Russlands Waffenproduktion

Notlösung an der Front? Putins Armee schießt künftig mit Billig-Gewehren

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Je mehr Männer fallen, desto mehr Gewehre baut Russland. Die Qualität sinkt, aber die Patronen werden tödlicher. Russland will mit den USA mithalten.

Moskau – Die Amerikaner machen ihren Sturmgewehren jetzt Feuer, und Russland zieht nach – davon jedenfalls berichtet das Magazin Spartanat unter Rückgriff auf Firmeninformationen der russischen Waffenschmiede Kalaschnikow. Demnach hat das Unternehmen ein neues Patent angemeldet für eine inländische 6-mm-Gefechtspatrone mit erhöhter Durchschlagskraft. Die unter Berücksichtigung dieses Patents entwickelte neue Patronengröße erhielt die Bezeichnung 6,02x41; die Entwicklung zieht auch Modifikationen an der Waffe selbst nach sich.

Die Erkenntnisse des jetzt fast zwei Jahren währenden Ukraine-Krieges haben die Entwicklung teilweise zusätzlich beschleunigt. Wie in der gesamten Entwicklung der Waffen insgesamt bedingen sich der Fortschritt des individuellen Schutzes und der Durchschlagskraft der Waffen gegenseitig – so war beispielsweise die Panzerung der Ritter wesentlicher Motor zur Entwicklung der Feuerwaffe. So geht auch der Zwang zu neuer, automatischer Munition auf die ständige Verbesserung des persönlichen Panzerschutzes der Soldaten zurück. Die sowjetisch-russischen und amerikanischen Kaliber 5,45x39 und 5,56x45 mm scheinen mittlerweile zu wenig Wirkung zu zeitigen. Damit wäre allerdings auch die Zeit für das erfolgreichste Sturmgewehr der Menschheitsgeschichte langsam abgelaufen. Die Russen specken an der Waffe ab.

Das Arbeitspferd vieler Armeen: die Kalaschnikow in verschiedenen Modell-Varianten. Rund 100 Millionen der AK47 sollen weltweit in Umlauf sein. Jetzt produziert Russland Billigmodelle. (Archivbild)

Moderne Schutzwesten der Soldaten reduzieren zunehmend die effektive Schussreichweite von automatischen Gewehren auf typische Ziele, schränken also wiederum die taktischen Fähigkeiten angreifender Soldaten ein und zwingen Waffen- und Munitionsentwickler zu neuen Lösungen. Aktuell nutzt die Armee Russlands das Ak-12 – zu deutsch: Automat Kalaschnikow Modell 2012. Eines der ersten Modelle dieser Bauart und bis heute weltweit verbreitet, ist das AK-47 – dessen Grundgedanke wird mit der neuen Patrone wieder aufgegriffen.

Putins Taktik: Mit Mensch und Material die Gegner niederwalzen

Wladimir Putins Armee setzt auf die Masse an Mensch und Material, das den Gegner schlichtweg niederwalzen soll, wie auch jetzt in der Ukraine beispielsweise in den blutigen Kämpfen um Awdiijka zu erkennen ist: In Schützenpanzern rollt Infanterie auf breiter Front möglichst nah an den Feind heran, und die einzelnen Schützen sollen nach dem Absitzen den Feind während ihres weiteren Vorrückens mit ungezielten längeren Feuerstößen aus der Hüfte niederhalten. Zum gezielten Einzelschuss sollen sie erst dann übergehen, wenn einzelne Ziele erkennbar sind, und die Schützen sich in Deckung begeben können. Bereits im und spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg waren westliche Waffen genau entgegengesetzt konstruiert: Westliche Schützen sollten den Feind solange mit Einzelfeuer niederhalten, bis er nahe genug war, dass man ihn mit kurzen Feuerstößen gezielt bekämpfen konnte.

Ich stelle mir immer wieder dieselbe unlösbare Frage: Falls mein Sturmgewehr Menschen das Leben nahm, bedeutet das, dass ich, Michail Kalaschnikow, Sohn eines Bauern und orthodoxen Christen, verantwortlich für den Tod von Menschen bin?

Michail Kalaschnikow im Mitteldeutschen Rundfunk

Laut Firmeninformationen ist das neue Kalaschnikow-Kaliber allerdings aktuell lediglich eine Nenngröße, an der sich die endgültigen Eigenschaften der Patrone herauskristallisieren werden. Die vorgestellte Patrone soll gegenüber den bisherigen Standardkalibern 5,45 oder 7,62×39 mm die gleiche Energie wie diese auf einer fast doppelt so großen Distanz freisetzen können, also auf fast 1000 statt der bisher üblichen 500 bis 600 Meter. Anpassungen der modifizierten Waffe werden beispielsweise an der neuen Krümmung des Magazins klar sichtbar werden.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete ein Trauma für die russische Führung. Die AK-47 hatte der 1919 geborene Michail Kalaschnikow während dieses Krieges entwickelt, als er sich von einer Frontverletzung erholte. Er war an der Schulter verwundet und tüftelte nun an einer, wie der Mitteldeutsche Rundfunk wiedergibt, „perfekten Waffe zum Schutz der Heimat“ – leicht zu bedienen, von geringem Gewicht und unverwüstlich. 

Laut der Fachpresse hat der Hersteller Kalaschnikow nach Firmenangaben aus dem August die Konstruktion für die Serienfertigung der bereits Anfang des Jahres angekündigten neuen Version der AK-12 längst abgeschlossen. Entgegen Äußerungen zu Beginn 2023 betont die aktuelle Mitteilung, weniger die Umsetzung der Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine habe die Entwicklung forciert, sondern die Fokussierung auf Vereinfachung der Fertigung. Insofern sind die Verluste der russischen Truppen aber doch Grundlage der Konstruktion, wie das Portal Soldat & Technik schreibt – der Bedarf der russischen Streitkräfte steigt stetig: „Laut Mitteilung des Herstellers sei in diesem Jahr eine Rekordmenge in der Fertigung nötig, um die angeforderte Stückzahl zu realisieren und es stehe bereits fest, dass für 2024 eine weitere Kapazitätssteigerung erreicht werden müsse. Dies sei nur durch eine leichtere und schnellere Herstellung der Waffen zu erreichen.“

Russlands Waffen: Um so primitiver, je länger der Krieg dauert

Deutliche Vereinfachungen sieht die Fachpresse in der Sicherung und einem vereinfachten Mündungsdämpfer umgesetzt – Soldat & Technik rechnet auf die weitere Dauer des Ukraine-Krieges mit einer weiteren Reduktion der Komplexität der Waffe. Mit der Patrone reagieren die Russen aber klar auf Aktivitäten der Amerikaner, die nach Brancheninformationen bereits seit mindestens fünf Jahren an größeren Kalibern und entsprechenden neuen Waffen tüfteln. Seit mittlerweile drei Jahren ist klar, dass die Amerikaner für mehr als 20 Millionen Dollar neue Munition und Gewehre von der ursprünglich deutsch-schweizerischen Firma Sig Sauer haben entwickeln lassen. Die Waffen verschießen die ebenfalls von Sig Sauer entwickelte Hybridmunition im Kaliber 6,8x51 mm. Insofern ziehen die Russen jetzt lediglich nach.

Laut Soldat & Technik ist das 6,8-mm-Projektil von der US-Armee vorgegeben worden. Das neu entwickelte „6.8 General Purpose Projectile“ soll eine Reichweite von mindestens 600 Metern haben und damit die Haupt-Kampfentfernung des bisherigen amerikanischen Standardgewehrs M16/M4A1 verdoppeln. Ebenso soll es jede derzeit und absehbar genutzte ballistische Körperschutzausstattung durchschlagen können. Ein entsprechender Auftrag über die Entwicklung, Kapazitäts- und Produktionsplanung sowie Vorbereitung auf die Vorserien-Produktion von Munition im Kaliber 6,8x51 mm im Wert von 20 Millionen US-Dollar wurde durch die U.S. Army bereits vor wenigen Monaten an den US-Munitionshersteller Winchester vergeben.

Kalaschnikows Erfindung: Mehr Tote als durch irgendeine andere Waffe

Zum Vergleich nutzt die Bundeswehr als Standardbewaffnung das Gewehr G36. Das verschießt das Kaliber 5,56x45 mm auf eine maximale Kampfentfernung von 500 Metern. Laut dem MDR zweifelte Kalaschnikow mit zunehmendem Alter immer stärker an seiner Erfindung. „In einem Interview hatte er 2007 noch gesagt: „,Ich schlafe gut. Es sind die Politiker, die dafür verantwortlich zu machen sind, nicht zu einer Vereinbarung zu kommen und auf Gewalt zurückzugreifen.‘ Kurz vor seinem Tod 2013 aber hatte Michail Kalaschnikow einen reumütigen Brief an das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche geschrieben. Darin fragte er Patriarch Kiril, ob er für den Tod der Menschen verantwortlich zu machen sei, die mit seinem Sturmgewehr getötet wurden. ,Der Schmerz in meiner Seele ist unerträglich‘, schreibt er.

Fakt ist, mit seiner Erfindung sind mehr Menschen getötet worden, als mit irgendeiner anderen Waffe; neben den Gegnern der Nutzer aber auch Nutzer selbst, die mit dieser Waffe in der Hand fallen. Weiterhin ist an den Verlusten der Truppen Putins erkennbar, dass die Invasion in der Ukraine noch stärker als bisher mit ver­alteten, hauptsächlich auf Masse beruhenden Konzepten von Kriegsführung fort­ge­setzt wird. Historiker hatten dieses Verhalten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg als „Taktik der menschlichen Welle“ bezeichnet und damit das Überrennen des Gegners mit der schieren Zahl an mehr oder weniger gut ausgerüsteten oder mehr oder minder gut ausgebildeten Soldaten gemeint. Mit dem Eingraben der Russen vor der jetzt weiter laufenden Gegenoffensive der Ukraine war dieses Konzept allerdings zunächst gescheitert.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Am Prinzip der russischen Kriegführung wird das aber wenig ändern, urteilen Experten. Die russische Taktik ist grundverkehrt; zumindest in den Augen von amerikanischen Militärexperten. Im Online-Magazin War on the Rocks räumen sie der Gegenoffensive der Ukraine weiterhin gute Chancen ein, denn nach Auffassung der Autoren spielen ihnen die russischen Besatzer weiterhin in die Karten. „Angesichts der verfügbaren Mannschaften kämpfen die Russen zu aggressiv und zu übermütig“, urteilen Michael Kofman und Rob Lee. Entscheidend seien die Zahlen der Verluste und die der Reserve. Beide Beobachter werfen dem Westen eine zu engstirnige und ungeduldige Beurteilung der Lage vor. Der Krieg in der Ukraine ist inzwischen das, was er nie werden sollte: ein Stellungskrieg, der sich von Schützengraben zu Schützengraben zieht und viel Bewegung mit wenig Raumgewinn belohnt. Kofman: „Dieser Krieg hat sich zu einem Krieg um Baumreihen entwickelt. Die Unterschiede in den Frontverläufen erschöpfen sich in ein paar Hundert Metern.“ Im Duell Mann gegen Mann.

Rubriklistenbild: © James Sprankle/dpa

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