Soldat berichtet von Kampf um Bachmut: „Russen müssen kapitulieren“ - sonst drohe Einkesselung
VonMichelle Brey
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Wie ist die Lage in der ostukrainischen Stadt Bachmut? Die Angaben Offizieller unterscheiden sich, wie so häufig. Nun sprach ein ukrainischer Kämpfer.
Bachmut - Seit Monaten ziehen sich die Kämpfe um die ostukrainische Stadt Bachmut hin. Der Ukraine-Krieg setzt sich unerbittlich fort. Zuletzt konnten ukrainische Truppen offenbar Erfolge erzielen: Wie es am Freitag (13. Mai) hieß, seien ukrainische Einheiten in der Nähe der umkämpften Stadt um gut zwei Kilometer vorgerückt. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte die Geländegewinne: Die ukrainischen Truppen hätten „mit übermächtigen Anstrengungen den Feind aufgehalten und sogar an einigen Abschnitten zurückgeworfen“, sagte er.
Russische Kriegsreporter sprachen bereits von einer drohenden Einschließung der Russen um Bachmut. Von einer gestarteten „lokalen Gegenoffensive“ sprach indes ein ukrainischer Kämpfer gegenüber dem Berliner Tagesspiegel. Er gab Informationen zur aktuellen Lage. Die Angaben können nicht unabhängig geprüft werden.
„Irgendwann werden die russischen Truppen umzingelt sein“: Ukrainischer Bachmut-Kämpfer gibt Einblicke
Die Ukraine beginne in Bachmut „langsam auf die Flanken zu drängen“, erklärte er. „Irgendwann werden die russischen Truppen umzingelt sein.“ Zwei Optionen bliebe Russland dann in Bachmut: Kapitulation oder Einkesselung. Einen Zeitpunkt, wann es so weit sein könnte, nannte der Kämpfer nicht. Es hänge von vielen Faktoren ab, auf die er nicht weiter einging.
Die Moral der russischen Truppen sei jedenfalls schon seit geraumer Zeit schlecht, so der ukrainische Soldat. „Ein Gefangener sagte mir vor sechs Monaten, dass sie mit einem leichten Einmarsch in die Ukraine rechneten, wie auf der Krim, die sie kampflos einnahmen“, schildert er in dem Interview.
Einfach sei der Kampf gegen die Russen bei Bachmut dennoch nicht, betonte er. „Die Russen drängen weiter auf das Gebiet, das unter ukrainischer Kontrolle steht“, erklärte er, und fügte an. „Der Feind wird also nicht durch Granaten ausgehungert“.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Ukraine-Krieg: Munitionsmangel in Bachmut? Wagner-Chef zählte Kreml an
Damit spielte der Interviewte auf Äußerungen des Chefs der russischen Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, an. Prigoschin, auch als „Putins Koch“ bekannt, hatte sich in der ersten Mai-Woche 2023 lauthals über fehlende Munition beschwert. Und drohte daraufhin mit dem Abzug seiner Kämpfer von der Front in Bachmut. „Ohne Munition werden meine Jungs keine unnötig hohen Verluste tragen. Darum ziehen wir uns ab dem 10. Mai 2023 aus der Ortschaft Bachmut zurück“, sagte er am 5. Mai in einem Video auf seinem Telegram-Kanal.
Wenn ihr uns keine Granaten gebt, bringt ihr nicht uns um den Sieg, ihr bringt das russische Volk um den Sieg.
Nur wenige Stunden vorher hatte sich Prigoschin wüste Beschimpfungen in Richtung des russsischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow geschickt. „Schoigu, Gerassimow, wo, verdammte Schei**, ist die Munition?“, schrie er in einem weiteren Video, das ihn vor Leichen angeblicher Wagner-Kämpfer zeigte. Der Abzug der Söldner aus Bachmut stellte sich zunächst (Stand: 13. Mai) jedoch nur als leere Drohung heraus.
Die immer wieder erneuten Forderungen nach mehr Munition schätzte der ukrainische Kämpfer im Interview mit dem Tagesspiegel als „Vorbereitung für den Fall, dass die Russen in Bachmut besiegt werden“ ein. Der Wagner-Chef suche „vorsätzlich nach einer Ausrede“, um die Schuld von sich weg und auf Schoigu und Gerassimow zu schieben.
„Flanken fallen“: Prigoschin schiebt Schuld auf russische Armee - „Flucht“
Am Freitag (12. Mai) warf Prigoschin der russischen Armee vor, nach monatelangen Kämpfen um Bachmut die „Flucht“ ergriffen zu haben. „Die Verteidigungslinien der Armee in der Gegend „kollabieren“, während die russische Militärführung die Lage „verharmlost“, sagte er in einem Video. Bereits zuvor hatte der Kreml Berichte des Wagner-Chefs und pro-russischer Militär-Blogger über einen Durchbruch der Ukraine in Bachmut dementiert. In der Gegend von Bachmut „fallen die Flanken, die Front kollabiert“, konstatierte der Wagner-Chef in dem in Onlinenetzwerken verbreiteten Video.
Auch diese Angaben dementierte der Ukrainer gegenüber dem Blatt. Ihm zufolge habe sich die russische 72. Brigade zurückgezogen, doch „nicht, weil die Soldaten weggelaufen sind, sondern weil sie von der 3. Angriffsbrigade der ukrainischen Armee besiegt wurden“, so sein Blick auf die Lage. Daraufhin seien die bereits erwähnten zwei Kilometer bei Bachmut zurückerobert worden. „Sie laufen nicht weg, sondern ziehen sich unter unseren Schlägen zurück“, betonte er.
Ähnlich äußerte sich ein ukrainischer Kommandant in einem Interview mit einem CNN-Reporter. Ihm zufolge seien die Wagner-Einheiten die ersten gewesen, die geflohen seien. Die ukrainischen Truppen seien nicht erfolgreich gewesen, weil die Russen entkamen – sondern, weil sie einen durchgeplanten Angriff durchführten, so der Kommandant.