Interview

Ukraine-Krieg: „Unsere politische Kultur ist angstanfällig“

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Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte über die Sorgen der Deutschen, die Krisenkompetenz der Regierung und das Schweigen des Kanzlers.

Herr Professor Korte, wenn Sie das erste Jahr im Ukraine-Krieg aus deutscher Sicht Revue passieren lassen: Hat sich die Ampel-Regierung als Krisenmanagerin bewährt?
Ich sehe die Ampel-Koalition als Krisenlotse, sie hat die Rolle nach 81 Tagen an der Regierung angenommen. Dieser Krieg hat die Agenda der selbst ernannten „Fortschrittskoalition“ völlig verändert. Gemessen an den Umfragedaten zu Fragen von Wehrhaftigkeit und von Sicherheitspolitik und Krieg sehe ich großes Vertrauen in das Krisenmanagement der Bundesregierung.
Gilt das auch für den Kanzler? Olaf Scholz betont immer, wie sehr er die Dinge im Griff habe. Die Details erklärt er aber nur äußerst sparsam.
Scholz ist ein Vertreter der Empörungsverweigerung. Er ist auch ein Dissident von Diskursen. Sein Stil ist ungewohnt für uns, weil oft mit aggressivem Schweigen kombiniert. Wir sind in Deutschland erklärungsarme Kanzler gewohnt, aber nicht in dieser Konsequenz.
Da gab es noch Hoffnung: Außenministerin Baerbock (mit dunkler Weste) besucht im Februar 2022 ein Dorf in der Oblast Donezk, wenige Tage vor der Invasion.

FR-Ausgabe: Ein schwarzer Tag

Der russische Angriff auf die Ukraine markiert eine Zäsur. Wie der Krieg das Denken militarisiert und sich die Sicherheitslage in Europa verändert, untersucht die Themenausgabe der Frankfurter Rundschau vom 24. Februar 2023, der wir diesen Text entnommen haben. Weitere Aspekte daran:

Neue Normalität: Frieden wird die Ausnahme sein, sagt der Soziologe Richard Sennett.

Altes Denken: Wie der Militarismus einen Siegeszug durch unsere Köpfe angetreten hat.

Neuer Alltag: Stefan Scholl berichtet für die FR aus Moskau. Der Krieg hat sein Leben verändert.

Alte Ängste: Politologe Karl-Rudolf Korte über die Sorgen der Deutschen und ihr Krisenmanagement.

Neues Leben: Flucht aus Kiew, dann Neubeginn in Deutschland: Zwei Brüder berichten über ihr Jahr.

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Trotzdem scheinen das viele zu akzeptieren. Das Murren ist vor allem im Journalismus groß. Wie kann das sein?
Unsichere Wählerinnen und Wähler wählen keine unsicheren Politiker. Er strahlt sehr viel Sicherheit aus, indem er nur sehr zurückhaltend etwas zu Kriegsszenarien sagt. Dadurch vergaloppiert er sich nicht – und bedenkt durch diesen Stil auch, dass wir eine Zurückhaltungskultur aufgeben mussten. Als Pazifismus-Weltmeister ist die Wende außergewöhnlich, die viele im Land durchmachen. Insofern ist die Art der Behutsamkeit und Dosierung sehr populär, weil sie sich von irgendwelcher hurra-patriotischen Tonalität abgrenzt.
Aber ist sein Politikstil noch zeitgemäß, zumal ja auch in der Politik fast schon wie ein Mantra von Partizipation und Transparenz die Rede ist?
Politik ist immer begründungspflichtig. Das, was Scholz mit uns macht, ist zweifellos sehr anstrengend, weil er keine Erklärung anbietet, keine sinnstiftende Geschichte für sein Handeln. Aber man darf nicht vergessen: Gegenüber den Bürgern tritt die Politik mit vielen sichtbaren Protagonisten auf, die anders kommunizieren. Mit dem Zweitkanzler Robert Habeck, der nicht nur Vizekanzler ist, mit Finanzminister Christian Lindner und Außenministerin Annalena Baerbock zusammen. Alle vier artikulieren verschiedene Antworten gegenüber den Bürgern.
Sie meinen, die Rollenverteilung geht auf? Baerbock vertritt eine Werte-Außenpolitik gegenüber Diktaturen und Autokratien, während Habeck nach Katar fährt, um Energie zu besorgen.
Ja, das ist eine Aufgabenverteilung, die sogar innerhalb der Grünen gut funktioniert. Das ist eine feministische Außenpolitik, die im Koalitionsvertrag steht, und eine extrem wertegetriebene und nicht in erster Linie durch Diplomatie bestimmte Außenpolitik. Das ist neu, sie wirkt lauter, pointierter als beim Vorgänger. Andere Regierungsvertreter, darunter Vizekanzler Habeck, sind vergleichsweise eher interessengeleitet unterwegs. Da kann es zu klassischen Spannungsverhältnissen kommen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Karl-Rudolf Korte zum Ukraine-Krieg: „Die Krisen stabilisieren eine Regierung“

Apropos Spannungsverhältnisse: In der Waffendebatte ist die SPD unter Druck, um nicht zu sagen: gespalten. Wird das noch zur Zerreißprobe in diesem Jahr?
Die Krisen stabilisieren eine Regierung, das betrifft die Frage, wie die Ukraine unterstützt wird, aber auch, wie für Energiesicherheit gesorgt wird. Ich sehe da bei allen Parteien paradoxe Politik, eine Umkehrung zu dem, was in den Wahlprogrammen steht. Die FDP muss immer mehr Schulden verantworten und anders verbuchen, damit es nicht mit der Schuldenbremse kollidiert. Die Grünen suchen verzweifelt nach den letzten fossilen Resten, die es in Europa und der Welt gibt.
Und die SPD?
Die SPD mit einer großen Pazifismus-Tradition liefert Kriegswaffen. Das ist für alle Partner eine Umkehrung dessen, was sie machen wollten. Die Spannungen in der SPD werden derzeit aber durch die Regierungsperformance überlagert, sonst würden sie aufbrechen. Regieren diszipliniert die inneren Verwerfungen innerhalb der Bundestagsfraktion und zwischen dem Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich und dem Parteivorsitzenden Lars Klingbeil, der vielmehr auf Leadership und eine Art Godesberg-Wende bei Militärfragen seiner Partei setzt als der Fraktionsvorsitzende.
Der These nach wäre es ein historisches Gelegenheitsfenster, dass ausgerechnet linksliberale Parteien an der Macht sind, die eine Kehrtwende im Militärischen durchsetzen. So wie es ein Momentum war, dass die Union die Wehrpflicht abschafft und die Schröder-SPD die soziale Unterstützung kürzt?
Ja, „Nixon goes to China“ – das ist das paradoxe Momentum. Umso wichtiger ist, dass man diese Kehrtwenden erklärt, um uns alle im Spiel zu halten. Man sieht bei den Umfragedaten, dass das Pragmatische funktioniert und nicht das Ideologische. Die FDP hängt allerdings noch an einigem Traditionellen fest, in der Verkehrspolitik zum Beispiel, und produziert deshalb auch schlechte Umfragewerte. Das an die Zeitenwende neu Angepasste goutieren die Wähler.
Bei der Waffendebatte sind die Grünen relativ einstimmig, da wundert man sich. Wo sind all die Friedensbewegten hin? Ist das eine Generationenfrage?
Ja, das ist eine Generationenfrage. Aber die Friedensbewegung war immer nur ein Teil der Grünen. Da gibt es noch ganz andere Wurzeln, insofern ist die innere Kontroverse bei den Grünen viel stärker bei Themen wie Klima und Umwelt, wie lange man mit fossilen Energien überbrücken muss, bis man wieder voll auf Erneuerbare setzen kann. Das ist viel dramatischer innerparteilich umkämpft als die Fragen von Waffenlieferungen und der Unterstützung der Ukraine.

Karl-Rudolf Korte zum Ukraine-Krieg: „Die Sprache transportiert oft einen Alarmismus, der befremdet“

Hat es Sie überrascht, wie geschmeidig gerade die linksliberalen Parteien auf den militärischen Jargon und die Aufrüstung umgesattelt sind?
Die Sprache transportiert oft einen Alarmismus, der befremdet. Dass Themen der Wehrhaftigkeit so exponiert vorgetragen werden, dass man meint, man müsse jetzt auch die verschiedenen Panzergattungen auswendig lernen, ist ungewöhnlich. Das ist nach wie vor irritierend, aber Symptom eines nachholenden Begreifens. Viele haben gedacht, und ich schließe mich da nicht aus, dass wir Wehrhaftigkeit vor allem nach innen brauchen, aber nicht mehr nach außen.
Wenn wir über Szenarien für die Zukunft nachdenken: Bleibt es bei der Zustimmung für das Krisenmanagement? Oder kann es nicht sein, dass kommende Probleme das politische System an die Belastungsgrenze bringen? Wenn die Ukraine versuchen sollte, die Krim zurückzuerobern. Wenn die Energie doch ausgeht – oder Putin Deutschland sehr konkret mit einem Atomkrieg droht?
Wir können Krise. Die Corona-Pandemie war eine große Generalprobe. Von der Arbeitslosenstatistik bis zur Energiepolitik, es scheint, als habe die Politik sehr adäquat reagiert. Die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger ist offenbar zufriedengestellt worden, und das nicht nur durch „Entlasteritis“, sondern durchaus mit dosierten Zumutungen. Die Gesellschaft hält solidarisch zusammen. Das ist erst einmal eine sehr wichtige Erfahrung, um widerstandsfähig zu bleiben.
Gut, aber mir scheint, dieses Grundvertrauen teilen nicht alle.
Die andere Antwort auf Ihre Frage ist: Die Unberechenbarkeit bleibt das Prinzip der Politik. Es ist eine neue Erfahrung, dass es eine Erwartungssicherheit gegenüber dem Unerwarteten gibt. Das hängt mit komplexer Politik zusammen, die nicht serienmäßig verläuft, sondern disruptiv. Wir können deshalb auch den Modus des Regierens als Modus des Nachbesserns erkennen. Wenn ich ein Gesetz mache, dann muss ich es wahrscheinlich nach einigen Wochen nachbessern, weil ich dann einen neuen Wissensstand habe. Die Widerstandsfähigkeit unseres Systems hängt davon ab, welche Tools wir entwickeln, um Resilienzerfahrungen einzubringen. Wie schalten wir zum Beispiel um zwischen zentralen und dezentralen Ebenen?
In der Corona-Pandemie war das die Ministerpräsident:innenkonferenz, die von vielen als dysfunktional angesehen worden ist.
Genau, die hat sich in der ersten Phase von Corona bewährt, aber danach nicht mehr. Im Falle der Sicherheitspolitik brauchen wir eine Krisenexekutive, die mandatiert von Bundestag und Bundesrat ist.
Karl-Rudolf Korte.

Zur Person

Karl-Rudolf Korte (64) ist nach mehreren Vertretungsprofessuren seit 2002 Professor für Politikwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. Mit der Gründung im Jahr 2006 wurde er zudem Direktor der NRW School of Governance. Seit mehr als 20 Jahren begleitet er als Parteienforscher die Wahlsendungen im ZDF.

In Mainz und Tübingen hat Korte Politikwissenschaften, Germanistik und Pädagogik studiert, in München hat er habilitiert. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Karl-Rudolf Korte zum Ukraine-Krieg: „Eskalationen können natürlich kommen“

Das heißt, selbst eine Kriegseskalation über die Ukraine hinaus muss uns nicht erschüttern, weil sich die Krisenpolitik bewährt?
Eskalationen können natürlich kommen. Eine Gesellschaft wie die deutsche, die sehr ängstlich und risikoavers ist, wird sich dann noch staatsfrommer zeigen und sich hinter einer Regierung scharen, die das Problem lösen soll. Ich erkenne keine Aufstände und große Protestzüge, sondern eher im Gegenteil eine Art von Super-Etatismus. Unsere politische Kultur ist angstanfälliger als andere, wir sind ein Wolf-Erwartungs-Land. Das unterscheidet uns von den angelsächsischen Ländern, und es gibt auch viele eingebildete Ängste, die hier sehr ausgeprägt sind. Diesen Hebel kann Putin zwar schnell bedienen, aber das würde eher zu einer stärkeren Umarmung der Bundesregierung führen und weniger zum Straßenprotest.
Könnte eine Partei wie die AfD von solchen Ängsten vor Krise und existenzieller Not profitieren?
Das ist Protest, mit Empörungsfolklore garniert. Aber im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind die Wahlerfolge der AfD hier eher gering, auch wenn sie vor allem im Osten Wahlen gewinnen könnte. Dort ist die Bevölkerungszahl gering, deshalb sollte man das nicht überbewerten. Eher nimmt die Macht der Mitte zu, während die Ränder marginalisiert werden. Das ist eine deutsche Besonderheit, ein Sonderweg in Europa.
Und die CDU? Mir scheint, die Krisen-Exekutive der Ampel macht den Konservativen die Themen streitig – in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik vor allem.
Ja, in Krisen wird kooperative Opposition in Deutschland belohnt, nicht fundamentale. In dieser Zeitenwende mit Eskalationsgefahr wird durchaus positiv gewertet, dass die Union einiges an der Politik der Ampel zur Sicherung der Ukraine unterstützt. Andererseits ist es schwierig für die, ein bürgerliches Alleinstellungsmerkmal als Union zu entwickeln, dass nicht rot, grün oder gelb ist.
Ihre Analyse stimmt positiv, um nicht zu sagen: euphorisch. Sie sind trotz der Krise so guter Dinge, was die politische Kultur in Deutschland angeht?
Nach vielen Jahren der Großen Koalition müssen wir lernen, dass die Politik vielstimmiger ist und dass die Kanzlerdemokratie in dieser Frage nicht mehr so monolithisch funktioniert. Die Macht kann im Kanzleramt sein, muss aber nicht. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass wir einige Vorsitzende von Bundestagsausschüssen kennen, die wir vorher nicht kannten. Das macht Politik lebendiger, aber auch unfertiger und anstrengender. Endlich ist die Diskursallergie der Großen Koalition beendet. So wie wir offenbar gemeinsam Zukunft in Krisen gestalten, spricht das für ein Comeback der Zuversicht für 2023.

Das Interview führte Martin Benninghoff.

Rubriklistenbild: © afp

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