VonSandra Katheschließen
Weil sie allein mit Gewehren ausgestattet gegen ukrainische Panzer ankämpfen müssen und schlecht versorgt werden, machen russische Soldaten ihre Lage öffentlich.
Moskau – Immer wieder seit Beginn des Ukraine-Kriegs tauchen Videos von russischen Soldaten auf, die in kleinen Gruppen vor der Kamera stehen und auf Missstände bei Russlands Streitkräften aufmerksam machen. Es geht um fehlendes Training, inkompetente Kommandanten, genauso wie mangelhafte Ausrüstung und ausbleibende Zahlungen. Ein neues Video dieser Machart hat nun der auf Übersetzungen von Fundstücken aus dem Ukraine-Krieg spezialisierte Twitterkanal „Wartranslated“ ausfindig gemacht und mit englischen Untertiteln auf Twitter gepostet.
In dem gut zweieinhalb Minuten langen Video, das das Logo des Nachrichtendiensts Telegram trägt, wo es offenbar zunächst gepostet wurde, sagen die Männer, sie seien im September 2022 in der südrussischen Region Altai Krai rekrutiert worden und befänden sich derzeit direkt an der Kriegsfront in der Ukraine. Sie seien an ihrer Position bereits stundenlang von ukrainischen Panzern angegriffen worden und hätten keine andere Wahl gehabt, als sich defensiv zu verhalten. Da ihnen keine Artillerie-Einheit zur Seite gestellt worden wäre, sei – so erklärt der Wortführer im Video – Ihre einzige Alternative gewesen, den Panzern mit Gewehren entgegenzutreten. Und dazu seien sie „nicht bereit“.
Russische Soldaten im Ukraine-Krieg: „Wir sind hier in Reihe null“
Mehrfach betont der Soldat, dass er und seine Kameraden unter gegebenen Bedingungen nicht kämpfen könnten und richtet dafür direkt das Wort an den russischen Machthaber Wladimir Putin, den er aufruft, der Gruppe „schnellstmöglich“ geeignete Mittel zum Kampf zur Verfügung zu stellen. Auch in anderen, ähnlichen Videos wird der Kriegseinsatz meistens nicht generell kritisiert, sondern explizit die schlechten Zustände an der Front angeprangert.
Denn die fehlende Ausrüstung und Unterstützung durch Artillerie-Truppen ist laut der weiteren Ausführungen in dem Video nicht der einzige Grund zur Klage. Den Soldaten fehlt es nicht nur an Unterstützung durch Artillerieeinheiten und passende Ausrüstung, sondern an allen Ecken und Enden. Das beginne allein bei der schlechten Kommunikation mit der Militärführung, die in den Dokumenten der Soldaten Einheiten angibt, deren Existenz die Soldaten und ihre Familien in Russland inzwischen bezweifeln. Auch die Aussage eines Kommandanten, sie nach einem heftigen Angriff an die „dritte Defensivlinie“ zu verlegen, sei offenkundig eine Lüge gewesen: „Wir sind hier in Reihe null“, sagt der Soldat im Video.
Russische Soldaten drohen im Ukraine-Krieg mit Kampfverweigerung
Auch in Sachen Versorgung sähe es für die russischen Soldaten schlecht aus. Nachdem sie ihre Kommandanten gebeten hätten, sie mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen, seien sie im Gegenzug beschimpft worden. „Die erzählen euch, dass es an der Front im Wald Essen und Wasser gibt – gibt es nicht“, sagt der Soldat. Auch Munition werde meistens dann geliefert, wenn sie noch nicht benötigt würde. Was die Versorgung der Verletzten angeht, dauerte es um die sieben Stunden bis Hilfe eintreffe, was bei einigen der Soldaten bereits dazu geführt habe, dass sie Arme und Beine verloren haben, obwohl sie mit entsprechender Behandlung gar nicht so schwer verletzt gewesen wären.
Nur wenige Stunden zuvor war bereits ein Video einer anderen Gruppe Soldaten aufgetaucht, das „Wartranslated“ ebenfalls mit Untertiteln versehen hatte. Darüber hatte etwa die US-Zeitung Newsweek berichtet. In dem zweiten Video sind Soldaten aus verschiedenen Regimenten zu sehen, die inzwischen in einer Kompanie kämpfen. Von einst über 100 Soldaten seien gerade einmal noch 40 verblieben, auch hier sei die Versorgung der Verletzten miserabel gewesen. Sie jedoch drohen tatsächlich damit, den Kampf einzustellen, denn neben der schlechten Versorgung („Kein Essen. Kein Wasser. Nichts.“) hätten sie auch bereits seit Januar keinen Sold mehr erhalten, von dem sie bislang teils ihre eigene Munition hätten kaufen müssen.
Aus diesem Grund kündigen die Männer an, dass sie am Tag der Aufnahme, am 6. Juli, erneut erzwungenermaßen verlegt werden sollten, aber fest entschlossen seien, sich dagegen zu wehren. Darüber, ob sie ihre Drohung wahrgemacht haben und was seither mit den Männern passiert ist, geben die Berichte keinen Aufschluss. (saka)
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