Training ukrainischer Scharfschützen: Ein Soldat im Wintertarnanzug zielt mit seinem Gewehr. Laut den Praktikern sind die neuen französischen Gewehre nicht zu gebrauchen (Symbolbild)
Die Patronen zu klein, der Lauf zu kurz – die Ukraine erhält Gewehre, die sie nicht gebrauchen kann, weil mit ihnen zu treffen einem Wunder gleicht.
Kiew – Forsch formuliert, hat Frankreich der Ukraine womöglich Schrott angedreht. Oder etwas diplomatischer: einen Ladenhüter. Ein französisches Gewehr soll im Rahmen eines rund 36 Millionen Euro umfassenden Waffengeschäfts zwischen Paris und Kiew an das Militär der Ukraine für Scharfschützen-Einsätze im Ukraine-Krieg übergeben werden. Die Ukrainer wollen das Ding aber gar nicht haben – die VCD10, eine halbautomatische Waffe, die von der kleinen französischen Schmiede Verney-Carron gebaut wird. Darüber berichtet jetzt die Kyiv Post. Gegen Wladimir Putins Truppe brächte die Waffe nach Expertenmeinung keinen Vorteil.
Die Kyiv Post ist das Gewehr auf europäischen Zivilmärkten verfügbar und wird dort hin und wieder bestellt in der Preisspanne von 3.500 bis 4.000 Euro – das britische Scharfschützengewehr Accuracy International AXMC wäre doppelt so teuer gewesen. Lediglich die Marokkaner nutzen die französische Sturmgewehr-Variante, und auch die nur in kleiner Stückzahl. Der französische Traditionshersteller Verney-Carron hat laut einer eigenen Pressemitteilung jetzt den Auftrag erhalten, mehr als 12.000 Handwaffen an die Ukraine zu liefern. Insgesamt soll die Ukraine 10.000 Sturmgewehre VCD15, 2.000 „Scharfschützengewehre“ VCD10 und 400 Granatwerfer im Wert von zusammen 36 Millionen Euro erhalten, um sie gegen Russland einzusetzen.
Der Handwaffen-Hersteller Verney-Carron wurde 1820 gegründet und ist damit der älteste, noch aktive Waffenproduzent Frankreichs. Das im ostfranzösischen Saint-Étienne angesiedelte Unternehmen ist im internationalen Markt für seine Jagdwaffen bekannt, etablierte aber 2017 einen separaten Bereich für die Entwicklung und Vermarktung von Produkten für Streitkräfte. Das bisher allerdings weitgehend erfolglos. Der Versuch, mit dem Scharfschützengewehr VCD10 an der Ausschreibung der französischen Armee teilzunehmen, scheiterte an der Zulassung zum Verfahren wegen einer mangelnden wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Das Unternehmen erwirtschaftet nach eigenen Angaben 13 Millionen Euro Jahresumsatz, die Teilnahme an solchen Ausschreibungen erfordert das Vierfache davon.
Die Kyiv Post zitiert Experten, die an dem Gewehr für den Einsatz in der Ukraine einiges zu bemängeln haben: Der Lauf sei zu kurz und die Patrone sowohl zu klein als auch zu leicht und überdies verliefe der Ladevorgang halbautomatisch, was das Gewehr unnötig in Schwingungen versetze. Auf die Entfernungen, über die in der Ukraine geschossen wird, würden die Patronen zu weit vom Wind abgetrieben. Anfang des kommenden Jahres sollen die ukrainischen Truppen die Gewehre empfangen.
Awdiijwka: Russische Verluste durch Schüsse aus einem Kilometer Entfernung
Lebel, das französische Unternehmen, das das VCD10 vertreibt, beschreibt das Gewehr als eine Präzisionswaffe mit dem Nato-Standardkaliber .308 Winchester beziehungsweise 7,62×51 Millimeter – beide bezeichnen die gleiche Patronengröße, einmal in ziviler, einmal in militärischer Terminologie. Im Dezember 1953 wurde sie als Standardpatrone der Nato eingeführt. Bis in die 1980er-Jahre war sie eine der am meisten verwendeten Patronen in der westlichen Welt. Die Armeen des damaligen Ostblocks verwenden ein anderes Kaliber.
Der Mechanismus, der das Gewehr nach dem Abfeuern einer Patrone nachlädt, läuft beim VCD10 halbautomatisch; also nach jedem Schuss lädt das Gewehr automatisch die nächste Patrone in das Patronenlager, sodass es für einen Schnellschuss bereit ist. Das ist an der Front in der Ukraine für den vorgesehenen Einsatz allerdings überflüssig: Am besten sei ohnehin, die Schießerei jemand anderem zu überlassen und ungesehen zu bleiben. Das haben kürzlich drei Scharfschützen der Ukraine in einem Interview gegenüber der Kiew Post geäußert. „Ich würde sagen, dass wir alle zehn Missionen, die wir unternehmen, vielleicht tatsächlich einmal einen Schuss abgeben“, sagte Wolodymyr Harbovsky (Pseudonym). „Wir bekommen alle Arten von Missionen und arbeiten mit allen Arten von Einheiten. Einen feindlichen Soldaten auszuschalten, hat so gut wie nie Priorität. Es ist eher eine Gelegenheit, die man nutzt, wenn sie sich bietet.“
Den hoch trainierten Scharfschützen der Nato haben alle Scharfschützen der Ukraine eines voraus, sagt Harbovsky. „Seit nunmehr zwei Jahren hat kein militärischer Scharfschütze, der in einer nationalen Nato-Armee oder anderswo dient, auch nur annähernd die tödlichen, blutigen und schmutzigen taktischen Lektionen erlebt, die professionellen Schützen auf den Schlachtfeldern der Ukraine beigebracht werden.“ Im schwer umkämpften Awdiijwka beispielsweise sollen erfolgreiche Scharfschützen rund 1000 Meter von ihren Zielen entfernt gewesen sein. Eine normale Distanz für diese Spezialisten. Die rekrutieren sich hauptsächlich aus ehemaligen Jägern und Sportschützen – also allesamt aus Zivilisten, die lediglich in ihrer Freizeit das Schießen eingeübt haben.
Der Tod auf Distanz in der Ukraine: eine Wissenschaft für sich
Allerdings wird das französische VCD10 auf diese weiten Entfernungen wahrscheinlich versagen, vermuten die Experten. Auf diese Distanz muss sich ein Schütze nicht nur mit Grundlagen wie Mündungsgeschwindigkeit, Wind und Projektilgewicht auseinandersetzen; dazu die Langstreckenfaktoren wie Eigenrotation der Kugel im Sinn behalten, außerdem Kräfte, die von außen auf die Rotation einwirken, ballistische Koeffizienten, atmosphärische Dichte, Winkel zum Ziel und sogar die Rotation der Erde.
Die Kaliberpatrone des Nato-Standards 7,62x51mm/.308 Win wird auch verfeuert in Sturm- und Maschinengewehren, die eher auf kurze Distanzen und durch ihre Feuergeschwindigkeit wirken. Wie jedes andere Flugobjekt wird auch ein Geschoss jeden Kalibers durch äußere Einflüsse auf einer längeren Flugbahn vom anvisierten Ziel abgetrieben. Schützen bezeichnen das Maß für diese natürliche Abweichung als ein MOA (eine „Minute Of Angle“ oder „Winkelminute“) also 1/60-Teil eines Winkelgrades. Bei einer Entfernung zum Ziel von 100 Metern entspricht das Abweichen um ein MOA einem Verzug des Treffers um 2,9 Zentimeter für die Nato-Standardpatrone. Der deutsche Militärjournalist Jan-Phillipp Weisswange kommt auf seinem Blog Strategie & Technik zum Fazit: „Inzwischen setzt sich immer mehr das Kaliber .338 Lapua Magnum beziehungsweise 8,6 70 Millimeter als Scharfschützen-Standard durch, da es ausgezeichnete Präzision und Wirkung auf Reichweiten von bis zu 1600 Metern bietet.“
Die schwereren Geschosse größeren Kalibers können dazu beitragen, die Auswirkungen des Windes über große Entfernungen abzuschwächen und die Verzögerung, also den Energieverlust des Projektils über die längere Distanz zu verringern. Die im französischen Gewehr verschossene Patrone ist also zu klein und zu leicht. Anderen Experten wiederum ist außerdem der Lauf zu kurz. Das VCD10 wird mit Läufen bis 51 Zentimetern angeboten, Repetierbüchsen hätten rund zehn Zentimeter längere Läufe und somit verfüge die Patrone über eine höhere Energie beim Austritt aus dem Lauf. Zudem böten Repetierer den Vorteil, dass die Patrone nach jedem Schuss mittels des seitlichen Verschlusshebels wieder von Hand in die Kammer geholt werden müsse; dadurch läge die Waffe insgesamt ruhiger.
Ein lohnendes Ziel für Scharfschützen: Putins gepanzerte Truppentransporter
Ihre Aufgabe finden Scharfschützen in Zweierlei, wie der deutsche Hauptfeldwebel Sahin K. (Name zum Schutz der Persönlichkeit abgekürzt) im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt erläutert. Sahin K. ist Scharfschützen-Truppführer einer Sicherungsstaffel des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33. Er schützt einen Fliegerhorst in Rheinland-Pfalz. Ihm zufolge sollen Scharfschützen sowohl während eines Angriffs als auch während eines Verzögerungsgefechts den Gegnern Angst machen und die eigenen Kameraden durch ihre Anwesenheit beruhigen. Der gezielte, tödliche Schuss sei eher die Ausnahme.
In erster Linie nehmen Scharfschützen dann gegnerische Schlüsselziele ins Visier: Maschinengewehr-Stellungen, Schwerpunktwaffen, gegnerische Scharfschützen, Führungspersonal. Die Bundeswehr setzt auf das Scharfschützengewehr G22A2 – laut Angaben der Bundeswehr treffen ihre Scharfschützen damit Ziele auf eine Entfernung von mehr als einem Kilometer. Werden die Hochleistungsgewehre mit Hartkernmunition geladen, also mit Projektilen von hoher, panzerbrechender Durchschlagskraft, haben auch Menschen in Schutzwesten kaum eine Chance. Sogar leicht gepanzerte Fahrzeuge könnten so von Scharfschützen bekämpft werden. Auch das deutsche Gewehr verschießt standardmäßig die kleine Nato-Munition. Die Rohrlänge liegt allerdings bei 66 Zentimetern. Das Gewehr ist ein Repetierer, also muss auch hier der Schütze manuell die neue Patrone aus dem Magazin in das Patronenlager einführen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Laut Aussagen von Praktikern gegenüber der Kiew Post würde ein Scharfschütze auf einem ukrainischen Schlachtfeld mit einem Gewehr für .338 Lapua Magnum-Patronen davon ausgehen, Ziele im Bereich von 800 bis 1000 Metern zuverlässig zu treffen. Dagegen müsste derselbe Schütze, der mit einer VCD10 bewaffnet ist, einen Treffer auf dieser Entfernung als Glücksfall betrachten. Der ukrainische Scharfschütze Wolodymyr „Bond“ Petrenko erzählte der Kiew Post über seinen Alltag: „Die Ziele, die wir sehen, sind klein und flüchtig – Teile eines Kopfes, einer Schulter, so etwas in der Art. Wenn ich ein Dragunov-Gewehr nehme (das eine „kleine“ Kugel im Kaliber 7,62x54 mm R abfeuert), wird es fast unmöglich sein, einen Treffer zu landen, selbst wenn ich einen sauberen Schuss bekomme, weil die Kugel nicht präzise genug dorthin fliegt, wohin ich ziele.“
Einen britischen Ex-Elitesoldaten zitiert die Kiew Post mit ähnlichem Ergebnis: Ein absichtlicher Treffer mit einer .308-Kugel unter Schlachtfeldbedingungen und auf Entfernungen von mehr als 800 Metern grenze an ein „kleines Wunder“. (Karsten Hinzmann)