Tomahawk: Schießt bis hinter den Ural – aber Trump bestimmt die Richtung
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Ernüchternde Experten-Einschätzung: Maximale Reichweite nur in Ausnahmen – und nur mit kleinem Sprengkopf. Trump-Kritiker fangen wieder an zu geizen.
Washington D.C. – „Derzeit verfügt also keine Tomahawk offiziell über eine Reichweite von 2.500 Kilometern“, schreibt der Defense Express. Das Magazin erörtert die spannende Frage, wo sich Wladimir Putin in seinem Land noch sicher fühlen könnte, sollte US-Präsident Donald Trump die Karten im Ukraine-Krieg neu mischen – Moskau liegt in Reichweite der Tomahawk-Raketen. Locker.
Rund 800 Kilometer Luftlinie liegt Moskau von Kiew entfernt. Ein mögliches Ziel unter vielen. Illia Kabachynskyi betont den deutlichen Reichweiten-Vorteil der US-Waffe gegenüber den ukrainischen Marschflugkörpern beziehungsweise Raketen. Die Differenz zwischen West- und Ost-Produkt beträgt mindestens mehrere hundert Kilometer. Daneben führt der United24-Autor die höhere Geschwindigkeit von fast 900 Kilometern pro Stunde auf und den Tomahawk-Sprengkopf von rund einer halben Tonne Gewicht. Kabachynskyi hofft, dass die US-Waffe das Arsenal der ukrainischen Marschflugkörper ergänzen und „kombinierte Angriffe tief in russisches Gebiet“ ermöglichen könne.
Ukraine-Krieg: Die Tomahawk versprechen tatsächlich das, was die ATACMS nie haben leisten können
Die Tomahawk versprechen tatsächlich das, was die ATACMS (Army Tactical Missile System) nie haben leisten können: Das Plus an Reichweite: Nach 300 Kilometern wäre Schluss gewesen für die stärkste Version der Rakete, mit denen die Ukraine unterstützt worden war, ohne dass sie die Russen weit in ihr Hinterland hineindrängen konnten. Jetzt wird der Horizont ihrer Verteidigung tiefer, schreibt Filip Timotija. „Diese Raketen würden eingesetzt, um hochrangige militärische Ziele anzugreifen, die derzeit unerreichbar sind, wie etwa den Marinestützpunkt in Noworossijsk und wichtige Luftwaffenstützpunkte wie Olenja in der Oblast Murmansk“, zitiert der Autor des Magazins The Hill Wladislaw Sobolewskyj.
„Washington würde vermutlich Informationen über Ziele und Radarausweichmanöver liefern, da die Marschflugkörper zur Steuerung US-amerikanische Militärnavigationssysteme nutzen. Das bedeutet, dass die USA letztlich ein Vetorecht darüber hätten, welche russischen Ziele Kiew angreifen möchte“
Laut dem Mitbegründer der ukrainischen Nichtregierungsorganisation „Snake Island Institute“ könnten die Verteidiger jetzt der Wurzel des russischen Terrors gegen die ukrainische Zivilbevölkerung zu Leibe rücken. Die in Reichweite liegenden Stützpunkte seien diejenigen, „die Russland als Hauptstartrampe für Massenraketenangriffe auf ukrainische Städte nutzt“, so Sobolewskyj gegenüber The Hill. Laut dem US-Nachrichtenportal Axios will der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Waffen einsetzen für den Angriff auf „Drohnen- und Raketenfabriken tief im Inneren Russlands“, wie die Axios-Autoren Barak Ravid und Dave Lawler betonen. Filip Timotija ergänzt in The Hill, dass Selenskyj eine Tomahawk-Offensive auf zivile Ziele in Russland ausschließe – und überhaupt den Einsatz dieser Waffen zunächst als sein diplomatisches Ass im Poker um Frieden betrachte.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Laut Ravid und Lawler habe Selenskyj argumentiert, „dass allein der Besitz der Raketen ein mächtiges Verhandlungsinstrument gegenüber Putin wäre, der sich mit der Vorstellung auseinandersetzen muss, dass sich Moskau in Reichweite der Ukraine befindet“, wie sie für Axios schreiben. Insofern ist die vom Defense Express befeuerte Debatte um die Reichweite dieser Waffe von entscheidender Bedeutung für Selenskyjs Verhandlungsposition gegenüber Wladimir Putin. Die viel gepriesene Reichweite von 2.500 Kilometern gelte nämlich lediglich in der Papierform, argumentiert das Magazin: „Die Reichweite bestimmt maßgeblich die Anzahl der Ziele in Russland, die diese Raketen vom ukrainischen Territorium aus angreifen können.“
Putins Regime in heller Aufregung: „Wer bestimmt die Zielrichtung dieser Raketen?“
Der Defense Express betont, dass die wahrhaftige Reichweite der in die Ukraine möglicherweise gelieferten Marschflugkörper deutlich niedriger liegen könnte, als die apostrophierten mehr als 2.000 Kilometer: „Seltener werden 1.600 Kilometer angegeben, manche Quellen nennen aber auch 1.700 Kilometer oder sogar nur 1.300 Kilometer.“ Welche militärischen Folgen das hätte, bleibt abzuwarten. Laut Defense Express würde die Rakete mit der höchsten Reichweite Russland bis jenseits des Ural verwunden können. Die kürzest mögliche Distanz beschränke die Wirkung der Waffe „jedoch auf den europäischen Teil Russlands, wo sich noch immer die überwiegende Mehrheit der strategischen Ziele befindet“. Die Drohung durch diese Waffe scheint also letztendlich kleiner zu sein, als sich das die Ukrainer oder sogar die USA wünschten.
Das legt eine Einschätzung der Washington Post (WP) nahe. „Wer bestimmt die Zielrichtung dieser Raketen? Die amerikanische Seite oder die Ukrainer selbst?“, will Dmitri Peskow wissen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters hat der Kreml-Sprecher damit auf die mögliche Tomahawk-Offerte von US-Präsident Donald Trump an den „David“ im Ukraine-Krieg reaguert. Allerdings werde der Republikaner Trump womöglich die Linie seines demokratischen Amtsvorgängers Joe Biden verfolgen, vermuten Alex Horton, David L. Stern und William Neff: „Washington würde vermutlich Informationen über Ziele und Radarausweichmanöver liefern, da die Marschflugkörper zur Steuerung US-amerikanische Militärnavigationssysteme nutzen. Das bedeutet, dass die USA letztlich ein Vetorecht darüber hätten, welche russischen Ziele Kiew angreifen möchte“, vermuten die WP-Autoren.
Trump-Kritiker: Die Bestände schonen, um für eine Auseinandersetzung mit China gewappnet zu sein
Laut dem Defense Express wird die Antwort Russlands wahrscheinlich auch davon abhängen, wie viele Tomahawks die Ukraine erhalte beziehungsweise welcher Modernisierungsstufe die angehörten. Auch die USA sollen mittlerweile knapp sein an dieser Waffe, vermutet die Washington Post aufgrund der Einschätzung von Mark Cancian. Laut dem Analysten des US-Thinktanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) sei der einstige Bestand von 9.000 Marschflugkörpern inzwischen geschrumpft. Neben den fest stationierten und den ausgemusterten Marschflugkörpern sollen auch schon Hunderte davon in Einsätzen verschossen worden sein. „Das Verteidigungsministerium habe den Vorrat aufgrund jüngster Operationen, darunter der Angriff auf iranische Atomanlagen und Ziele im Jemen, weiter reduziert“, so Cancian gegenüber der WP.
Darüber hinaus wird sich Trump auch internen Kritikern stellen müssen, vermutet das Blatt: Viele Militärs und Politiker wollen die Bestände schonen, um für eine Auseinandersetzung mit China gewappnet zu sein. Möglicherweise wird die Lieferung der Tomahawks also genau dem gleichen politischen Kalkül unterworfen sein, wie das schon mit anderen westlichen Waffensystemen gewesen ist: Die Ukraine bekommt genau so viele Waffen, damit sie nicht verliert, aber zu wenig, um effektiv zuschlagen zu können. Ob die schlussendlich gelieferten Marschflugkörper effektiv wären, stellt der Defense Express ebenfalls infrage: Die Reichweite von ungefähr 2.500 Kilometern sei nämlich mit einem eher leichten Sprengkopf erkauft worden.
USA gewarnt: Unklug, die russischen Bedenken hinsichtlich der Tomahawk-Raketen pauschal abzutun
Die maximale Reichweite schreibt das Magazin der Block II-Variante zu – die sei zeitnah entwickelt worden, nachdem die Rakete 1983 an die Truppe übergeben worden war. Der damals verwendete W80-Atomsprengkopf habe nur etwa 130 Kilogramm gewogen; das konventionelle Pendant beziffert der Defense Express mit 450 Kilogramm – was wiederum zu Lasten der Reichweite geht. Verschärfend käme eventuell hinzu, dass die Ukraine keine Waffe zur Verfügung haben dürfte, die potenziell atomwaffenfähig ist – das würde gegen die erst kürzlich verschärfte Atomdoktrin der Waffe verstoßen. Demnach erklärte sich automatisch zu Russlands Feind, wer der Ukraine eine potenziell atomare Bedrohung in die Hände gäbe.
Parallel dazu sieht der US-Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) „einen Wendepunkt in der Kommunikationskampagne des Kremls“, wie der Tagesspiegel reportiert. Während Moskau bislang alle gelieferten West-Waffen als „bedeutungslos“ tituliert und relativ standardisiert gegen die „indirekte Beteiligung der USA“ gewettert hätte, „verschiebt sich der Ton nun in Richtung nuklearer Drohkulisse“, zitiert der Tagesspiegel das ISW. Aaron Stein und Sam Lair sehen das genau so, wie sie in einer aktuellen Analyse für den US-Thinktank „Foreign Policy Research Institute“ schreiben: „Es wäre jedoch unklug, die russischen Bedenken hinsichtlich der Tomahawk-Raketen pauschal abzutun oder, wie Präsident Donald Trump es angedeutet hat, davon auszugehen, dass Moskau ein ,Papiertiger‘ sei.“ Quellen: Center for Strategic and International Studies, Foreign Policy Research Institute, Reuters, Defense Express, United24, The Hill, Axios, Washington Post, Tagesspiegel ) (hz)