Politiker auf selbem Stand wie Medien

Prigoschins Coup-Versuch in Russland: Hat der BND geschlafen?

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Bruno Kahl, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), kommt zur Öffentlichen Anhörung der Präsidenten der Nachrichtendienste durch das Parlamentarische Kontrollgremium.
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Die Eskalation des Machtkampfes zwischen Wagner Chef Jewgeni Prigoschin und der russischen Militärführung hat viele überrascht - so wohl auch den Bundesnachrichtendienst.

Berlin - Der versuchte Putsch der Wagner Truppe, angeführt von Jewgeni Prigoschin, hat für Aufsehen gesorgt. Nachdem sich die Situation dem Anschein nach wieder beruhigt hat, stellt sich die Frage: Was wusste eigentlich der deutsche Bundesnachrichtendienst über die Entwicklungen - und wie wurde die Bundesregierung informiert?

Denn Recherchen des Spiegel legen nahe, dass der BND nicht gut vernetzt war und erst spät Informationen über die Vorgänge in Russland mit den Spitzenpolitikern teilen konnte. Der Machtkampf zwischen Prigoschin und dem Verteidigungsminister Sergei Schoigu könnte eine Wende im Ukraine-Krieg darstellen.

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Noch am Freitagmorgen trafen sich dem Bericht zufolge mehrere Bundestagsabgeordnete mit zwei hochrangigen Vertretern des BND. Gegenstand der Sitzung sei die Lage in der Ukraine gewesen. So sei über die Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte im Osten des Landes gesprochen worden. Worüber die Abgeordneten jedoch angeblich nicht informiert wurden: die Lage im Machtkampf zwischen Prigoschin und der russischen Militärführung.

Im Gegensatz dazu hatten amerikanische Medien berichtet, dass die US-Geheimdienste schon Freitag von den Plänen Prigoschins, militärisch gegen Russland vorzugehen, berichtet hatten. Wann hatte der BND das Kanzleramt benachrichtigt? Nach Angaben des Spiegel geschah das erst, als Prigoschins Soldaten bereits auf dem Weg nach Moskau waren.

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Darüber hinaus wurden andere Ministerien wohl erst im Laufe des Samstags über die Situation in Russland informiert. Zu jenem Zeitpunkt hatten die Wagner-Truppen bereits russische Stützpunkte im Land eingenommen und ein Marsch auf Moskau schien greifbar. In der Hauptstadt machte sich bereits Panik breit und Tickets für Flüge aus Stadt waren schnell darauf nicht mehr erhältlich.

Am Samstagabend hat es dann eine Telefonschalte des Auswärtigen Amtes, des Verteidigungsministeriums und den Obleuten der Bundestagsausschüsse für Auswärtiges und Verteidigung gegeben. Ein Teilnehmer erklärte dem Nachrichtenmagazin, dass der Kenntnisstand der Runde kaum über das hinausging, was in den Medien zu vernehmen war. Wie es seitens des deutschen Geheimdienstes zum Mangel an Informationen über den Putschversuch kam, wird BND-Chef Bruno Kahl wahrscheinlich in den kommenden Tagen erklären müssen. (lp)

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