Kein „Brückenkopf“ – aber Anlass zur Sorge für Putin: Russland machtlos gegen Ukraines Dnipro-Plan?
VonAndreas Apetz
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Russland steht vor einem Dilemma. Die ukrainischen Stellungen am Fluss Dnipro stellen die Verteilung der russischen Soldaten auf eine Zerreißprobe.
Dnipro – Lange dauern die Kämpfe um das Dnipro-Delta im Osten der Ukraine bereits an. Seit der Rückeroberung der Stadt Cherson führte das ukrainische Militär immer wieder kleiner Spezialoperationen am östlichen Ufer und den Inseln des Dnipro durch. Laut dem Institut für the Study of War (ISW) sollen sich die Stellungen der Truppen nun gefestigt haben – für Russland ein Anlass zur Sorge, denn: Die US-Denkfabrik ist sich unsicher, ob die russischen Besatzer einer permanenten Präsenz der ukrainischen Truppen im Flussdelta standhalten können.
Ukraine plant Brückenköpfe zur Überquerung des Dnipro
Die Dnipro-Region ist im Ukraine-Krieg von zentraler Bedeutung. Der Fluss und seine Umgebung gilt als Einfallstor zur Ostukraine. Die vollständige Kontrolle der Wasserstraße und der gleichnamigen Millionenstadt könnte laut Militärexperten ein „Momentum des Kriegs“ erzeugen und über Sieg oder Niederlage in der gesamten Region entscheiden. Die Etablierung einer dauerhaften Präsenz an den Ufern des Dnipro würde den ukrainischen Truppen die Überfahrt schwerer Waffensystem und gepanzerter Fahrzeuge in neue Frontabschnitte ermöglichen. Nach Einschätzungen des ISW könnteeine Rückeroberung der Wasserstraße die russischen Truppen spalten und beim Vorstoß auf die besetzte Krim helfen.
Einen kleinen Brückenkopf konnten die ukrainischen Streitkräfte bereits nahe der zerstörten Antoniwskyj-Brücke bei Cherson errichten. Weitere sollen nun folgen. In der vergangenen Woche habe es einen Anstieg kleinerer Kampfhandlungen entlang des Flusses gegeben, hieß es am Montag (14. August) aus London.
Was ist ein Brückenkopf?
Möchte eine Konfliktpartei in feindliches Territorium eindringen, überquert sie zunächst das Gewässer, um sich dann in einem begrenzten Bereich in Ufernähe festzusetzen. Um diesen Bereich zu sichern, wird ein Brückenkopf errichtet. Von dort aus wird eine Versorgungs-Verbindung zum eigenen Gebiet hergestellt, um weiteres Material und Personal in das verfeindetet Gebiet zu transportieren.
Ukrainische Streitkräfte hätten russische Positionen am anderen Ufer überfallen oder würden versuchen, weitere kleine Wehrposten zu errichten. „Bei der gemeldeten ukrainischen Präsenz am linken Ufer des Flusses Dnipro handelt es sich wahrscheinlich nicht um einen Brückenkopf. Zumindest jetzt noch nicht“, schrieb Georg Barros, Analyst für Ukraine und Russland Fragen des ISW über Twitter.
Russland in Sorge um ukrainische Stellungen bei Dorf am Dnipro
Das Institut geht derzeit davon aus, dass Russland in großer Sorge vor dauerhaften ukrainischen Stellungen in diesem Bereich ist. Die anhaltenden Kampfhandlungen der Ukraine am Ufer des Dnipro erhärten die russischen Befürchtungen. Die Besatzer könnte möglicherweise nicht über die nötigen Ressourcen verfügen, um einen ukrainischen Brückenkopf über den Fluss Dnipro erfolgreich zu durchbrechen, vermuten die amerikanischen Kriegsexperten: „Ein effektiver russischer Gegenangriff könnte diese ukrainische Vorstoßposition bedrohen, es bleibt jedoch unklar, ob die russischen Streitkräfte über die dafür erforderlichen Reserven verfügen“, heißt es.
Russische Militärblogger behaupteten, dass ukrainische Sabotage- und Aufklärungsgruppen weiterhin westlich von Kosatschi Laheri operieren, die ostukrainische Siedlung selbst aber immer noch unter russischer Kontrolle sei. Bislang verfüge die ukrainische Armee nicht über die nötigen Mittel, um am östlichen Ufer des Dnipro weitere Brückenköpfe aufzuschlagen. Christian Mölling, Forschungsdirektor der Gesellschaft für Auswärtige Politik, und András Rácz, Mitglied im Programm Sicherheit und Verteidigung der für Auswärtige Politik, halten es auch zukünftig für äußerst unwahrscheinlich, dass bei Kosatschi Laheri ein neuer Brückenkopf errichtet oder ausgebaut werden könnte.
Das Gebiet befinde sich immer noch in Reichweite der russischen Artillerie und sei ein einfaches Ziel für Gleitbomben. Eine ukrainische Brücke sei in diesem Bereich des Dnipro „äußerst verwundbar“, schrieben die Fachleute bei ZDFheute. „Solange es der Ukraine nicht gelingt, die russische Artillerie und Luftwaffe daran zu hindern, den Antonowsky-Brückenkopf anzugreifen und eine Pontonbrücke zu errichten, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass entweder dieser oder der Kosatschi-Laheri-Brückenkopf erweitert werden könnte“, so Mölling und Rácz.
Ukrainische Präsenz stellt Russland vor Dilemma
Die ukrainische Präsenz in Kosatschi Laheri erfülle jedoch einen anderen Zweck als die Errichtung eines Brückenkopfes. „Die Verteidigungslinien sind entlang einer Ost-West-Achse ausgerichtet, da ihr Zweck darin besteht, einen von Norden kommenden Angriff aufzuhalten. Daher droht jede ukrainische Präsenz westlich dieser Befestigungsanlagen, diese zu flankieren“, erklärten die beiden Militärexperten. Mit ihrer Landung in Kosatschi Laheri versuche die ukrainische Führung zudem Russland dazu zu bringen, seine Streitkräfte zu teilen und einige Eliteeinheiten von der Frontlinie in Saporischschja hierher zu verlegen.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Michael Clarke, Verteidigungsexperte und Professor am King‘s College London, vermutet hinter dem Vorgehen der Streitkräfte ebenfalls „eher eine Ablenkung“, um russische Truppen von anderen Standorten fortzulocken. Das Verteidigungsministerium in London spricht von einem russischen Dilemma. Moskau stünde nun vor der Wahl, ob es auf diese Bedrohungen reagiere und die Kräfte am Dnipro zulasten der bereits ausgedünnten Einheiten im Oblast Saporischschja verstärke, die mit der ukrainischen Gegenoffensive konfrontiert seien. (aa/dpa)