Folge des Ukraine-Krieges

Sicherung der Nato-Ostflanke: Balten bauen Bunker gegen Putins Truppen

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Künftig jederzeit schussbereit: Zwei litauische Grenzschützer patrouillieren im Grenzgebiet zwischen Litauen und der russischen Exklave Kaliningrad. Die Sicherheitsstufe wird dort hochgeschraubt.
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Die drei baltischen Staaten mauern sich ein: Ein dichtes Netz von Bunkern soll Russlands Armee von einem Angriff auf die Nato-Ostflanke abschrecken.

Tallinn – Vom Stolperdraht über Betonklötze bis zum schweren Geschütz: Das Baltikum wird zum Hotspot der kommenden Jahre und sich in eine Festung verwandeln. Immerhin entscheidet sich womöglich dort das Schicksal der Menschen in ganz Europa, im schlimmsten Fall das der ganzen Welt. Jetzt nehmen die Balten ihr eigenes Schicksal erstmal selbst in die Hand, wie verschiedene Medien berichten: Estland, Litauen und Lettland wollen an ihren Grenzen zu Russland und Belarus rund 600 Bunker bauen, um militärische Bedrohungen durch Wladimir Putins Truppen abzuschrecken und gegebenenfalls abzuwehren. Das veröffentlichte das estnische Verteidigungsministerium am Freitag über die estnische Zeitung Postimees.

Estland und Litauen teilen sich mit Russland eine etwas mehr als 300 Kilometer lange Grenze, Litauen trennen von Russland beziehungsweise zur Exklave Kaliningrad rund 250 Grenz-Kilometer. Estland, Lettland und Litauen gehörten rund 45 Jahre zur Sowjetunion. Anfang 1990 erklärten sich die baltischen Staaten dann für unabhängig. Aber seit einigen Jahren nehmen die Spannungen mit Russland unaufhörlich zu. Die drei Länder haben Angst vor Moskaus Militär und dessen Einflussnahme – um so mehr seit dem Ukraine-Krieg. Seit 2004 gehört das Baltikum zum westlichen Verteidigungsbündnis Nato. 1997 war die Osterweiterung aber noch unter anderen Vorzeichen vorangetrieben worden.

Der Wunsch der Litauer wurde mit Blick auf die Nato-Russland-Grundakte von 1997 in Berlin lange Zeit abgelehnt. Der Vertrag sieht nämlich vor, keine substanziellen Kampftruppen – und als solche zählen Kräfte in Brigadestärke – dauerhaft auf ehemals sowjetisch kontrolliertem Gebiet zu stationieren. Eine Vorgabe, die bisher so strikt eingehalten wurde, dass die deutschen Streitkräfte mit einem nicht unerheblichen logistischen Aufwand nicht nur Personal, sondern auch Großgerät alle sechs Monate in und aus dem Land rotieren mussten, um dort Präsenz zu zeigen. Auch das ein Dorn im Auge Russlands, das sich in seiner Sicherheit bedroht fühlt.

Robust und gefechtsbereit: Bundeswehr macht sich in Litauen stark

Dieses Grundlagendokument der Ost-West-Beziehung sah jedoch auch keinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und nukleare Drohgebärden von russischer Seite vor, was dazu führte, dass sich unter anderem Polen und die Baltischen Staaten inzwischen schon lange nicht mehr an diese Vorgaben gebunden fühlen. Die Spannungen zwischen den ehemaligen Antipoden Russland und Amerika nahmen ohnehin wieder zu. 2023 folgte dann die Ankündigung des deutschen Verteidigungsministers, Boris Pistorius, dass Deutschland nun eine dauerhafte Brigade mit bis zu 5.000 Soldatinnen und Soldaten mit entsprechendem Gerät im Partnerland Litauen stationieren möchte. Robust und gefechtsbereit; zur Abschreckung und Verteidigung gegen russische Aggression solle diese Brigade dienen.

Darüberhinaus ist Deutschland mit schnellen Einsatzkräften zum kurzfristigen Einsatz im Baltikum befähigt – das Ergebnis ist die „Very High Readiness Joint Task Force“ Die Bundeswehr hatte schon vor Beginn des Russisch-Ukrainischen Kriegs zugesagt, 2015 einen Großteil der Truppen für die bis dahin geplante schnelle Eingreiftruppe zu stellen.

VJTF – die Speerspitze der Nato im Baltikum

Seit dem 1. Januar 2023 ist Deutschland Leitnation für die Very High Readiness Joint Task Force (VJTF), die Speerspitze der schnellen Eingreiftruppe Nato Response Force (NRF). Die VJTF zeichnet sich durch besonders kurze Alarmierungszeiten aus und wurde 2014 von der NATO als Reaktion auf die völkerrechtswidrige russische Annexion der ukrainischen Krim aufgestellt.

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 verlegten im vergangenen Jahr erstmals VJTF-Kräfte zur Abschreckung und zum Schutz der Nato-Grenzen nach Rumänien. Die Führung der VJTF obliegt wechselnden Nato-Bündnispartnern. 2022 war Frankreich Leitnation. Deutschland steht nun nach 2019 zum zweiten Mal an der Spitze der multinationalen Verbände. 2024 will Großbritannien die Verantwortung für die VJTF übernehmen. 

Die Nato Response Force ist die Reaktion auf sicherheitspolitische Entwicklungen, die die Nato-Bündnispartner sowie das Bündnisgebiet bedrohen. Den Kern der Landkomponente der VJTF 2023 bildete die Panzergrenadierbrigade 37 aus Frankenberg, Sachsen, ergänzt durch weitere Kräfte aus dem Heer, dem Sanitätsdienst, der Streitkräftebasis sowie dem Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum (CIR) – insgesamt rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten. Die Nato-Mitglieder Belgien, Tschechien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Niederlande, Norwegen und Slowenien stellten rund 3.500 Soldatinnen und Soldaten bereit, sodass die deutsch geführte VJTF Land rund 11.500 Soldaten aus neun Nationen umfasste. 

Die Führung des maritimen Anteiles der VJTF 2023 hatte die deutsche Marine im Januar 2022 von der niederländischen Marine übernommen. Der deutsche Beitrag umfasste bis zu 700 Marinesoldatinnen und -soldaten. Die Luftwaffe stellte rund 2.600 Soldatinnen und Soldaten für die VJTF bereit. Weitere Kräfte stammen aus der Streitkräftebasis, dem Sanitätsdienst und dem Kommando Cyber- und Informationsraum.

Zudem führte die Bundeswehr erstmals das multinationale Spezialkräftehauptquartier, das Special Operations Component Command. Insgesamt stehen mehr als 16.700 Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten aus allen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen für die VJTF seit 2023 bereit.

Quelle: bundeswehr.de

Wehrhaft will das Baltikum allerdings zunächst auch aus eigener Kraft werden: „Der Bau der Verteidigungsanlagen gegen die Mobilität ist ein sorgfältig durchdachtes Projekt, dessen Notwendigkeit sich aus der aktuellen Sicherheitslage ergibt“, sagte Hanno Pevkur, Verteidigungsminister Estlands, wie ihn t-online zitiert. „Der Krieg Russlands in der Ukraine hat gezeigt, dass neben Ausrüstung, Munition und Personal auch physische Verteidigungsanlagen an der Grenze erforderlich sind, um Estland vom ersten Meter an zu verteidigen.“

Seit russische Truppen seit 2014 auf der Krim stehen, investieren die Balten wieder mehr in ihre Verteidigung, wie die taz beispielsweise über Litauen berichtet: Litauens Regierung hatte 2014 den Verteidigungshaushalt um 50 Prozent erhöht und die damals gerade erst abgeschaffte Wehrpflicht wieder eingeführt. Selbst alte Luftschutzbunker wurden wieder fit gemacht. Die damalige Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė galt in der EU ohnehin als schärfste Kritikerin Wladimir Putins. „Litauen sieht sich einer realen Bedrohung gegenüber und muss in der Lage sein, wenigstens drei Tage ohne fremde Hilfe Widerstand gegen einen Aggressor leisten zu können“, stellte sie damals fest. Und behielt Recht.

Ausgesprochen ambitioniert: Bundeswehr muss seine Infanterie drastisch aufstocken

Das Vorhaben der ständigen deutschen Brigade in Litauen ist – vorsichtig formuliert – ohnehin ambitioniert, weil sie die Bundesregierung nicht zuletzt beim Personal vor eine große – vielleicht die größte – Herausforderung stellen wird. Insgesamt soll die Bundeswehr bis 2031 auf 203.000 Soldatinnen und Soldaten anwachsen. Die Personalstärke war im vergangenen Juni jedoch das erste Mal seit Juni 2019 wieder unter die Marke von 181.000 gesunken. Orientiert am gegebenen Bedrohungsszenario, wird der Kern der Brigade aus mechanisierten und infanteristischen Verbänden bestehen müssen; also aus Kräften, deren wesentliches Handwerk insbesondere in den sozialdemokratischen Reihen bisher als anachronistisch und längst überholt betrachtet wurde – und vielleicht immer noch wird. Es sind eben diese Kampftruppen, die seit dem vergangenen Jahr die Hauptlast der höchstnotwendigen Ausbildung für die Ukrainer auf westlichem Kriegsgerät tragen. Eine weiter zunehmende Auftragsdichte bei abnehmenden Personalzahlen wird den Dienst in den Streitkräften am Ende nicht attraktiver machen.

Für die Balten kommt die Hilfe aus dem Westen ohnehin viel zu zögerlich, immerhin köchelt die russische Aggression bereits seit zehn Jahren. Und mit der russischen Verwaltungseinheit Kaliningrad sitzt Russland wie ein Stachel im Fleisch der Nato und seinen drei baltischen Verbündeten: „Kaliningrad ist wie ein unsinkbarer Flugzeugträger, auf dem Luft-, See- und Bodenstreitkräfte konzentriert sind, um Nato-Kräfte abzuschrecken. Von dort aus könnten die drei baltischen Länder vom Rest der Nato isoliert werden. Man müsste nur den Luftraum sperren und den Zugang von der Seeseite her blockieren. Es wäre für Russland auch einfach, den Landzugang zwischen Weißrussland und Kaliningrad dichtzumachen“, sagt die ehemalige litauische Verteidigungsministerin Rasa Jukneviciene gegenüber der Deutschen Welle.

Die Gefahr scheint realer denn je zu sein: Dass Russland einen Angriff auf den Frieden in Europa sogar schon für 2025 plant, hält neben einigen anderen Experten auch der Politikwissenschaftler und Verteidigungspolitik-Experte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) für ein denkbares Szenario, wie er dem Bayerischen Rundfunk gegenüber geäußert hat. Genau wie weitere Experten sieht er die Allianz vordergründig aus der Richtung des Baltikum bedroht: „Russland dürfte es kaum darum gehen, ganz Europa zu erobern. Es reicht aber, einen Keil in die Allianz zu treiben, in dem man die Frage beantworten muss, ob Staaten bereit sind, Soldaten zu schicken, um ein baltisches Land zu halten oder zu befreien.“ Russland könne dabei auf Streit unter den europäischen Staaten hoffen und so seinen Einfluss möglicherweise vergrößern, wie er vermutet.

Vertrauen verspielt: Die Balten vertrauen erstmal wieder auf sich selbst

Spätestens mit der Präsidentschaft von Donald Trump ist den Balten der Schreck in die Glieder gefahren, als der sein Engagement in Nato-Angelegenheiten auf Eis hatte legen wollen. „Abschreckung funktioniert mehrheitlich psychologisch. Durch Truppenstationierung, Übungen und entsprechende Kommunikation will die Nato potenzielle Gegner abhalten, also zeigen, dass ein Angriff sich nicht lohnt, weil die Kosten größer sein würden als der Nutzen. Das funktioniert aber nur, wenn die Nato-Staaten selber, aber auch potenzielle Gegner daran glauben, dass das ernstgemeint ist und die Nato im Krisenfall wirklich zusammensteht“, sagt die Sicherheitsexpertin Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Trumps Botschaft beim Nato-Gipfel 2019 war im Sinne der Abschreckung fatal. Glaubt man so einem zerstrittenen Haufen echt, dass er füreinander einsteht, wenn es hart auf hart kommt?“

Jetzt müsse ihrer Meinung nach neues Vertrauen aufgebaut werden. Das ist scheinbar wieder gefestigt durch den Beitritt Finnlands und den kommenden Beitritt Schwedens. Damit verliert auch Kaliningrad seine Drohkulisse, wie Lukas Hassebrauck von der Friedrich-Ebert-Stiftung analysiert: Erstens werde dem Kreml durch den Nato-Beitritt Schwedens die Möglichkeit genommen, eine Landnahme im Baltikum durch einen schnellen Handstreich und die Besetzung der Insel Gotland seeseitig zu decken. Zweitens wird die russische Exklave Kaliningrad noch mehr als bisher zu einem neuralgischen Punkt für Russland. Drittens würde die Ostsee dadurch quasi zu einem Nato-Binnenmeer und die in St. Petersburg stationierte Baltische Flotte wäre arg bedroht.

Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des Bündnisses

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Gegründet wurde die Nato am 4. April 1949 in Washington, D.C. Zunächst zwölf Staaten unterzeichneten den Nordatlantikvertrag: Belgien, Dänemark, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Portugal und die USA. Sie wurden zu den Gründungsmitgliedern der Nato. Hier präsentiert Gastgeber und US-Präsident Harry S. Truman das Dokument, das die Grundlage für das Verteidigungsbündnis bildet. Der erste Oberkommandeur war der US-Amerikaner Dwight D. Eisenhower, der nach seiner Zeit bei der Nato Truman im Amt des US-Präsidenten beerben sollte. © imago
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In den ersten Jahren nach ihrer Gründung stand die Nato ganz im Dienste der Abwehr der sowjetischen Gefahr. 1952 fanden in Deutschland zahlreiche Manöver der Mitgliedsstaaten statt, unter anderem überwacht vom zweiten Oberkommandeur der Nato, Matthew Ridgway (2.v.l.) und dem damaligen französischen Botschafter in Deutschland, Andre Francois-Poncet (3.v.r.). © imago
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Im Jahr 1952 traten zwei weitere Länder der Nato bei: Griechenland und die Türkei. Die Anzahl der Nato-Mitglieder stieg also auf 14. Noch im selben Jahr fanden die ersten Manöver des Verteidigungsbündnisses statt. Beteiligt waren neben Einheiten Großbritanniens und der USA auch Kampftaucher, sogenannte Froschmänner, der türkischen Marine. © imago
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Im Jahr 1954 beschlossen die Nato-Mitgliedsstaaten auch der Bundesrepublik Deutschland den Beitritt anzubieten. Der britische Außenminister Anthony Eden reiste nach Paris, um im Palais de Chaillot die Vereinbarung zu unterzeichnen. Ein Jahr später, 1955, wurde die BRD als 15. Mitglied der Nato in das Verteidigungsbündnis aufgenommen. © UPI/dpa
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Kurz nach Gründung durchlitt die Nato bereits ihre erste interne Krise. Frankreich entzog bereits 1959 seine Flotte der Nato-Unterstellung. 1966 verabschiedeten sich die Vertreter des Landes aus allen militärischen Organen des Verteidigungsbündnisses. Frankreichs Präsident Charles de Gaulle (l.), hier bei der Beerdigung John F. Kennedys, fürchtete eine Dominanz der USA in der Nato und pochte auf die Unabhängigkeit der französischen Streitkräfte. Das Land kehrte erst im Jahr 2009 wieder als vollwertiges Mitglied in die militärischen Strukturen zurück. © imago
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Im Jahr 1982 fand die nächste Erweiterungsrunde der Nato statt. Spanien wurde das 16. Mitglied des Verteidigungsbündnisses und nahm kurz darauf am Nato-Gipfel in Bonn teil. In der damaligen Bundeshauptstadt kamen die Staatsoberhäupter und Regierungschefs zusammen (v.l.n.r.): Kare Willoch (Norwegen), Francisco Balsemao (Portugal), Leopoldo Calvo-Sotelo (Spanien), Bülent Ulusu (Türkei), Margaret Thatcher (Großbritannien) und Ronald Reagan (USA). © imago
Ihren ersten Kampfeinsatz startete die Nato am 30. August 1995 mit der Operation „Deliberate Force“ gegen serbische Freischärler im ehemaligen Jugoslawien. Offiziell trat die Nato dabei nur als eine Art bewaffneter Arm der UN-Mission im Land auf. Beteiligt waren 5000 Soldaten aus 15 Ländern mit 400 Flugzeugen, darunter 222 Kampfflugzeugen. 54 dieser Maschinen, die rund um die Uhr von drei Flugzeugträgern und 18 Luftwaffenstützpunkten in Europa losflogen, waren F-16 Fighting Falcon (im Bild).
Am 30. August 1995 startete die Nato die Operation „Deliberate Force“ gegen serbische Freischärler im ehemaligen Jugoslawien. Offiziell trat die Nato dabei nur als eine Art bewaffneter Arm der UN-Mission im Land auf. Beteiligt waren 5000 Soldaten aus 15 Ländern mit 400 Flugzeugen, darunter 222 Kampfflugzeugen. 54 dieser Maschinen, die rund um die Uhr von drei Flugzeugträgern und 18 Luftwaffenstützpunkten in Europa losflogen, waren F-16 Fighting Falcon (im Bild). © DOD/USAF/afp
Bei der Operation kam es zum ersten Kampfeinsatz der deutschen Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg. 14 deutsche Tornado-Kampfflugzeuge flogen von Piacenza aus 65 Einsätze. Nach dem Abzug der schweren Waffen durch die Serben und einer Garantie für die verbliebenen Schutzzonen wurde die Luftoperation am 21. September 1995 beendet. Nato-Befehlshaber Leighton Smith (Mitte) und UN-Balkankommandant Bernard Janvier (rechts) konnten sich schon am Tag davor am Flughafen von Sarajevo als Sieger fühlen.
Am ersten Kampfseinsatz der Nato war auch Deutschland beteiligt. Die Bundeswehr schickte Tornado-Kampfflugzeuge in den Krieg in Jugoslawien. Ab Juni 1999 übernahm Deutschland die militärische Führung über einen Sektor des Kosovos im Rahmen der so genannten Kosovo-Friedenstruppe (KFOR). Zu Beginn befanden sich rund 6.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr im Einsatz im Kosovo. © ANJA NIEDRINGHAUS/afp
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Es war der erste Kriegseinsatz der deutschen Luftwaffe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 14 deutsche Tornado-Kampfflugzeuge flogen von Piacenza aus 65 Einsätze im ehemaligen Jugoslawien. Nach dem Abzug der schweren Waffen durch die Serben und einer Garantie für die verbliebenen Schutzzonen wurde die Luftoperation am 21. September 1995 beendet. © dpa
Bereits im Jahr 1998 hatte hatte das Kabinett Kohl gemeinsam mit den Wahlsiegern der Bundestagswahl 1998, Gerhard Schröder und Joschka Fischer, den ersten Einsatz deutscher Soldaten in einem militärischen Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg beschlossen. Außenminister Fischer appellierte: „Wir haben immer gesagt: ‚Nie wieder Krieg!‘ Aber wir haben auch immer gesagt: ‚Nie wieder Auschwitz!‘“ Die Menschen in Deutschland gingen bei Antikriegsdemos gegen den Nato-Einsatz auf die Straße, so wie hier zum Beispiel am 25. März 1999 in Leipzig.
Bereits im Jahr 1998 hatte das Kabinett Kohl gemeinsam mit den Wahlsiegern der Bundestagswahl 1998, Gerhard Schröder und Joschka Fischer, den ersten Einsatz deutscher Soldaten in einem militärischen Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg beschlossen. Außenminister Fischer appellierte: „Wir haben immer gesagt: ‚Nie wieder Krieg!‘ Aber wir haben auch immer gesagt: ‚Nie wieder Auschwitz!‘“ Die Menschen in Deutschland gingen bei Antikriegsdemos gegen den Nato-Einsatz auf die Straße, so wie hier zum Beispiel am 25. März 1999 in Leipzig.  © ECKEHARD SCHULZ/Imago
Seit Anfang 2001 lieferten sich die Rebellen der UCK (Befreiungsarmee im Kosovo), die bereits im Kosovo-Krieg gegen die Serben gekämpft hatten, Kämpfe mit der mazedonischen Armee. Nach Abschluss eines Friedensabkommens stimmte die UCK ihrer Entwaffnung und Auflösung zu und übergab der Nato ihre Waffen. Insgesamt wurden 3875 Waffen der Rebellen eingesammelt und eingeschmolzen.
Seit Anfang 2001 lieferten sich die Rebellen der UCK (Befreiungsarmee im Kosovo), die bereits im Kosovo-Krieg gegen die Serben gekämpft hatten, Kämpfe mit der mazedonischen Armee. Nach Abschluss eines Friedensabkommens stimmte die UCK ihrer Entwaffnung und Auflösung zu und übergab der Nato ihre Waffen. Insgesamt wurden 3875 Waffen der Rebellen eingesammelt und eingeschmolzen. © Louisa Gouliamaki/dpa
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Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erweiterte sich die Nato um Länder der ehemaligen Sowjetunion. Am 12. März 1999 wurden die Flaggen von Polen, Tschechien und Ungarn am Nato-Hauptquartier in Brüssel (Belgien) gehisst. Das Verteidigungsbündnis war damit auf 19 Mitgliedsstaaten gewachsen. © ATTILA SEREN/imago
Im August 2003 übernahm die Nato durch ein Mandat der Vereinten Nationen in Afghanistan das Kommando über internationale Friedenstruppen und läutete damit den ersten Einsatz des Bündnisses außerhalb Europas ein. der Einsatz der International Security Assistance Force (ISAF) war ein sogenannter friedenserzwingender Einsatz unter Verantwortung der beteiligten Staaten im Rahmen des Krieges in Afghanistan von 2001 bis 2014.
Im August 2003 übernahm die Nato durch ein Mandat der Vereinten Nationen in Afghanistan das Kommando über internationale Friedenstruppen und läutete damit den ersten Einsatz des Bündnisses außerhalb Europas ein. Der Einsatz der International Security Assistance Force (ISAF) war ein sogenannter friedenserzwingender Einsatz unter Verantwortung der beteiligten Staaten im Rahmen des Krieges in Afghanistan von 2001 bis 2014.  © SHAH MARAI/afp
Nato-Einsatz in Afghanistan
Am Nato-Einsatz in Afghanistan beteiligte sich auch die deutsche Bundeswehr. Mit gleichzeitig 5.300 stationierten Soldatinnen und Soldaten war es der größte Auslandseinsatz der Bundeswehr. Als Teil der International Security Assistance Force (ISAF) waren deutsche Streitkräfte an mindestens zehn Kampfeinsätzen beteiligt. Zwischen 2001 und 2014 wurden 59 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan getötet. © Michael Kappeler/dpa
Im Februar 2020 unterzeichnete Donald Trumps Regierung mit den Taliban das Doha-Abkommen
Im Februar 2020 unterzeichnete Donald Trumps Regierung mit den Taliban das Doha-Abkommen, das einen vollständigen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan bis Ende April 2021 beinhaltete. Trumps Nachfolger Joe Biden terminierte den Abzug der US-Truppen bis zum symbolischen Stichtag des 11. September. Die verbündeten Nato-Staaten schlossen sich an, und so begann auch die Bundeswehr mit dem Abzug ihrer letzten Streitkräfte aus Afghanistan. © Boris Roessler/dpa
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Im Jahr 2004 fand die bis dato größte Erweiterungsrunde der Nato statt. Der damalige US-Außenminister Colin Powell gab bekannt, dass das Verteidigungsbündnis sieben neue Mitgliedsstaaten auf einen Streich aufnehmen werde: Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien. Die Nato bestand damit aus 26 Mitgliedern. © BENOIT DOPPAGNE/imago
Seit Juni 2005 unterstützt die Nato die Afrikanische Union, u.a. auch die AU-Mission in Somalia (Amisom). Dort kontrolliert die mit der Terrororganisation Al Qaida verbundene islamistische Bewegung Al-Shabaab Teile des Südens und setzt die Scharia in strenger Form durch. Im Rahmen der AU-Mission in Somalia testet ein Panzerfahrer im Januar 2013 seine Lenkung, während er auf einem Stützpunkt an der Front in Lower Shabelle stationiert ist.
Seit Juni 2005 unterstützt die Nato die Afrikanische Union, u.a. auch die AU-Mission in Somalia (Amisom). Dort kontrolliert die mit der Terrororganisation Al Qaida verbundene islamistische Bewegung Al-Shabaab Teile des Südens und setzt die Scharia in strenger Form durch. Im Rahmen der AU-Mission in Somalia testet ein Panzerfahrer im Januar 2013 seine Lenkung, während er auf einem Stützpunkt an der Front in Lower Shabelle stationiert ist. © TOBIN JONES/afp
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Zu ihrem 50-jährigen Bestehen im Jahr 2009 nahm die Nato zwei weitere Mitglieder auf: Albanien und Kroatien. Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßte den albanischen Ministerpräsidenten Sali Berisha bei den Feierlichkeiten rund um die Erweiterung sowie zum Jubiläum auf dem Nato-Gipfel in Straßburg und Kehl. © imago
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Am 5. Juni 2017 wird die Nato um ein weiteres Mitglied erweitert. Montenegro tritt dem Verteidigungsbündnis bei. Das Land hatte sich 2006 von Serbien unabhängig erklärt und wurde inklusive Flagge elf Jahre später in Brüssel am Nato-Hauptquartier begrüßt.  © Gong Bing/imago
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Die vorerst letzte Nato-Erweiterung fand im Jahr 2020 statt. Am 27. März trat Nordmazedonien dem Verteidigungsbündnis bei. Griechenland hatte die Aufnahme des Landes wegen eines Streits über dessen Namen jahrelang blockiert. Nachdem sich beide Länder geeinigt hatten, war der Weg frei für gemeinsame Manöver, wie hier zum Beispiel mit Einheiten der US-Armee in der Nähe von Krivolak. © imago
Im Rahmen ihrer Mission im Irak traniert und unterstützt die Nato die irakischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Am 9. Dezember 2021 trafen sich der irakische Sicherheitsberater Qassem al-Araji (links) und der Nato-Befehlshaber Michael Lollesgaard in der „Grünen Zone“ der Hauptstadt Bagdad. Die USA-geführte Koalition beendete damals ihren Kampfeinsatz und verlegte sich auf eine Ausbildungs- und Beratungsrolle.
Im Rahmen ihrer Mission im Irak traniert und unterstützt die Nato die irakischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Am 9. Dezember 2021 trafen sich der irakische Sicherheitsberater Qassem al-Araji (links) und der Nato-Befehlshaber Michael Lollesgaard in der „Grünen Zone“ der Hauptstadt Bagdad. Die USA-geführte Koalition beendete damals ihren Kampfeinsatz und verlegte sich auf eine Ausbildungs- und Beratungsrolle. © AHMAD AL-RUBAYE/afp
Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat die Nato ihre seit Jahren bestehende Mission für die Luftsicherheit der baltischen Staaten an der Ostflanke des Militärbündnisses noch einmal ausgebaut. Zur Luftraum-Überwachung setzt Frankreich vier Rafale-Kampfflugzeuge ein. Vor dem Start am 25. November 2022 bereitet ein Düsenjägerpilot in Mont-de-Marsan noch einmal sein Flugzeug für die viermonatigen Mission vor.
Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat die Nato ihre seit Jahren bestehende Mission für die Luftsicherheit der baltischen Staaten an der Ostflanke des Militärbündnisses noch einmal ausgebaut. Zur Überwachung des Luftraums setzt Frankreich vier Rafale-Kampfflugzeuge ein. Vor dem Start am 25. November 2022 bereitet ein Pilot in Mont-de-Marsan noch einmal seinen Jet für die viermonatige Mission vor.  © THIBAUD MORITZ/afp
Unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs ist im April 2023 auch Finnland der Nato beigetreten. Der Schritt ist historisch. Finnlands Präsident Sauli Niinistö bezeichnete den Nato-Beitritt als Beginn einer neuen Ära. Finnland hat eine 1340 Kilometer lange Grenze zu Russland. Das nordische Land mit seinen rund 5,5 Millionen Einwohnern hatte zuvor jahrzehntelang großen Wert auf militärische Bündnisfreiheit gelegt. Mit dem Beitritt Finnlands wächst die Nato-Außengrenze Richtung Russland nun auf mehr als das Doppelte an.
Unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs ist im April 2023 auch Finnland der Nato beigetreten. Der Schritt ist historisch. Finnlands Präsident Sauli Niinistö bezeichnete den Nato-Beitritt als Beginn einer neuen Ära. Finnland hat eine 1340 Kilometer lange Grenze zu Russland. Das nordische Land mit seinen rund 5,5 Millionen Einwohnern hatte zuvor jahrzehntelang großen Wert auf militärische Bündnisfreiheit gelegt. Mit dem Beitritt Finnlands wächst die Nato-Außengrenze Richtung Russland nun auf mehr als das Doppelte an. © JOHN THYS/afp
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Und am Horizont ist bereits die nächste Erweiterung der Nato zu sehen. Zusammen mit Finnland hatte sich auch Schweden um einen Beitritt zum Verteidigungsbündnis beworben. Der Aufnahmeprozess läuft. Im baltischen Meer fanden bereits erste gemeinsame Übungen der US Navy und der schwedischen Marine statt.  © IMAGO/U.S. Navy
Droht immer wieder mit einem Austritt aus der Nato: US-Präsident Donald Trump.
Bereits während seiner ersten Amtszeit stellte US-Präsident Donald Trump den Nutzen der Nato für die USA infrage und kritisierte die Verbündeten dafür, zu wenig in ihre Verteidigung zu investieren. Stattdessen würden sich die Staaten der Europäischen Union (EU) auf die militärische Stärke der USA verlassen. Nach seinem Sieg bei der US-Wahl 2024 erneuerte Trump seine Kritik und stellte sogar Artikel 5 des Nordatlantikvertrags infrage. Dieser besagt, dass ein Angriff auf einen Nato-Staat als Angriff auf alle Nato-Staaten gilt. © Anna Ross/Uncredited/dpa/Montage

Bestenfalls wird allein schon dieser Umstand Russland künftig von provokanten Operationen in der Region abschrecken. Doch auch insgesamt gerät Moskau angesichts dieser Entwicklungen im Ostseeraum in die Defensive. Außerdem erhielte das Baltikum dadurch quasi ein Dach: Die Verteidigung des baltischen Luftraumes erfolgt über den finnischen gleichwohl wie den schwedischen Luftraum. Dennoch will das Baltikum mehr tun für die eigene Sicherheit. Wie das estnische Verteidigungsministerium schreibt, soll das Netz von Bunkern, Stützpunkten und Verteilungsleitungen jetzt engmaschig geknüpft werden.

Der Bau der Anlagen soll Medienberichten zufolge 2025 beginnen. Zunächst seien etwa 55 Millionen Euro dafür eingeplant. In Friedenszeiten würden an der Grenze zu Estland aber keine Sprengkörper, Schneidedrähte oder andere Hindernisse aufgestellt – die würden nach Angaben der Ministerien aber in Bereitschaft liegen, wenn aus dem Kalten Krieg ein heißer wird. (Karsten Hinzmann)

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