Russlands perfide Drohnen-Strategie: Wie Putin Europa mit billigen Spielzeugen vorführt
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Als „geopolitischer Gangster“ wird Putin bezeichnet – wegen der heimtückischen Drohnen-Provokationen. Analysten beruhigen: Russland kann nur bluffen.
Brüssel – „Wie ein geopolitischer Gangster schüchterte er die Europäer wiederholt ein, indem er ihnen die Zerstörung ihres friedlichen Zusammenlebens in Aussicht stellte, sollten sie es wagen, sich in seine kriminellen Angelegenheiten einzumischen“, schreibt Peter Dickinson. Der Autor des US-Thinktanks „Atlantic Council“ hat wiederholt davor gewarnt, Wladimir Putin zu schüchtern gegenüberzutreten; er sieht keine Gefahr, dass Putin den Ukraine-Krieg in Richtung der EU ausweiten könne. Zudem sprechen europäische Offizielle bezüglich Drohnen-Vorfälle über ihren Ländern inzwischen von einer „Demütigung“, wie die Kiyv Post berichtet: „Irgendwann (müssen wir uns fragen): Verteidigen wir uns oder nicht?“, sagt Nicolas Vaujour.
Landkrieg neuer Gattung: Ein russischer Soldat der Streitkräftegruppe Zapad (West) bereitet den Start einer FPV-Drohne vor – was sich in der Ukraine als hauptsächliche Waffe herausgestellt hat, wird auch in einem kommenden militärischen Konflikt zwischen der NATO und Russland die Hauptrolle spielen. Der Westen ist darauf bisher ungenügend vorbereitet (Symbolfoto).
Die Kiyv Post zitiert den Admiral und Stabschef der französischen Marine mit der Frage, in welchem Zustand sich die Europäische Union beziehungsweise die NATO betrachteten: „Wir befinden uns nicht mehr vollständig in Friedenszeiten, denn wir befinden uns sowohl in Friedenszeiten als auch nicht weit von einer Konfrontation entfernt“, so der Franzose. Dänemark, Norwegen, Polen, Rumänien, Frankreich und das Baltikum haben zuletzt Bekanntschaft gemacht mit Drohnen-Attacken – in einer ungewöhnlichen Häufung, sodass Zufälle ausgeschlossen scheinen. Aber ob Wladimir Putin der Absender ist und welchen Zweck er damit verfolgt, bleibt tatsächlich zunächst Spekulation; wenn auch keine Alternative zu einer Provokation durch Russland denkbar erscheint.
Ukraine-Krieg wandert westwärts: „Auf dänischem Boden findet derzeit ein hybrider Krieg statt“
„Dänemark war in den letzten Tagen hybriden Angriffen ausgesetzt und auf dänischem Boden findet derzeit ein hybrider Krieg statt“, sagte Mette Frederiksen in einer Videoansprache gegenüber ihrem Volk, nachdem Drohnen über Flughäfen und einem Luftwaffen-Standort im Süden des Landes aufgetaucht waren. Die dänische Zeitung Berlingske fasst die Ausführungen der dänischen Ministerpräsidentin deutlich zusammen: „Es gibt einen hybriden Krieg auf dänischem Boden.“ Die „Angriffe“ auf Europa hatten unterschiedliche Dimensionen, wie die Kiyv Post unterstellt: Von Shahed-Drohnen, die über Polen abgeschossen worden waren, bis zu Drohnen über dem Militärstützpunkt Mourmelon-le-Grand im Nordosten Frankreichs; die „seien klein gewesen“, so das Blatt. Das führt zu der Vermutung, dass Wladimir Putin Europa mit billigen Spielzeugen vorführt.
„Zwar hatten Putins Armeen Mühe, die Erwartungen auf dem Schlachtfeld zu erfüllen, doch seine Fähigkeit, seine westlichen Gegner einzuschüchtern, war wohl die größte Leistung des russischen Führers im gesamten Krieg.“
Ziel der Überflüge sei, Angst und Zwietracht zu säen, hat die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) den dänischen Justizminister Peter Hummelgaard zitiert. Dabei sind die Drohnen-Attacken nur ein Teil des beginnenden oder bereits laufenden hybriden Krieges zwischen Russland und der NATO. „Grauzonen-Aggression“ nennt Peter Dickinson die Strategie des Kreml. Ihm zufolge laufe diese „Grauzonen-Aggression“ seit der Annexion der Krim 2014 und reiche von „Desinformation in den sozialen Medien und Cyberangriffen bis hin zu Sabotageakten und Attentaten“, so der Autor des Atlantic Council. „Gleichzeitig ist es schwer vorstellbar, dass Putin in der Lage ist, den aktuellen Krieg dramatisch auszuweiten.“
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Parallel läuft das Rennen um die Deutungshoheit der Situation, was die New York Times (NYT) spiegelt: Während westeuropäische Offizielle behaupten, „der Kontinent befinde sich in der gefährlichsten Phase seit Jahrzehnten“, so das Blatt, „griff Putin die ‚europäischen Eliten‘ scharf an, weil sie ‚die Hysterie‘ über die ‚russische Bedrohung‘ anheizten“, zitiert NYT-Autorin Nataliya Vasilyeva. Allerdings erinnert sie daran, dass Putin vor Beginn des Ukraine-Krieges seine Truppen an der Grenze zum Nachbarland habe aufmarschieren lassen, obwohl er geleugnet habe, dadurch eine Invasion vorzubereiten. Diese Doppelzüngigkeit hängt dem Kreml-Chef heute nach. Auf der anderen Seite sickert die Angst offenbar über die Regierungen beziehungsweise die beteiligten Sicherheitskräfte auf die Bevölkerungen hinunter.
Russland zu schwach: Experte warnt davor, die vom Kreml ausgelobten „roten Linien“ allzu ernst zu nehmen
Der angebliche „Hybridkrieg“ Russlands sei für viele Europäer plötzlich zu nahe gekommen, so der britische Guardian: „Er könnte bis in Städte reichen, die weit von der Frontlinie entfernt sind“, schreibt aktuell dessen Autorin Katherine Butler. Kein Beobachter bezweifelt, dass Putin die Verteidigungsbereitschaft der NATO zu testen gedenkt. Demgegenüber reden verschiedene Analysten die Gefahr eines realen Angriffes klein. „Atlantic Council“-Autor Peter Dickinson hatte immer wieder davor gewarnt, die vom Kreml ausgelobten „roten Linien“ für bare Münze zu nehmen. Und auch Mihail Evans fürchtet kaum reale Folgen von Putins Nadelstichen. Laut dem Autor des serbischen Thinktanks „Center for International Relations and Sustainable Development“ (CIRSD) scheitere Russland an seiner veralteten Taktik.
Daran ändere auch die Umstellung auf Drohnen wenig – zwar begegneten sich die beiden Kriegsgegner Russland und die Ukraine in der Produktion auf Augenhöhe. Aber trotz der Shahed-Drohnen, die ja iranischen Ursprungs sind, wird der Ukraine mehr Innovation zugetraut als Russland. Diese Innovation- und Produktionskraft potenziere sich in der NATO als möglicher kommender Gegner Russlands, so Mihail Evans: „Im Großen und Ganzen kämpft die russische Armee noch immer so wie zu Zeiten Stalins im Zweiten Weltkrieg. Die Kerntaktik bleibt der massive Artilleriebeschuss.“ Durch die Unbarmherzigkeit, mit der Russland den Ukraine-Krieg geführt hätte, habe sie ihre teilweise aus den Zeiten des Kalten Krieges stammenden Bestände aufgebraucht.
Putin alleine machtlos: Ohne die Unterstützung von Kim Jong-Un kein Ukraine-Krieg
Laut Evans fehlte Russland jegliche realistische Möglichkeit, diese Depots wieder zu füllen; und vor allem das hindere sie, den Drohnen-Provokationen handfeste militärische Attacken folgen zu lassen. „Da die russische Kriegsführung auf Feuerüberlegenheit beruht, benötigt sie Tonnen von Munition. Und das einzige Land, das neben Russland eine derartige Menge liefern kann, ist Nordkorea“, zitiert Evans den Analysten Yang Uk. Neben dem Militärexperten am „Asian Institute for Policy Studies“ in Seoul zitiert Evans eine anonyme Stimme aus den Vereinten Nationen – demnach ginge von Putin allein wenig Gefahr aus: „Ohne die Unterstützung von Kim Jong-un wäre Präsident Wladimir Putin nicht in der Lage, seinen Krieg in der Ukraine fortzusetzen.“
Ohne die Unterstützung von Kim Jong-un würde Russland also auch keinen Krieg gegen die NATO vom Zaun brechen können, was die Tiefenwirkung der Drohnen-Attacken wiederum einschränkt. Als Alarmsignal taugen die Drohnen-Überflüge wohl allemal; als Fehdehandschuh dagegen fehlt ihnen die letztendliche Wirkungsmächtigkeit. Allerdings zitiert die New York Times wieder die gewohnte Rhetorik, die Putin auf die westlichen Reaktionen nach den Überflügen über Polen hat folgen lassen: Er sagte, Deutschland und andere Länder würden durch die „Militarisierung Europas“ das Konfliktrisiko erhöhen. Sollte Europa diesen Kurs fortsetzen, müsse Russland eine „überzeugende Antwort“ geben, so Putin laut NYT-Autorin Nataliya Vasilyeva.
Putins wahre Kompetenz: seine Fähigkeit, seine westlichen Gegner einzuschüchtern
Einerseits ist der Ukraine-Krieg eingefroren – ein Ende ist aktuell kaum zu erwarten. Und auch das diplomatische Geplänkel einerseits zwischen der NATO und Russland, zwischen Russland und den USA sowie zwischen den USA und ihren europäischen Verbünden simmert scheinbar endlos dahin. Ein Risiko auf kleiner Flamme. Jede Seite weiß, dass sie sich bewegen müsste; keine Seite traut sich den ersten Schritt zu. Zwischen allen Polen mäandert zudem die bis dato stärkste Korsettstange des westlichen Verteidigungsbündnisses zwischen allen Polen: die USA. Die werden von den Drohnen-Attacken auch am wenigsten tangiert, sodass diese militärische Gefahr eine ist, der die europäischen Länder allein begegnen müssen. Ob mittels Drohnenwall oder automatisierten Abfang-Drohnen bleibt abzuwarten. Auch das trägt enorm zur Verunsicherung der Verteidigungsallianz bei.
Der kommende Landkrieg wird anders aussehen als jeder bisherige – wahrscheinlich auch anders als der jetzt tobende Ukraine-Krieg, wie Peter Dickinson für „Atlantic Council“ deutlich macht: „Zwar hatten Putins Armeen Mühe, die Erwartungen auf dem Schlachtfeld zu erfüllen, doch seine Fähigkeit, seine westlichen Gegner einzuschüchtern, war wohl die größte Leistung des russischen Führers im gesamten Krieg.“ (Quellen: Associated Press, Atlantic Council, Center for International Relations and Sustainable Development, Kiyv Post, Berlingske, York Times, Guardian) (hz)