Ukraine-Krieg

Lage am AKW Saporischschja „unberechenbar“ - Auch deutsches Ministerium sieht „Unsicherheiten“

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Die Internationale Atomenergiebehörde ist besorgt: Im Gebiet des AKW Saporischschja wird die Bevölkerung evakuiert und der Boden vermint.

Moskau – Angesichts der erwarteten ukrainischen Gegenoffensive hat die russische Regierung Familien und Kinder sowie alte Leute dazu aufgefordert, mehrere von Moskau besetzte Gebiete im Süden der Ukraine zu verlassen. Am vergangenen Freitag (5. Mai) begann die russische Verwaltung mit der Evakuierung der frontnahen Ortschaften im Gebiet Saporischschja. Davon betroffen ist auch die Stadt Enerhodar, in der sich das Atomkraftwerk Saporischschja befindet und die meisten Beschäftigten des AKWs leben.

Das AKW Saporischschja liegt am Ostufer des Flusses Dnipro. Seit März 2022 ist es von russischen Streitkräften besetzt. Neben der Evakuierung der Bevölkerung soll Russland laut Informationen der dpa im Gebiet auch Panzersperren errichten und das Gebiet verminen.

AKW Saporischschja: Im Ukraine-Krieg könnte „ernster atomarer Unfall“ drohen

Mehr als 1500 Menschen seien bereits in Sicherheit gebracht worden, darunter mehr als 600 Minderjährige, erklärte der von Russland eingesetzte Verwaltungschef der Region Saporischschja, Jewgeni Balizki, am Sonntag (7. Mai). Von der Teil-Evakuierung sind insgesamt mindestens 18 Städte und Siedlungen betroffen, darunter die Stadt Enerhodar. Balizki sprach von einer vorübergehenden Umsiedlung der Bevölkerung zu ihrer eigenen Sicherheit.

Im Gebiet Saporischschja, wo sich auch das besetzte AKW befindet, sollen die russischen Streitkräfte Panzersperren errichten und das Gebiet verminen. (Archivbild).

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, warnte am Samstag (6. Mai), die Lage im Gebiet rund um das AKW Saporischschja werde „immer unberechenbarer und potenziell gefährlich“. Er sei „extrem besorgt“ um die atomare Sicherheit und Sicherheitsrisiken für die Anlage. Er warnte vor der Gefahr eines „ernsten atomaren Unfalls“.

Zwar gebe es mit Blick auf das AKW Saporischschja „derzeit keinerlei Hinweise auf erhöhte Strahlungswerte, weder in der Ukraine noch in Deutschland“, wie ein Sprecher des Bundesumweltministeriums den Funke-Zeitungen vom Montag (8. Mai) sagte. Grundsätzlich seien Prognosen, inwieweit deutsches Staatsgebiet bei Angriffen auf ein Atomkraftwerk in der Ukraine betroffen sein könnte, allerdings mit sehr hohen Unsicherheiten behaftet, „da Atomkraftwerke in der Geschichte bisher noch nie angegriffen wurden“, sagte der Ministeriumssprecher.

Ukraine-Krieg: Auswirkungen von AKW-Angriff für Deutschland ungewiss

Aufgrund der Entfernung zur Ukraine rechne das Bundesumweltministerium jedoch nicht damit, dass im Fall eines radioaktiven Niederschlags in Deutschland Maßnahmen des Katastrophenschutzes erforderlich würden – wie etwa die Einnahme von hochdosiertem Jod.

Im „schlimmsten Fall“, also bei einem erheblichen Austritt von Radioaktivität und einer Wetterlage, bei der radioaktive Luft nach Deutschland ziehen würde, könnte es zu Auswirkungen für die Landwirtschaft kommen, so der Sprecher weiter. Dann würde eine Kontrolle von Futter- und Nahrungsmitteln im Hinblick auf radioaktive Belastung erforderlich werden.

AKW Saporischschja wird auf Gegenoffensive der Ukraine vorbereitet

Nach Angaben der russischen Besatzungsbehörden haben erneute Regenfälle den Beginn der erwarteten Gegenoffensive der Ukraine verzögert. „Der Boden muss zehn bis zwölf Zentimeter durchgetrocknet sein, damit die Technik darüber rollen kann“, sagte Verwaltungschef Balizki, im russischen Fernsehen. Trotzdem könne die Gegenoffensive „jeden Moment beginnen“, warnte er.

Russland besetzt in seinem vor mehr als 14 Monaten begonnenen Ukraine-Krieg vor allem im Süden und Osten des Landes größere Landstriche. Insgesamt befinden sich noch rund 20 Prozent des ukrainischen Territoriums unter russischer Kontrolle. Militärexperten erwarten nach der weitgehend erfolglosen Winteroffensive der Russen nun eine ukrainische Gegenoffensive, mit der Kiew mehrere Gebiete zurückerobern will. (na/dpa/afp)

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