Westliche Waffenlieferungen

Treffer käme Wunder gleich? Ukraine-Experten zerreißen Frankreichs neues Scharfschützengewehr

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Training ukrainischer Scharfschützen: Ein Soldat im Wintertarnanzug zielt mit seinem Gewehr. Laut den Praktikern sind die neuen französischen Gewehre nicht zu gebrauchen (Symbolbild)
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Die Patronen zu klein, der Lauf zu kurz – die Ukraine erhält Gewehre, die sie nicht gebrauchen kann, weil mit ihnen zu treffen einem Wunder gleicht.

Kiew – Forsch formuliert, hat Frankreich der Ukraine womöglich Schrott angedreht. Oder etwas diplomatischer: einen Ladenhüter. Ein französisches Gewehr soll im Rahmen eines rund 36 Millionen Euro umfassenden Waffengeschäfts zwischen Paris und Kiew an das Militär der Ukraine für Scharfschützen-Einsätze im Ukraine-Krieg übergeben werden. Die Ukrainer wollen das Ding aber gar nicht haben – die VCD10, eine halbautomatische Waffe, die von der kleinen französischen Schmiede Verney-Carron gebaut wird. Darüber berichtet jetzt die Kyiv Post. Gegen Wladimir Putins Truppe brächte die Waffe nach Expertenmeinung keinen Vorteil.

Die Kyiv Post ist das Gewehr auf europäischen Zivilmärkten verfügbar und wird dort hin und wieder bestellt in der Preisspanne von 3.500 bis 4.000 Euro – das britische Scharfschützengewehr Accuracy International AXMC wäre doppelt so teuer gewesen. Lediglich die Marokkaner nutzen die französische Sturmgewehr-Variante, und auch die nur in kleiner Stückzahl. Der französische Traditionshersteller Verney-Carron hat laut einer eigenen Pressemitteilung jetzt den Auftrag erhalten, mehr als 12.000 Handwaffen an die Ukraine zu liefern. Insgesamt soll die Ukraine 10.000 Sturmgewehre VCD15, 2.000 „Scharfschützengewehre“ VCD10 und 400 Granatwerfer im Wert von zusammen 36 Millionen Euro erhalten, um sie gegen Russland einzusetzen.

Der Handwaffen-Hersteller Verney-Carron wurde 1820 gegründet und ist damit der älteste, noch aktive Waffenproduzent Frankreichs. Das im ostfranzösischen Saint-Étienne angesiedelte Unternehmen ist im internationalen Markt für seine Jagdwaffen bekannt, etablierte aber 2017 einen separaten Bereich für die Entwicklung und Vermarktung von Produkten für Streitkräfte. Das bisher allerdings weitgehend erfolglos. Der Versuch, mit dem Scharfschützengewehr VCD10 an der Ausschreibung der französischen Armee teilzunehmen, scheiterte an der Zulassung zum Verfahren wegen einer mangelnden wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Das Unternehmen erwirtschaftet nach eigenen Angaben 13 Millionen Euro Jahresumsatz, die Teilnahme an solchen Ausschreibungen erfordert das Vierfache davon.

Die Kyiv Post zitiert Experten, die an dem Gewehr für den Einsatz in der Ukraine einiges zu bemängeln haben: Der Lauf sei zu kurz und die Patrone sowohl zu klein als auch zu leicht und überdies verliefe der Ladevorgang halbautomatisch, was das Gewehr unnötig in Schwingungen versetze. Auf die Entfernungen, über die in der Ukraine geschossen wird, würden die Patronen zu weit vom Wind abgetrieben. Anfang des kommenden Jahres sollen die ukrainischen Truppen die Gewehre empfangen.

Awdiijwka: Russische Verluste durch Schüsse aus einem Kilometer Entfernung

Lebel, das französische Unternehmen, das das VCD10 vertreibt, beschreibt das Gewehr als eine Präzisionswaffe mit dem Nato-Standardkaliber .308 Winchester beziehungsweise 7,62×51 Millimeter – beide bezeichnen die gleiche Patronengröße, einmal in ziviler, einmal in militärischer Terminologie. Im Dezember 1953 wurde sie als Standardpatrone der Nato eingeführt. Bis in die 1980er-Jahre war sie eine der am meisten verwendeten Patronen in der westlichen Welt. Die Armeen des damaligen Ostblocks verwenden ein anderes Kaliber.

Der Mechanismus, der das Gewehr nach dem Abfeuern einer Patrone nachlädt, läuft beim VCD10 halbautomatisch; also nach jedem Schuss lädt das Gewehr automatisch die nächste Patrone in das Patronenlager, sodass es für einen Schnellschuss bereit ist. Das ist an der Front in der Ukraine für den vorgesehenen Einsatz allerdings überflüssig: Am besten sei ohnehin, die Schießerei jemand anderem zu überlassen und ungesehen zu bleiben. Das haben kürzlich drei Scharfschützen der Ukraine in einem Interview gegenüber der Kiew Post geäußert. „Ich würde sagen, dass wir alle zehn Missionen, die wir unternehmen, vielleicht tatsächlich einmal einen Schuss abgeben“, sagte Wolodymyr Harbovsky (Pseudonym). „Wir bekommen alle Arten von Missionen und arbeiten mit allen Arten von Einheiten. Einen feindlichen Soldaten auszuschalten, hat so gut wie nie Priorität. Es ist eher eine Gelegenheit, die man nutzt, wenn sie sich bietet.“

Den hoch trainierten Scharfschützen der Nato haben alle Scharfschützen der Ukraine eines voraus, sagt Harbovsky. „Seit nunmehr zwei Jahren hat kein militärischer Scharfschütze, der in einer nationalen Nato-Armee oder anderswo dient, auch nur annähernd die tödlichen, blutigen und schmutzigen taktischen Lektionen erlebt, die professionellen Schützen auf den Schlachtfeldern der Ukraine beigebracht werden.“ Im schwer umkämpften Awdiijwka beispielsweise sollen erfolgreiche Scharfschützen rund 1000 Meter von ihren Zielen entfernt gewesen sein. Eine normale Distanz für diese Spezialisten. Die rekrutieren sich hauptsächlich aus ehemaligen Jägern und Sportschützen – also allesamt aus Zivilisten, die lediglich in ihrer Freizeit das Schießen eingeübt haben.

Der Tod auf Distanz in der Ukraine: eine Wissenschaft für sich

Allerdings wird das französische VCD10 auf diese weiten Entfernungen wahrscheinlich versagen, vermuten die Experten. Auf diese Distanz muss sich ein Schütze nicht nur mit Grundlagen wie Mündungsgeschwindigkeit, Wind und Projektilgewicht auseinandersetzen; dazu die Langstreckenfaktoren wie Eigenrotation der Kugel im Sinn behalten, außerdem Kräfte, die von außen auf die Rotation einwirken, ballistische Koeffizienten, atmosphärische Dichte, Winkel zum Ziel und sogar die Rotation der Erde.

Die Kaliberpatrone des Nato-Standards 7,62x51mm/.308 Win wird auch verfeuert in Sturm- und Maschinengewehren, die eher auf kurze Distanzen und durch ihre Feuergeschwindigkeit wirken. Wie jedes andere Flugobjekt wird auch ein Geschoss jeden Kalibers durch äußere Einflüsse auf einer längeren Flugbahn vom anvisierten Ziel abgetrieben. Schützen bezeichnen das Maß für diese natürliche Abweichung als ein MOA (eine „Minute Of Angle“ oder „Winkelminute“) also 1/60-Teil eines Winkelgrades. Bei einer Entfernung zum Ziel von 100 Metern entspricht das Abweichen um ein MOA einem Verzug des Treffers um 2,9 Zentimeter für die Nato-Standardpatrone. Der deutsche Militärjournalist Jan-Phillipp Weisswange kommt auf seinem Blog Strategie & Technik zum Fazit: „Inzwischen setzt sich immer mehr das Kaliber .338 Lapua Magnum beziehungsweise 8,6 70 Millimeter als Scharfschützen-Standard durch, da es ausgezeichnete Präzision und Wirkung auf Reichweiten von bis zu 1600 Metern bietet.“

Die schwereren Geschosse größeren Kalibers können dazu beitragen, die Auswirkungen des Windes über große Entfernungen abzuschwächen und die Verzögerung, also den Energieverlust des Projektils über die längere Distanz zu verringern. Die im französischen Gewehr verschossene Patrone ist also zu klein und zu leicht. Anderen Experten wiederum ist außerdem der Lauf zu kurz. Das VCD10 wird mit Läufen bis 51 Zentimetern angeboten, Repetierbüchsen hätten rund zehn Zentimeter längere Läufe und somit verfüge die Patrone über eine höhere Energie beim Austritt aus dem Lauf. Zudem böten Repetierer den Vorteil, dass die Patrone nach jedem Schuss mittels des seitlichen Verschlusshebels wieder von Hand in die Kammer geholt werden müsse; dadurch läge die Waffe insgesamt ruhiger.

Ein lohnendes Ziel für Scharfschützen: Putins gepanzerte Truppentransporter

Ihre Aufgabe finden Scharfschützen in Zweierlei, wie der deutsche Hauptfeldwebel Sahin K. (Name zum Schutz der Persönlichkeit abgekürzt) im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt erläutert. Sahin K. ist Scharfschützen-Truppführer einer Sicherungsstaffel des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33. Er schützt einen Fliegerhorst in Rheinland-Pfalz. Ihm zufolge sollen Scharfschützen sowohl während eines Angriffs als auch während eines Verzögerungsgefechts den Gegnern Angst machen und die eigenen Kameraden durch ihre Anwesenheit beruhigen. Der gezielte, tödliche Schuss sei eher die Ausnahme.

In erster Linie nehmen Scharfschützen dann gegnerische Schlüsselziele ins Visier: Maschinengewehr-Stellungen, Schwerpunktwaffen, gegnerische Scharfschützen, Führungspersonal. Die Bundeswehr setzt auf das Scharfschützengewehr G22A2 – laut Angaben der Bundeswehr treffen ihre Scharfschützen damit Ziele auf eine Entfernung von mehr als einem Kilometer. Werden die Hochleistungsgewehre mit Hartkernmunition geladen, also mit Projektilen von hoher, panzerbrechender Durchschlagskraft, haben auch Menschen in Schutzwesten kaum eine Chance. Sogar leicht gepanzerte Fahrzeuge könnten so von Scharfschützen bekämpft werden. Auch das deutsche Gewehr verschießt standardmäßig die kleine Nato-Munition. Die Rohrlänge liegt allerdings bei 66 Zentimetern. Das Gewehr ist ein Repetierer, also muss auch hier der Schütze manuell die neue Patrone aus dem Magazin in das Patronenlager einführen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Laut Aussagen von Praktikern gegenüber der Kiew Post würde ein Scharfschütze auf einem ukrainischen Schlachtfeld mit einem Gewehr für .338 Lapua Magnum-Patronen davon ausgehen, Ziele im Bereich von 800 bis 1000 Metern zuverlässig zu treffen. Dagegen müsste derselbe Schütze, der mit einer VCD10 bewaffnet ist, einen Treffer auf dieser Entfernung als Glücksfall betrachten. Der ukrainische Scharfschütze Wolodymyr „Bond“ Petrenko erzählte der Kiew Post über seinen Alltag: „Die Ziele, die wir sehen, sind klein und flüchtig – Teile eines Kopfes, einer Schulter, so etwas in der Art. Wenn ich ein Dragunov-Gewehr nehme (das eine „kleine“ Kugel im Kaliber 7,62x54 mm R abfeuert), wird es fast unmöglich sein, einen Treffer zu landen, selbst wenn ich einen sauberen Schuss bekomme, weil die Kugel nicht präzise genug dorthin fliegt, wohin ich ziele.“

Einen britischen Ex-Elitesoldaten zitiert die Kiew Post mit ähnlichem Ergebnis: Ein absichtlicher Treffer mit einer .308-Kugel unter Schlachtfeldbedingungen und auf Entfernungen von mehr als 800 Metern grenze an ein „kleines Wunder“. (Karsten Hinzmann)

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