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Ukraine zielt weiter auf Russlands Militär-Unterkünfte – Putins Armee in hoffnungslosem „Kampf gegen das Handy“?

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Eine gefährliche Aktion im Ukraine-Krieg – jedenfalls in größeren Gruppen: Ein ukrainischer Soldat am Smartphone. (Archivbild)
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Die Ukraine hat offenbar neue Schläge auf russische Militärunterkünfte verübt. Womöglich gelingt das auch wegen Soldaten-Fehlern am Smartphone.

Kiew/München – Russland hat eine Feuerpause über das orthodoxe Weihnachtsfest angekündigt. Die Ukraine vermutet indes eine „zynische Falle“. Geruhsame Weihnachten düften Wladimir Putins Soldaten also nicht bevorstehen – Kiew setzte zuletzt auf gezielte Schläge gegen russische Truppenunterkünfte. Und ein Stopp ist nicht in Sicht. Gleich mehrere „Gebiete russischer Personalkonzentration“ seien getroffen worden, teilte der ukrainische Generalstab am Donnerstag (5. Januar) mit.

„20 Attacken“ am Vortag zählte der Generalstab nach eigenen Angaben, wie Kyiv Independent berichtete. Allerdings nannte Kiew diesmal keine Zahlen zu Verlusten der russischen Armee. Von 300 bis 400 Toten war nach einem Schlag im ostukrainischen Makijiwka nahe Donezk in der Neujahrsnacht die Rede. Ein ähnlicher Großangriff in Tschulakiwka im Süden Chersons war schon am Dienstag gefolgt.

Auch in Russland sorgte das für Aufregung: Heftige Kritik war die Folge – allerdings eher an den militärtaktischen Kenntnissen der prorussischen Rebellen. Wladimir Putins Propagandamaschinerie will das Geschehen offenbar nutzen. Aber auch die Aufarbeitung der russischen Misere läuft schon.

Ukraine-Schläge auf russische Unterkünfte: Ist das Smartphone schuld?

Der Kreml gab teils den Soldaten vor Ort die Schuld – sie hätten ihre Smartphones genutzt. „Es ist bereits klar, dass der Hauptgrund der Ereignisse die massive, verbotswidrige Nutzung von persönlichen Mobiltelefonen in Reichweite gegnerischer Waffen war“, erklärte das Verteidigungsministerium von Sergej Schoigu zufolge. Mit den entstehenden Daten habe die Ukraine den Standort der Streitkräfte herausfinden können.

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gegen Handys zu kämpfen, ist genauso nutzlos wie zum Beispiel Prostitution zu bekämpfen.“

Ein russischer Militär-Blogger gibt sich ernüchtert.

Das ist nicht die einzige Deutung. Russischen Kriegsbloggern zufolge hätten Kommandeure fahrlässigerweise eine große Zahl Soldaten zusammen untergebracht, schreibt die New York Times. Berichten zufolge zudem in unmittelbarer Nähe von Munitionslagern, die zusätzlich detonierten. Womöglich hat Handy-Nutzung etwa in Makijiwka nur am Rande eine Rolle gespielt. Die mehreren hundert russischen Soldaten nicht zu bemerken, könne nur den „Schwachköpfen in unserem (dem russischen) Verteidigungsministerium“ passieren, zitierte der Tagesspiegel den offenbar der Gruppe Wagner nahestehenden Telegram-Kanal „Greyzone“.

Nach Recherchen der New York Times war Russland aber auch tatsächlich mit einem Handy-Verbot erfolglos – teils seien sogar von Ukrainern erbeutete Telefone genutzt worden. „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gegen Handys zu kämpfen, ist genauso nutzlos wie zum Beispiel Prostitution zu bekämpfen“, zitierte die Times einen russischen Blogger. Zumal die Smartphones teils auch genutzt würden um etwa eigenes Artillerie-Feuer zu lenken.

Der österreichische Standard verwies auf eine erst jetzt bekannt gewordene Episode aus dem vergangenen Dezember: Damals habe ein russischer Freiwilliger Selfies mit Mitgliedern einer Geheimdienst-Spezialeinheit im besetzten Cherson geschossen und auf dem russischen Facebook-Äquivalent VKontakte gepostet – samt Geotag und dem Zeitpunkt der Rückkehr von einem Einsatz. Ukrainische Raketen hätten in der Folge die Unterkunft zerstört. Sogar das habe der Soldat per Foto dokumentiert. Laut New York Times waren aber auch ukrainische Zivilisten auf der Suche nach Handyempfang bereits in (gezieltes) russisches Feuer geraten.

Russlands Militärunterkünfte schwer getroffen: Neue Propaganda-Antwort von Putin?

Mit Blick auf Makijiwka sprach Russland zuletzt von 89 getöteten Soldaten – zuerst hatte es 63 Todesopfer eingeräumt. Nach Einschätzung des taz-Auslandsjournalisten Dominic Johnson hat der Kreml diese Zahl aber nicht genannt, um eigenes Versagen einzuräumen – sondern um die Angriffe „propagandistisch auszuschlachten“. Sie sollten der russischen Bevölkerung das „Ausmaß der ‚Bedrohung‘“ klarmachen. Bei einer Trauerfeier habe eine Generalsgattin erklärt: „Wir zerschlagen den Feind.“

Der Vorfall löste im Internet in Russland aber auch Kritik an der Militärführung aus. „Nicht die Mobiltelefone und ihre Besitzer sind Schuld, sondern die banale Fahrlässigkeit der Kommandeure, die, da bin ich mir sicher, nicht einmal versucht haben, die Menschen aus dem Gebäude zu verlegen“, hieß es in der Telegram-Gruppe „Notizen eines Veteranen“, der 200.000 Konten folgen. Die Ukraine will unterdessen nach eigenen Angaben „tiefer und tiefer“ in Russland zuschlagen. Bei sehr gezielten Schlägen – etwa auf die Unterkünfte – hilft wohl auch der US-Raketenwerfer Himars. (fn mit Material von dpa)

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