 2050 angepeilt, dafür sind allerdings 350 Milliarden Euro pro Jahr nötig. Das Geld für Investitionen in umweltverträgliche Energieprojekte soll eben auch von privaten Investoren kommen - und könnte jetzt vermehrt in Atomkraft und Gas fließen. Das hat auch Vorteile für Russland.

Russische Firmen aus der Atom-, Öl- und Gasbranche betrieben im Vorfeld der EU-Abstimmung offenbar Lobbyarbeit, wie eine Recherche von Greenpeace Frankreich zeigt. Darunter waren Staatsunternehmen oder Firmen mit Verbindungen zum russischen Staat wie Gazprom, Lukoil und Rosatom. Durch die neue Bestimmung würde Europa seine Abhängigkeit von Russlands Energie festigen, heißt es in dem Bericht weiter.

Der neue EU-Rechtsakt beinhalte keine Risiken, sondern eine Reihe von Chancen, sagte der russische Energieminister Nikolai Schulginow im Februar dem Portal Energy Intelligence fast wie zum Beweis. Für Russland bedeute das mehr Absatz von fossilem Gas, Uran, Reaktoren oder anderen Dienstleistungen - etwa den Verkauf von Wasserstoff aus Gas, wie Schulginow vorschlug. Öl und Gas machen laut Reuters rund 40 Prozent der russischen Staatseinnahmen aus. „Die Energieabhängigkeit Europas von Russland gibt Putin ein mächtiges geopolitisches Verhandlungsinstrument an die Hand“, so der Greenpeace-Bericht. Eine Analyse des Portals Energypost sieht eine Korrelation zwischen den rusischen Öl- und Gasexporten nach Europa und Russlands Militärausgaben. Die Taxonomie könnte also indirekt den Krieg gegen die Ukraine subventionieren. (bme mit Material von AFP).

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