Das fliegende Auge: Mit dem „East Shield“ wollen jetzt sechs Nato-Partner ihre Grenzen gegenüber Russland verstärken. Mit Hilfe von Drohnen und gleichermaßen gegen feindliche Drohnen (Symbolbild).
Panzergräben, fliegende Augen, vernetzte Luftabwehr: Polen, Balten und Skandinavier machen dicht gegen die kommenden Provokationen ihres Nachbarn.
Warschau – „Wenn wir immer wieder unsere eigene rote Linie aufgeben, laden wir Moskau lediglich dazu ein, seine feindseligen Aktionen unseren sich ständig ändernden selbst auferlegten Beschränkungen anzupassen“, sagt Radosław Sikorski. Gegenüber dem britischen Guardian machte sich der polnische Außenminister stark für eine „langfristige Wiederbewaffnung Europas“, wie der Guardian zusammenfasst. Sechs Nato-Partner planen jetzt eine „Drohnen-Mauer“ gegen Wladimir Putins aggressive Außenpolitik: Norwegen, Finnland, Polen und die drei baltischen Staaten.
In der britischen Times äußerte sich Lettlands Präsident ebenfalls mit dieser Idee: Die Nachbarn Russlands wollten sich gegen jede Art von Provokation Putins wappnen, auch davor, dass Putin „Migration als ,Waffe‘ einsetze, wie Edgars Rinkēvičs sagt. Lettland hat jüngst damit gedroht, russischstämmige Menschen ohne ausreichende lettische Sprachkenntnisse auszuweisen; befürchtet wird wohl die Unterwanderung des Volkes. Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung stammt die Mehrzahl der Einwohner ohne lettische Staatsangehörigkeit aus Russland, der Ukraine oder Weißrussland – sie leben dort beispielsweise wegen höherer Löhne oder der in Industrie und Wirtschaft weit verbreiten russischen Sprache. Laut dem Tagesspiegel habe jeder vierte Bewohner Lettlands russische Wurzeln.
Der „East Shield“ „bildet ein komplexes System von Abwehr- und Abschreckungsmaßnahmen. Es verbindet Zugangssysteme, aber wir werden auch moderne Anti-Drohnen- und Aufklärungssysteme kaufen und implementieren.“
Das soll sich jetzt ändern. „East Shield“ werde die Ost-Grenze der Nato verstärken, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Als „Drohnen-Wall“ bezeichnet die Times das Projekt, etwas differenzierter schreibt das Magazin Breaking Defense von einer Mischung aus physischen Barrieren gegen anrückende Landstreitkräfte und modernen Überwachungssystemen, „darunter einige mit künstlicher Intelligenz“. Breaking Defense sieht vorgeschobene Operationsbasen kommen, logistische Hubs und Systeme zur Drohnen-Abwehr.
„Das ist etwas völlig Neues“: Balten schützen ihre Grenze mit High-Tech
„,Das ist etwas völlig Neues – eine Drohnengrenze von Norwegen nach Polen, deren Zweck es wäre, unsere Grenze mithilfe von Drohnen und anderen Technologien zu schützen“, sagte Agnė Bilotaitė gegenüber der Nachrichtenagentur Baltic News Service, wie Newsweek die litauische Innenministerin zitiert. Nach verschiedenen Medienberichten, ist der Zweck des Projekts noch vage: entweder als Schutzwall gegen Drohnen oder als Schutzwall mit Drohnen – oder beides; da noch keine Einzelheiten bekannt sind, wird wahrscheinlich alles ins Kalkül gezogen werden.
Estlands Innenminister Lauri Läänemets sagte laut dem estnischenöffentlich-rechtlichen Rundfunk (ERR), „Estland wolle seine gesamte Ostgrenze mit Technologie ausstatten, die Drohnen erkennen und abwehren könne. Auch Großstädte müssten diese Fähigkeit installieren.“ Finnland ist interessiert, bleibt aber skeptisch – obwohl das zweitjüngste Nato-Mitglied die längste Grenze zu Russland besitzt. Auf mehr als 2.500 Kilometern grenzen Russland und die Enklave Kaliningrad an das Nato-Territorium. Dass die Drohnenmauer in naher Zukunft realisiert werde, hält Mari Rantanen für unwahrscheinlich, wie sie laut dem estnischen Rundfunk dem finnischen Sender Yle gegenüber geäußert haben soll.
„East Shield“ als Sechser-Pakt: Komplexes System zu Abwehr und Abschreckung
Russlands Grenznachbarn sind besorgt darüber, dass Moskau jüngst die Grenze am Fluß Narva offensichtlich durch Entfernen von Markierungsbojen aufgehoben oder einseitig versetzt hat, wie die Tagesschau berichtet hatte. Rantanen sieht in der Drohne daher ein „sehr gutes Überwachungsinstrument, insbesondere für lange Grenzen, wo es viele Bereiche gibt, in denen der Bau eines Grenzzauns weder praktikabel noch möglich ist. In diesem Sinne lohnt es sich, die neue Technologie voll auszunutzen“, wie sie vom estnischen Rundfunk zitiert wird. Der „East Shield“ „bildet ein komplexes System von Abwehr- und Abschreckungsmaßnahmen. Es verbindet Zugangssysteme, aber wir werden auch moderne Anti-Drohnen- und Aufklärungssysteme kaufen und implementieren“, sagte Polens Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Polen hat inzwischen den verteidigungspolitischen Turbo gezündet und gibt mit vier Prozent im Vergleich mit den Nato-Ländern höchsten Anteil des Bruttosozialprodukts für Rüstung aus. Radosław Sikorski machte sich gegenüber dem Guardian stark für eine zweigleisige Strategie der europäischen Länder und sagte: „dass wir uns während der Zeit der Friedensdividende und der Expeditionskriege auf hochwertige Hightech-Plattformen und Waffen konzentrierten. Erst jetzt entdecken wir wieder, dass man eigentlich nur Millionen von Granaten braucht. Man braucht auch große Mengen an Lowtech-Material.‘“
European Sky Shield Initiative kommt voran: Auch Polen mischt jetzt mit
Neben der Implementierung des „East Shield“ ist Polen auch jüngstes Mitglied der European Sky Shield Initiative (ESSI), einer europäischen Einkaufsgenossenschaft für Luftabwehrsysteme unter deutscher Federführung – Europa würde damit seinen gemeinschaftlich koordinierten Riegel beispielsweise an Patriot-Systemen bis an Russlands Grenze tragen; bisher hatte Polen seine Patriot-Systeme autonom beschafft. Möglicherweise wird der kommende Drohnen-Wall sogar mit der europäischen Luftverteidigung interoperabel gestaltet. Breaking Defense schreibt von einem geplanten technologischen Quantensprung.
Dem Magazin zufolge würden entlang der Grenze Basisstationen oder Masten errichtet werden für verschiedene Arten von Warn- und Ortungssystemen – beispielsweise für die Erfassung von Luft-, Satelliten- und Bewegtbildern, für die signalerfassende Aufklärung und für die akustische Aufklärung. Diese dienten als Zugänge für gekapselte Kommunikation sowie für Maßnehmen der elektronischen Kriegsführung sowie für die Drohnenabwehr. Laut Breaking Defense wolle Polen darüber hinaus „operative Zentren für die KI-gestützte Datenanalyse“ einrichten; polnische Militärs planen, diese Daten dann zu verknüpfen mit nachrichtendienstlichen, überwachenden und aufklärenden Systemen, die sich, laut Breaking Defense „automatisch mit Waffensystemen verbinden können“.
Lettland investiert in Technologie: „Können über den Aufbau einer Drohnenarmee sprechen“
Demnach schickt sich Polen an, der Techno-Hub der Nato zu werden. Daneben folgen die Polen offenbar auch dem Beispiel der Balten, die sich seit Neuestem klassisch einbunkern – mit einer Reihe von Befestigungen und Depots entlang ihrer Grenzen. Polen muss erst recht mit einer anrückenden landgestützten Invasionsarmee rechnen und will deren Bewegungen bestmöglich einschränken: mit Panzergräben, Minengürteln, Bunkern und ebenfalls Munitionsdepots. Breaking Defense berichtet aber ebenfalls von Bauarbeiten, die das Verlegen eigener Truppen beschleunigen: die Befestigung von Straßen und Ufern genauso wie die Verstärkung von Brücken für das Übersetzen beispielsweise von Panzertruppen.
Bereits verstärkt hatte Polen seine Abschottung gegenüber Weißrussland. Polens vorherige Regierung errichtete an der polnisch-weißrussischen Grenze einen Zaun, der mehr als 180 Kilometer lang und 5,5 Meter hoch ist, um vor illegaler Migration zu schützen. Ergänzt wird er durch ein System von Kameras und Sensoren zur Überwachung, schreibt Reuters. Gegenüber der Nachrichtenagentur sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Cezary Tomczyk, die Investitionen würden im ersten Quartal 2025 beginnen und voraussichtlich bis 2028 abgeschlossen sein.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Polen hofft, für einige der Projekte EU-Mittel in Anspruch nehmen zu können. 120 Millionen Euro für die European Sky Shield Initiative will Polen über die Europäische Investitionsbank stemmen. Auch Lettland investiert: in Drohnentechnik. Darüber berichtet beispielsweise die Nachrichtenagentur Bloomberg. Für 20 Millionen Euro wolle das Land Drohnen entwickeln und kaufen, sagte Verteidigungsminister Andris Spruds. Litauens Verteidigungsminister Laurynas Kasčiūnas will laut Bloomberg zehn Millionen Euro für Drohnen ausgeben – beide betrachten das Projekt auch als Stärkung ihrer industriellen Kapazitäten.
Die Letten sehen sich möglicherweise als Avantgarde eines technologisch aufgerüsteten Baltikums – zumindest danach zur urteilen, wie die junge Welt den lettischen Verteidigungsminister zitiert – Andris Spruds plant demnach die Eröffnung eines Drohnen-Testgeländes, die Ausbildung von Drohnenpiloten und einen „Ideenhackathon“ zum Thema „Drohnen für die Ukraine“: „Wir können metaphorisch über den Aufbau einer Drohnenarmee sprechen.“