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Was steckt hinter dem Drohnen-Angriff auf den Kreml? Die Welt rätselt, doch ein ukrainischer Geschäftsmann, will es „zu 100 Prozent“ wissen.
Moskau - Nach dem mutmaßlichen Drohnen-Angriff auf den Kreml hat Russlands Außenminister Sergej Lawrow „konkrete Aktionen“ angekündigt. „Es ist absolut klar, dass die Terroristen in Kiew dies ohne das Wissen ihrer ‚Schirmherren‘ nicht hätten tun können“, sagte Lawrow am Freitag (5. Mai) am Rande eines Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) im südindischen Goa.
Am Mittwoch hatte der Kreml über einen versuchten Anschlag mit zwei Drohnen berichtet, der angeblich Putin gegolten habe. Verantwortlich dafür machte Moskau die Ukraine - und für die Planung die USA. Sowohl Kiew als auch Washington wiesen die bislang unbelegten Anschuldigungen vehement zurück. Mehrere internationale Militärexperten halten es für wahrscheinlich, dass der Vorfall vom Kreml selbst inszeniert worden sein könnte. Etwa um weitere Kriegshandlungen zu rechtfertigen.
Ukraine-Krieg: Ukrainischer Geschäftsmann gibt Einschätzung zu Drohnen-Vorfall in Moskau
Der ukrainische Geschäftsmann Wolodymyr Jazenko hat sich nun zu dem Fall geäußert. Es habe sich um ein „ziemlich kleines, unbemanntes Fluggerät“ gehandelt, das keinen Sprengstoff mit sich getragen habe, sagte er dem Spiegel. Die Explosion sei entstanden, weil die Drohnen abgeschossen wurden. Der Grund für den Drohnenangriff sah Jazenko darin, „Putin eine Ohrfeige zu verpassen und die ganze Ohnmacht und Wertlosigkeit seines Flugabwehrsystems zu demonstrieren“.
Der ukrainische Geschäftsmann ist Drohnen-Experte und lässt selber derartige Waffensysteme herstellen. Janzenko behauptet darüber hinaus, „zu 100 Prozent“ zu wissen, was es genau mit dem Angriff auf den Kreml auf sich hat. Er wolle dies jedoch nicht öffentlich machen, da er am 9. Mai erneut Anschläge in Moskau erwartet und keine für Russland dienlichen Informationen nach außen tragen wolle.
Ukraine-Krieg: Kreml-Drohnen könnten laut US-Experten in Russland gestartet sein
Die über dem Kreml abgeschossenen Drohnen könnten nach Einschätzung von US-Experten in Russland gestartet worden sein. Für diese Annahme spreche, dass die Flugobjekte wahrscheinlich eine ganze Reihe von Abwehrsystemen in und um Moskau überwunden haben müssen, sagte Dana Goward, Präsident der gemeinnützigen Stiftung Resilient Navigation and Timing, die sich für angriffssicherere GPS-Systeme einsetzt.
Spätestens seit 2015 werde zum Schutz des Kremls das sogenannte „Spoofing“ eingesetzt, bei dem auch Drohnen-Leitsysteme durch GPS-Störsignale getäuscht würden. Die bis zum Kreml vorgedrungenen Drohnen könnten deshalb ohne GPS geflogen und stattdessen manuell gesteuert worden sein - was auf einen Start in der näheren Umgebung hindeute.
In den sozialen Medien kursieren Aufnahmen von den Drohnen über dem Kreml. Regierungsexperten, aber auch Analysten, die sich auf frei verfügbare Quellen stützen, suchen in den Filmen weiter nach Hinweisen auf die Herkunft der Flugobjekte. Drohnen-Experte Goward erklärte der Nachrichtenagentur Reuters zufolge weiter, die Drohnen könnten auch nur auf den Kreml gerichtet auf eine bestimmte Flugbahn gebracht und dann im „Kamikaze-Stil“ sich selbst überlassen worden sein.
Ukraine-Krieg: Drohnenstart in der Ukraine wäre „überraschend“
„Es ist überraschend, dass diese Drohne durch ganz Moskau bis hin zum Kreml fliegen konnte, ohne entdeckt und zerstört worden zu sein“, sagte zugleich der Gründer und Chef des Drohnen-Herstellers BRINC, Blake Resnick. Auch er spekulierte über einen Verzicht auf eine GPS-Steuerung oder jegliche Kommunikation mit einer Bodenstation. Die vergleichbar geringe Größe der Geräte und die niedrige Flughöhe könnten dies ermöglicht haben.
Eine Drohne eine lange Strecke fliegen zu lassen, ohne dass sie aufgespürt wird, gilt als schwierig. Überhaupt gibt es laut Dan Gettinger, Drohnen-Experte bei der Ingenieurs-Vereinigung Vertical Flight Society, nur rund ein halbes Dutzend größere Militärdrohnen-Modelle, die eine Strecke von mehr als 400 Kilometern fliegen könnten - also beispielsweise aus der Ukraine bis nach Moskau.
Nur wenige Länder produzierten Drohnen dieser Größe und mit diesen Möglichkeiten. Neben China, Indien und Taiwan allerdings auch die Ukraine. Solche Flugobjekte sind also eher selten. Bei einem Start innerhalb Russlands sei die Bandbreite an Drohnen, die einen solchen Angriff ausführen könnten, deutlich größer, resümierte Gettinger. (rtr/lp)
