Militarismus

Ukraine-Krieg und Pazifismus: Wie der Militarismus einen Siegeszug durch unsere Köpfe angetreten hat

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Pazifismus ist plötzlich nicht mehr zeitgemäß. Zivile Töne werden lautstark überstimmt. Sind wir auf dem Weg in eine militarisierte Gesellschaft?

Frankfurt – Der Schriftsteller Mark Twain hat nicht nur wunderbare Figuren wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn erfunden, sondern sich auch Gedanken zur menschlichen Natur gemacht. Klug stellte er fest: „Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt.“ Mit anderen Worten: Gewalt als Mittel im Konflikt abzurufen, ist im menschlichen Bewusstsein stärker verankert als friedfertige Alternativen.

Wir haben erst ein Jahr Krieg hinter uns und wissen nicht, wie viele es noch sein werden. Alles, was mit uns geschieht, verstößt nicht gegen die Normalität, es ist die neue Normalität. Und dein Leben wird in dem Augenblick leichter, indem du begreifst, dass es nicht mehr leichter wird.

Pawlo Kasarsin, ukrainischer Soldat und Blogger

Noch zu Beginn des vergangenen Jahres hätte wohl niemand gedacht, dass sich Twains Beobachtung auch in den deutschen Verhältnissen widerspiegelt. War es nicht über viele Jahrzehnte eine weitverbreitete Haltung, Krieg und Gewalt als Mittel der Politik grundsätzlich abzulehnen? Ein erstaunlicher Prozess der Entmilitarisierung des Denkens hatte das Land erfasst, hatte das gesellschaftliche Leben und politische Entscheidungen zunehmend geprägt. Die Deutschen fühlten sich vom Krieg regelrecht abgestoßen – was sich in der diplomatisch basierten Außenpolitik ebenso niederschlug wie in der Marginalisierung der Bundeswehr oder der Verweigerung der Regierung, bei allen kriegerischen Anti-Terror-Einsätzen mitzumischen.

Doch dann kam mit dem 24. Februar 2022 die massivste Irritation und Erschütterung dieses Grundgefühls und veränderte die Parameter deutschen Denkens. Und Handelns. Ein vom Sowjetimperialismus besessener russischer Präsident ließ die Ukraine überfallen und zerschoss mit seinem völkerrechtswidrigen Krieg die bislang geltende geopolitische Ordnung. Die Lieferung von Verteidigungswaffen an die Ukraine ist seitdem notwendig und geboten, damit sich das Land der Aggression erwehren kann. Es darf nicht sein, dass Putin und seine Soldateska ihr Ziel erreichen und die Souveränität des Nachbarlandes brutalstmöglich auslöschen.

Wahrer Diskurs braucht Vielfalt der Positionen: Friedensdemonstration für die Ukraine am 27. Februar 2022 in Berlin.

Ukraine-Krieg: Jeder Zweifel wird als Feigheit vor dem Feind niedergemacht

Während die Menschen in der Ukraine seit einem Jahr um ihr Überlebensrecht kämpfen, hinterlässt der Krieg seine Spuren auch hierzulande. Anstelle der lang gehörten zivilen Töne sind nun eindeutig andere laut. Ein militarisiertes Denken schiebt sich öffentlich zunehmend in den Vordergrund – angetrieben durch eine Verkürzung der Diskurse auf immer schlagkräftigere Waffen, untermalt von einem lauter werdenden Chor der Entrüsteten, die jedes Bedenken als Feigheit vor dem Feind niedermachen.

Sind wir auf dem Weg in eine militarisierte Gesellschaft? Verschiedene Anzeichen sprechen in der Tat für eine Zäsur: Fragen der kollektiven Sicherheit werden in einen militärischen Kontext eingebettet; der materielle Status der Streitkräfte und ihre kulturelle Bedeutung werden deutlich gestärkt; militärische Gewalt als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln hat sich wie selbstverständlich ins Alltagsbewusstsein der Bevölkerung gefressen und wird in Teilen der Politik und weiten Teilen der Medien als alternativlos propagiert.

Wobei klar sein sollte, dass hier nicht von Militarismus die Rede ist, von der Dominanz militärischer Wertvorstellungen und Interessen in Politik und gesellschaftlichem Leben, die das Gemeinwesen militärischen Anforderungen unterwirft. Vielmehr geht es um Tendenzen – um eine Militarisierung der Gesellschaft als Prozess, der stellenweise offen, stellenweise verdeckt abläuft. Und der umso gefährlicher wird, je stärker er ziviles Denken untergräbt. Dabei lässt sich diese Entwicklung sowohl auf einer materiellen als auch einer diskursiven Ebene beobachten.

FR-Ausgabe: Ein schwarzer Tag

Der russische Angriff auf die Ukraine markiert eine Zäsur. Wie der Krieg das Denken militarisiert und sich die Sicherheitslage in Europa verändert, untersucht die Themenausgabe der Frankfurter Rundschau vom 24. Februar 2023, der wir diesen Text entnommen haben. Weitere Aspekte daran:

Neue Normalität: Frieden wird die Ausnahme sein, sagt der Soziologe Richard Sennett.

Altes Denken: Wie der Militarismus einen Siegeszug durch unsere Köpfe angetreten hat.

Neuer Alltag: Stefan Scholl berichtet für die FR aus Moskau. Der Krieg hat sein Leben verändert.

Alte Ängste: Politologe Karl-Rudolf Korte über die Sorgen der Deutschen und ihr Krisenmanagement.

Neues Leben: Flucht aus Kiew, dann Neubeginn in Deutschland: Zwei Brüder berichten über ihr Jahr.

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Um die materielle Militarisierung zu beschreiben, liefert der Globale Militarisierungsindex (GMI) des Internationalen Konversionszentrums Bonn verlässliche Daten. Das Zentrum analysiert alljährlich bei 154 Staaten die Bedeutung des Militärapparats im Verhältnis zur Gesellschaft. Und stellt für 2022 fest: Die Anzahl schwerer Waffen ist weltweit auf ein so hohes Level gestiegen wie zuletzt 2012.

Für Deutschland haben sich die Bonner Wissenschaftler:innen mit dem Scholz’schen Sondervermögen befasst und der angekündigten Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Untersucht wurde, wie sich die Bundeswehrpläne auf den Militarisierungsgrad der Gesellschaft in den kommenden vier Jahren auswirken werden. Das Szenario: Sollten sich die anvisierten Ziele der Bundeswehr im Bereich Personal, Ausgaben und Beschaffung erfüllen, wird Deutschland 2027 „wahrscheinlich einen Militarisierungswert von 131 erreichen und damit eine deutliche Militarisierungsdynamik im Vergleich zu 2022 aufweisen“. Im Globalen Militarisierungsindex würde die Bundesrepublik dann Platz 89 belegen, so das Konversionszentrum. Das sind 14 Ränge höher als bisher.

Ukraine-Krieg: Was für bedrückende, bedrohliche Aussichten!

Was für bedrückende, bedrohliche Aussichten! Was für ein Schlag gegen alle, die eine Militarisierung demokratischer Politik zu Recht als zivilisatorischen Rückschritt verurteilen. Selbst wenn sich die Ressourcenverteilung nicht unmittelbar auf die Kriegs- und Gewaltbereitschaft einer Gesellschaft auswirkt, werden hier Mittel verschlungen, die in der zivil-präventiven Krisen- und Konfliktbearbeitung fehlen.

Blickt man neben der materiellen auf die diskursive Militarisierung des Landes, lässt sich auch nichts Erfreuliches feststellen. Die Reaktionen auf die jüngst veröffentlichten Aufrufe zu Friedensverhandlungen sprechen eine hässliche Sprache. Als „politobszön“ und „amoralisch“ kommentiert die taz das von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer initiierte „Manifest für Frieden“. Weil Deutschlands bekannteste Theologin, Margot Käßmann, mitunterschrieben hat, wird sie vom ukrainischen Vize-Außenminister Melnyk als „Pastorin der Schande“ beschimpft. Das Manifest sei eine „Komplizenschaft mit dem Aggressor“, erbost sich der Politikwissenschaftler Herfried Münkler.

Es ist eine erstaunliche Wut, oft unterfüttert durch bellizistische Ansichten, mit der die Schützengraben-Kommentatoren das Manifest zerschießen. Als ginge es hier um Staatsräson, als wäre bereits der Aufruf zum Frieden ein Verbrechen. Nur leider gehört das Wagenknecht-Schwarzer-Papier tatsächlich in die Tonne – es ist intellektuell und friedenspolitisch extrem unterkomplex. Zudem benennt es weder die Täter noch stimmen die angeführten Fakten. Was immer die beiden Frauen treibt, die Liebe zum Frieden sicher nicht. Die Haltung, mit der sich Wagenknecht/Schwarzer ein pazifistisches Mäntelchen umhängen – nur Camouflage. Sie schaden der Sache, der sie vorgeben zu dienen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Einen hellsichtigen Einspruch gegen das Manifest formuliert die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr: „Ein politisch kluger Pazifismus unterscheidet sich von einem einfachen Gesinnungspazifismus“, schreibt sie in der FR. „Er orientiert sich nicht nur an dem Leitwert, das Töten schnellstmöglich zu beenden. Er wägt auch unterschiedliche Wege zu diesem Ziel umsichtig ab, bleibt selbstkritisch und handelt zum rechten Zeitpunkt.“ Nichts von dieser Klugheit findet sich bei Wagenknecht/Schwarzer.

Ganz anders dagegen das „Plädoyer“ des Philosophen Jürgen Habermas. Er fordert ein „öffentliches Nachdenken über den schwierigen Weg zu Verhandlungen“ und kritisiert die materielle und diskursive Militarisierung der Gesellschaft. „So scheint der Prozess der Aufrüstung eine eigene Dynamik anzunehmen“, schreibt Habermas in der „Süddeutschen Zeitung“, „angetrieben durch den bellizistischen Tenor einer geballten veröffentlichten Meinung, in der das Zögern und die Reflexion der Hälfte der deutschen Bevölkerung nicht zu Worte kommen.“ Sein Appell: Der Westen muss sein Engagement vom Ende her denken, da er eine Mitverantwortung für den Verlauf des Krieges trägt.

So sehr sich Habermas’ Plädoyer in Inhalt und Substanz vom Wagenknecht-Schwarzer-Manifest unterscheidet, so wenig kümmert das einschlägige Kommentator:innen, für die jeder Friedensgedanke nichts als Gedöns ist. Wer Verhandlungen fordert, ist ein „Lumpenpazifist“ (Sascha Lobo), wer Weltkriegsangst eingesteht, macht sich zum Büttel von Putins Propaganda. Als „Abwehrzauber“ bezeichnet der „Spiegel“ das Habermas’sche Plädoyer, als bewege sich der Philosoph gedanklich im Harry-Potter-Land.

Ukraine-Krieg: Friedenspolitische Alternativen erfüllen eine wichtige Kritikfunktion

Selbst die „Süddeutsche Zeitung“ hat offenbar Sorge, in den pazifistischen Senkel gestellt zu werden. Wohl aus diesem Grund entscheidet sich das Blatt für ein publizistisch ungewöhnliches Vorgehen: Die Redaktion ergänzt Habermas’ Plädoyer durch einen beigestellten Text. In dem wird erklärt, was der Philosoph eigentlich denkt und meint – als wäre die Leserschaft nicht in der Lage, das selbst zu kapieren. Explizit versichert der Beistelltext, dass Habermas sich ja keineswegs „gegen Waffenlieferungen an die Ukraine“ ausspreche. Was ist das anderes als vorauseilende Angst vor dem, was Habermas selbst den „bellizistischen Tenor einer geballten veröffentlichten Meinung“ nennt?

Geht es um die diskursive Militarisierung, sticht auch Ursula Schröder hervor, Direktorin des Instituts für Friedensforschung in Hamburg. Seit Monaten tut sich die Wissenschaftlerin als beinharte Verfechterin einer militärisch dominierten Sicherheitspolitik hervor. Ängste vor einem Atomkrieg bezeichnet Schröder gern als „diffuses Gefühl“. Die öffentlichen Aufrufe für Verhandlungen diskreditiert sie im Deutschlandfunk als „vulgär-pazifistische Positionen“. Sollte sie etwa auch Habermas damit meinen? Man muss sich von der Stimmungslage der Nation schon sehr getragen fühlen, um sich eine derartige intellektuelle Frechheit anzumaßen.

Wie soll sich Deutschland im weiteren Verlauf des Krieges verhalten? Mehr Waffen? Friedensverhandlungen um jeden Preis? Das Land ist deutlich gespalten. Gleichzeitig aber wird die Debatte von der Fraktion dominiert, die militarisiertes Denken legitimiert und versucht, eine Mehrheit für gewaltförmige Politiken zu gewinnen. Es ist auch diese Schieflage im Diskurs, die selbst schlechten Manifesten Hunderttausende Unterschriften beschert.

Das Zivile als Alternative zum Militärischen erfüllt eine bedeutsame Kritikfunktion. Friedenspolitische Stimmen schaffen die dafür nötige Unruhe. Sie nicht zu hören, fördert das massive Unbehagen, das die Hälfte der Bevölkerung umtreibt. Wenn Sicherheits-, Verteidigungs- und Rüstungsfragen eine Vorrangstellung eingeräumt wird, setzt ein Prozess der Militarisierung ein, der für diplomatische Lösungen von Konflikten und die Verhinderung von Gewalt kontraproduktiv ist. Es ist ein Weg in die Sackgasse, an deren Ende nicht weniger, sondern mehr Gewalt, Rüstung und Krieg stehen wird. (Bascha Mika)

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