VonStefan Schollschließen
Für viele Kremlbeamte und Dollarmilliardäre ist Wladimir Putin nach Prigoschins Aufstand jemand, der Probleme nicht löst, sondern schafft.
Russlands Elite schlachtet sich seit längerem selbst. Am Telefon: „Tschemisow, der Hund, spielt hier Golf, ihm ist alles scheißegal, dabei ist er für die Rüstungsindustrie verantwortlich“, schimpfte Prigoschin im März. „Sie sind ein Volk von Oberfickern, führen sich auf wie Könige.“ Jossif Prigoschin, 54, ist ein bekannter russischer Schlagerproduzent, der Multimillionär war Vertrauensmann Wladimir Putins bei der vergangenen Präsidentschaftswahl. Prigoschin behauptet bis heute, er habe so etwas nie gesagt, der Mitschnitt seines Telefongesprächs mit dem Rohstoffmagnaten und Dollarmilliardär Farchad Achmedow sei ein Fake gewesen.
Aber am 23. Juni bestätigte ein anderer Multimillionär namens Prigoschin den Unmut über „die Missgeburten“. „Den Oligarchen da oben geht es nur um ihre Körper, darum, ihn möglichst lange zu pflegen, diese Hirnkranken.“ Jewgenij Prigoschin, 62, Inhaber von Catering-Firmen, Online-Troll-Agenturen und der Söldnertruppe Wagner, hielt seinen letzten Videomonolog vor dem Putschversuch. Auch eine Schmährede gegen die herrschende Klasse, der er selbst angehört.
Seine Revolte brach Prigoschin einen Tag später wieder ab. Aber sie gilt in Russland inzwischen als Zeitenwende für Wladimir Putins Regime. Als Wende zum Schlechten. Weil sie gezeigt hat, wie heftig Antipathien und Ängste in Putins Elite gären. Und wie die Treue zum Staatschef zusehends enttäuschter Distanz weicht.
Clans streiten um den Einfluss auf Putin
Auf beiden Seiten waren zehntausende Soldaten unterwegs, brennende Armeehubschrauber stürzten vom Himmel. Aber es war kein Massenaufstand, eher etwas Elitäres, fast Intimes wie etwa die Beseitigung des Zaren Peter III. durch seine deutsche Frau, die spätere Katharina II., und ihren Liebhaber, den Grafen Grigorij Orlow 1762.
Der Putschist Jewgenij Prigoschin wollte Verteidigungsminister Sergei Schoigu gefangen nehmen und auch dessen Generalstabschef Waleri Geramissow. Animositäten gegen Schoigu sind nichts Neues. Schon im März erzählte Jossif Prigoschin Rosneftchef Igor Setschin, Rüstungsboss Tschemisow und Viktor Solotow, Kommandeur der Nationalgarde, alte Freunde Putins aus Sankt Petersburg, versuchten gemeinsam, Schoigu zu entmachten, mit dem Argument, er habe in der Ukraine versagt.
Seit Jahrzehnten machen sich Fraktionen und Klans der politischen Elite den Einfluss auf Putin streitig. Der Staatschef ist die letzte Instanz aller russischen Machtspiele, alle haben immer nach seinen Regeln gespielt. Auch Prigoschin soll noch während des Putsches versucht haben, Putin telefonisch zu erreichen. Aber gleichzeitig rollten seine Panzer Richtung Moskau.
Sie rollten auf eine sich leerende Hauptstadt zu. Schon am Vorabend sollen viele Beamt:innen und Staatskonzern-Manager Flugtickets für ihre Familien gebucht haben – wenigstens bis nach Sankt Petersburg.
Es stimmt nicht, dass Putins Apparat beim Putsch komplett versagt hat. Anton Waino, der Chef der Präsidialverwaltung, andere Kremlbeamte und Militärs verhandelten mit Prigoschin, schalteten den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko als Vermittler ein. Unklar ist, wer oder was Prigoschin dazu brachte, seine „Sturmtruppen“ vor Moskau abdrehen zu lassen. Aber alle, die an diesem Tag im Zentrum der Macht arbeiteten, erlebten dort seltsame Leere. Nach Angaben der Plattform Flightradar24 verließ auch Wladimir Putins Präsidentenjet kurz nach 14 Uhr Moskau Richtung Norden und kehrte erst nach der Meuterei zurück. „Er war gestern nirgendwo“, sagte ein anonymer Kremlbeamter dem Exilportal meduza.io. „Er ist der Zar, die Nummer eins, aber verdammt, wieso mischt er sich nicht ein, wenn es nötig ist!“ Und ein Regierungsbeamter murrte: „Putin, Schoigu, niemand ließ sich blicken.“
Viele in den Büros am Roten Platz mögen sich jetzt die gleiche Frage stellen wie Alexander, 42, Flüchtling aus dem Donbass: „Warum hat Putin nicht mit Prigoschin telefoniert? Noch am Freitag. Wieso hat er ihm nicht gesagt: ,Ne, mein Junge, Schoigu kann ich nicht entlassen, sonst stehe ich als Verlierer da. Aber ich habe eigentlich gedacht, Du gehörtest auch zum Team. Was möchtest Du? Vielleicht können wir uns ja einigen.“ Aber dieser Putin blieb stumm.
Ein Teil des Gefolges scheint zumindest innerlich schon vorher auf Distanz zu ihrem Zaren gegangen zu sein. Laut agents.media schwiegen während der Revolte sieben von zwölf Mitgliedern des Sicherheitsrates zu den Ereignissen. Und TV-Propagandist Wladimir Solowjow gab sich noch zwei Tage später demonstrativ ratlos: „Mir sind all diese Ereignisse so unklar wie 99 Prozent der Russen.“
„Ja, er ist so leer wie ein Babyschnuller“
Russlands Elite hat angefangen, zu warten. Seit dem 24. Februar 2022 wartet sie auf das Ende der „Militärspezialoperation“ gegen die Ukraine. Topbeamte, Großunternehmer und Promis bangen um beschlagnahmte Immobilien oder eingefrorene Vermögen. Von 123 russischen Forbes-Milliardären 2021 sind noch 88 übrig geblieben.
Man telefoniert, berät sich, welche Villen in England oder der Schweiz man besser verkauft, klagt über die Hitze in Dubai, wo sich jetzt Yachten und Lofts der russischen Reichen ballen. Und über die Ukraine. Auch der Vizepräsident eines Moskauer Konzerns, der finanziell eigentlich von der Lage profitiert, sagt im Privatgespräch: „Wir müssen raus aus diesem Krieg.“
Putin ist inzwischen jemand, der die Probleme nicht löst, sondern schafft. Einer, der Russland tief ins Dilemma manövriert hat: Man führe in der Ukraine einen Krieg, der nicht zu gewinnen sei, erklärt ein Moskauer Politologe, der ungenannt bleiben will. Aber eine Rückgabe der annektierten Gebiete ist verfassungsmäßig unmöglich. „Darum wird es neue Konflikte und Machtkämpfe in der Elite geben, die auch zu blutigen Wirren führen können.“
Schon bei ihrem Telefonat im März schimpften Popproducer Prigoschin und Milliardär Achmetow heftig auf Putin. „Er ist kein Lenker, er steuert nicht, sagt immer das, was man für ihn geschrieben hat“ schimpfte Achmetow. „Ja, er ist so leer wie ein Babyschnuller“, antwortete Prigoschin. Es ist zu vermuten, dass die Mitglieder der Elite hinter der Kulisse angefangen haben, nachzudenken, wer den Babyschnuller ersetzen könnte. (Stefan Stoll)


