„Niemand glaubt den Behörden“

Russischer Überläufer enthüllt Sold-Irrsinn in Putin-Truppe

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Ehemaliger Russland enthüllt Rekrutierungsstrategie von Wladimir Putin (Symbolbild).
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Dass Russland nach neuen Rekruten für seine Invasion in der Ukraine sucht, ist bekannt. Ausgebildete Soldaten sollen deswegen weniger verdienen als neue Rekruten – berichtet ein Deserteur.

London – Die russische Armee, genauso wie die Söldnertruppe Wagner, welche im Ukraine-Krieg als verlängerter Arm ersterer agiert, gehen notorisch grausam mit Deserteuren um. Über den Verlauf des Kriegs in der Ukraine, welcher mittlerweile weit über ein Jahr anhält, gab es nur wenige russische Soldaten und Offizielle, die über den Krieg von russischer Seite aus berichtet hatten. Jetzt hat jedoch ein ehemaliger russischer Leutnant der BBC ein Interview gegeben.

Dmitry Mischow ist ein 26-jähriger Soldat aus Russland. Er ist einer von wenigen, denen es gelungen ist, aus der russischen Armee zu fliehen und Asyl in einem EU-Land zu beantragen. Mischow nach sei die russische Armee polarisiert. Es gäbe Soldaten, die den Krieg unterstützten und Soldaten, die gegen ihn seien. An die Erzählung, man würde Russland mit diesem Krieg verteidigen, glaube jedoch kaum jemand.

Ukraine-Krieg: Deserteur im Interview über die russische Armee

Im Interview mit der BBC beschreibt der ehemalige Leutnant mitunter, wie der Kreml händeringend nach neuen Rekruten sucht. Vor Monaten hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Teilmobilmachung bekannt gegeben, bei dir mitunter Zivilisten von Offiziellen abgeführt und in den Militärdienst gezwungen wurden. Neben derartigen Praktiken versuche Moskau jedoch auch neue Soldaten mit Geld zu überzeugen. Als ausgebildeter Berufssoldat wurde Mischow während des Krieges weiterhin bezahlt, wie zuvor. Währenddessen gab es noch neue Rekruten, die mehr als doppelt so viel verdienten, wie er als erfahrener Offizier. Im Detail: Erfahrene Luftwaffenoffiziere erhielten demnach weiter das Vorkriegsgehalt von bis zu 90.000 Rubel (997 Euro). Während in öffentlichen Kampagnen neue Rekruten mit Gehältern von 204.000 Rubel, also knapp 2.260 Euro angeworben würden.

Allgemein spricht er von einer überwältigend weit verbreiteten Unzufriedenheit mit den niedrigen Gehältern in der Armee.

Wohl durchaus auch ein Faktor im Kampf. Schon im Januar bezeichnete der frühere Kommandant Igor Girkin die fehlende Moral der russischen Armee als größtes Problem im Ukraine-Krieg.

Ein Vertrauen in die Berichte der russischen Staatsmedien gäbe es in der Armee ebenso wenig, auch bei denjenigen, die den Krieg unterstützen: „Beim Militär glaubt niemand den Behörden. Alle können sehen, was wirklich passiert, es handelt sich schließlich nicht um irgendwelche Zivilisten.“ Bei der Armee glaube niemanden den offiziellen Berichten, „weil sie einfach nicht stimmen“, sagt Mischow.

Ukraine-Krieg: „Ich muss kein Komplize in einem Verbrechen werden“

Mischow selber habe nie in der Ukraine gekämpft, sondern lediglich Logistik-Aktionen in Belarus organisiert und durchgeführt. Ob dies tatsächlich der Fall ist, lässt sich nicht bestätigen. Der Soldat hat jedoch eine klare Perspektive auf den Krieg in der Ukraine:

„Ich bin ein Soldat, meine Pflicht ist es, mein Land vor Angriffen zu schützen. Ich muss aber kein Komplize in einem Verbrechen werden. Niemand hatte uns gesagt, warum dieser Krieg überhaupt angefangen hatte und warum wir die Ukraine angreifen, ihre Städte zerstören sollten.“ (lp)

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