Putins Truppen waren anfänglich stark verwundbar. Jetzt lernen sie schnell aus ihren Fehlern – und könnten die Offensive der Ukraine gefährden.
Kiew – Mit einem langfristigen Widerstand der ukrainischen Truppen hätte Wladimir Putin zu Beginn des Ukraine-Kriegs wohl nicht gerechnet. In den vergangenen Tagen spricht vieles für erfolgreiche Geländegewinne der Ukrainer – allen voran in Bachmut dringen die Truppen angeblich weiter vor. Doch die Gegner lernen schnell aus ihren Fehlern und haben ihre Taktiken auf dem Schlachtfeld angepasst. Wie das britische Royal United Services Institute (RUSI) in seiner aktuellen Analyse schreibt, stehen die ukrainischen Streitkräfte vor ihrer bevorstehenden Gegenoffensive daher „vor großen taktischen Herausforderungen“.
Putins Truppen arbeiten an neuer Kriegstaktik, um ukrainische Durchbrüche zu verhindern
In ihrem Bericht stellen die Militärexperten Verbesserungen in den verschiedenen Zweigen der russischen Streitkräfte fest. Moskaus Militärplaner haben der Studie zufolge den Versuch aufgegeben, taktische Bataillonskampfgruppen als kombinierte Kampfeinheiten einzusetzen. Mittlerweile gliedere sich die Infanterie nach Funktionen in Angriffs-, Verteidigungs-, Spezial- und Aufklärungseinheiten. Das russische Pionierwesen habe sich als „eine der stärksten Waffengattungen erwiesen“, heißt es in der Analyse.
Russland habe zudem entlang der gesamten Front Feldbefestigungen und komplexe Minenfelder errichtet. Dazu gehören mit Beton verstärkte Schützengräben und Kommandobunker, Umzäunungen, Panzergräben und komplexe Minenfelder. Die größte Schwäche der russischen Infanterieeinheiten sei die „niedrige Moral“, die zu einem geringen Zusammenhalt der Einheiten und einer schlechten Zusammenarbeit zwischen den Einheiten führt.
Russische Truppen verbessern laut Experten Luftverteidigung und Panzer
Die russischen Panzer würden nur selten für Durchbruchsversuche eingesetzt. Stattdessen kämen sie hauptsächlich bei der Feuerunterstützung zum Einsatz, um ukrainische Stellungen präzise zu treffen. Russland habe damit begonnen, seine Fahrzeuge mit Wärmetarnungen auszurüsten, und durch eine Reihe anderer Modifikationen und Taktiken, Techniken und Verfahren die Erkennbarkeit von Panzern auf Distanz deutlich verringert.
In der Vergangenheit hatten sich Berichte über den schlechten Zustand russischer Panzer gehäuft. Laut britischen Geheimdiensten vom 25. Januar 2023 hatte Russland nach Verlusten der Panzer mehrere seiner neuesten Kampfpanzer in die Ukraine geschickt. Die russischen Streitkräfte hätten jedoch gezögert, die Panzer aufgrund ihres miserablen Zustands zu akzeptieren. Das ging aus einem Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums hervor. Später wurden die Panzer laut Reuters unter Berufung auf RIA an ihren Planken mit einem zusätzlichen Schutz ausgestattet worden.
Die russische Luftwaffe eine „ernstzunehmende Bedrohung“ für die ukrainischen Planungen
Auch die Wirksamkeit der russischen Luftabwehr habe sich deutlich verbessert, da sie nun um bekannte und relativ statische Standorte herum aufgebaut und gut vernetzt ist, stellen die Experten in der RUSI-Analyse fest. Anfangs hatte Russland immer wieder Schwierigkeiten, auf neue Bedrohungen zu reagieren. Das zeigten ukrainische Drohnenangriffe, die die russische Luftverteidigung verwundbar machten.
Nach Einschätzung des ukrainischen Militärs fängt die russische Luftabwehr inzwischen Teile der Angriffe von Boden-Boden-Raketen ab, da die russischen Punktabwehrsysteme direkt mit einem überlegenen Radar verbunden sind. Die russischen Luft- und Raumfahrtkräfte sind nach wie vor eine „Macht im Werden“ und eine große Bedrohung für die vorrückenden ukrainischen Streitkräfte, auch wenn sie derzeit nicht in der Lage sind, die ukrainische Luftverteidigung zu durchdringen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Militärexperte schätzt Lage ein: Ukraine nutzt Schwäche der Russen
Die Experten haben derzeit noch Hoffnung in die Verteidigungsfähigkeit der Ukrainer. „Die Streitkräfte der Ukraine sind hoch motiviert und kreativ im Einsatz der ihnen zur Verfügung stehenden Mittel“, sagte Jack Watling, einer der Autoren der RUSI-Studie, gegenüber Newsweek. Dennoch sollte man sich im Klaren sein, dass dies mit hohen Kosten verbunden sein werde. Ein Erfolg sei nicht garantiert.
Dank westlicher Unterstützung könnte es der Ukraine gelingen, die russischen Truppen zu schwächen und die Gegenoffensive voranbringen. Die britischen Raketen „Storm Shadows“, die als Game-Changer gelten, waren erst vor kurzer Zeit geliefert worden. Am Ende der vergangenen Woche gab es die ersten Berichte über Einsätze der neuen Waffe. „Was die Ukraine derzeit macht, ist mit den britischen „Storm Shadow“-Raketen die russische Logistik und russische Kommandozentralen hinter der Front herauszunehmen“, ordnete Militärexperte Marcus Keupp den aktuellen Status der Gegenoffensive ein. Mit diesem Vorgehen bereite die ukrainische Armee die eigentliche Offensive überhaupt erst vor. (bohy)