Putins treuer Paladin: Wjatscheslaw Wolodin, Chef der russischen Staatsduma, will an private Vermögen herankommen und bringt den Entwurf eines verschärften Gesetzes ins russische Parlament ein. (Archivfoto)
„Alle Lumpen bestrafen“, lautet das Credo des Kreml. Russlands Parlamentschef will jetzt mehr private Vermögen einziehen: von Künstlern und Kritikern.
Moskau – Ökonomen hören bereits den Countdown ticken: Russland rieselt das Geld zwischen den Fingern hindurch. Der Börsendienst Bloomberg behauptet, die russische Regierung habe inzwischen fast die Hälfte der verfügbaren Reserven des nationalen Vermögensfonds angezapft, um die Wirtschaft vor den Folgen des fast zweijährigen Ukraine-Krieges zu schützen. Russland pumpt also Unmengen Geldes in den Markt. Das könnte mit ein Grund sein, weshalb der Kreml jetzt verstärkt Privatvermögen von Andersdenkenden im In- und Ausland requirieren wird.
Russlands Parlamentschef Wjatscheslaw Wolodin will Kriegsgegner und Staatsfeinde enteignen lassen. Ein Gesetzentwurf dazu werde an diesem Montag in der Staatsduma eingebracht, teilte Wolodin jetzt in Moskau mit. Der treue Gefolgsmann von Kremlchef Wladimir Putin und Chef der Duma erklärte wörtlich seinen Plan damit, alle „Lumpen zu bestrafen, die mit Schmutz werfen auf unser Land, die Soldaten und Offiziere, die an der militärischen Spezialoperation teilnehmen.“ Die Zielgruppe der geplanten Sanktionen ist bewusst groß gehalten.
Experten erkennen in den innenpolitischen Verschärfungen Hinweise, dass außenpolitische Misserfolge kompensiert werden müssen: „Die weitere innenpolitische Entwicklung in Russland ist eng mit dem Ausgang des Krieges verknüpft. Wladimir Putin braucht einen ,Sieg‘, um seine politische Zukunft zu sichern. Ist er dazu nicht in der Lage, könnte das gegenwärtige Regime ins Wanken geraten“, schreibt Sabine Fischer für den deutschen Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik.
Russlands Kriegswirtschaft: Wohlstand der Bevölkerung wird schrumpfen
Russland hat inzwischen auf Kriegswirtschaft umgestellt. Geld fließt statt in zivile Infrastruktur in Rüstungsgüter. Für Russlands Wirtschaft bedeutete der russische Angriff auf die Ukraine insofern eine doppelte Herausforderung, wie der Politikwissenschaftler Janis Kluge schreibt. Zum einen wurde Russland durch die westlichen Sanktionen dazu gezwungen, seinen Außenhandel und sein Finanzsystem neu auszurichten. Zum anderen benötigt das russische Militär für den Krieg in der Ukraine große Mengen an Waffen, Munition, aber auch Soldaten. Der Staat steigerte seine Militärausgaben dramatisch, um die Rüstungsproduktion hochzufahren. Die russische Wirtschaft konnte beide Herausforderungen in den ersten eineinhalb Kriegsjahren besser als erwartet meistern. Allerdings zehrt das Land inzwischen von der Substanz – und das zeitigt Folgen: Der Wohlstand der russischen Bevölkerung wird langfristig deutlich schrumpfen.
Mit dem Begriff „militärische Spezialoperation“ hat Wladimir Putin seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine und – im Prinzip – gegen ganz Westeuropa als Notwehr-Maßnahme verbrämt. Das kommende Gesetz ermöglicht dem Staat laut Wolodin, „Geld, Wertgegenstände und anderes Eigentum zu beschlagnahmen, die verwendet wurden oder bestimmt sind für die Finanzierung von krimineller Tätigkeit gegen die Sicherheit der Russischen Föderation“. Wolodin listet acht Vergehen auf, die zu einer Enteignung der Betroffenen führen können, darunter etwa auch die Forderung und Unterstützung von Sanktionen gegen Russland.
Putins Geldquelle: Auch westliche Betriebe mögliche Opfer von Enteignungen
Das hat auch bereits die westliche Wirtschaft zu spüren bekommen, wie das Magazin Capital seit längerem beobachtet: Aus Sicht von Professor Jeff Sonnenfeld von der Yale School of Management musste, laut Capital, westlichen Unternehmen, die auch im zweiten Jahr von Putins Feldzug gegen die Ukraine in Russland Geschäfte machten, das Risiko der Enteignung bewusst sein. Die Fakultät verfolgt und veröffentlicht das Verhalten internationaler Investoren seit dem völkerrechtswidrigen Angriff im Februar 2022. Mehr als 1000 ausländische Firmen verabschiedeten sich demnach 2022 aus Russland, rund 600 sind weiterhin vor Ort.
Sonnenfeld rechnet nun mit weiteren Leidtragenden einer „Strafe“ durch den Kreml – dafür, dass sie seit einiger Zeit ihren Rückzug vorbereiteten. Unilever, Benetton oder Pepsi könnten beispielsweise ins Fadenkreuz geraten. Nach einer Meldung der Moscow Times unter Berufung auf die nichtstaatliche russische Nachrichtenagentur Interfax und den Entwurf eines Präsidialdekrets hat der Kreml überlegt, sich „superprioritäre“ Vorgriffsrechte zu sichern auf die Vermögen von „strategischen“ Unternehmen, die das Land verlassen wollen. Die Liste strategischer Konzerne umfasse 200 Firmen, wurde berichtet, darunter der Lebensmittelriese Danone und der finnische Energiekonzern Fortum.
Nach Berechnungen der Kiew School of Economics (KSE) in der Ukraine, über die Capital berichtet, zahlten allein EU-Firmen in Russland 2022 mindestens 530 Millionen Euro Steuern auf Gewinne. Von den deutschen Unternehmen, die vor dem Krieg in Russland tätig waren, sind immer noch 69 Prozent geblieben – und steuerten mit 400 Millionen Dollar – nach den US-Firmen – den zweithöchsten Betrag an Moskau bei.
Kremlchef droht: Jeder, der Russland Schaden zufügt, haftet mit eigenem Vermögen
Russland hatte im Zuge seines Überfalls auf die Ukraine mehrere Gesetze erlassen, um Kriegsgegner zu bestrafen, etwa wegen Diskreditierung der Armee – abseits von monetären Interessen, sondern allein wegen Wahrung der Staatsräson nach innen. Nun droht zusätzlich die Beschlagnahmung von Vermögen. Auch wer etwa internationale Organisationen, in denen Russland kein Mitglied ist, oder ausländische Behörden unterstützt, muss demnach künftig mit Enteignung rechnen. „Jeder, der versucht, Russland zu zerstören, also Verrat begeht, soll seine verdiente Strafe erhalten und den dem Land zugefügten Schaden ersetzen, mit seinem eigenen Vermögen“, sagte Kremlchef Wolodin. Damit droht etwa auch geflüchteten Regierungsgegnern der Entzug ihres in Russland zurückgelassenen Eigentums. Wolodin nannte ausdrücklich zudem Künstler, die sich von Russland abgewandt haben wegen des Krieges und etwa die Ukraine unterstützen.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar 2022 haben Hunderttausende Menschen ihre Heimat verlassen. Viele Prominente kritisieren aus dem Ausland Putin und seinen Krieg. Weil sie nicht mit Lagerhaft bestraft werden können, wird in Russland seit langem darüber diskutiert, wie die Justiz diese Bürger trotzdem belangen kann. Beobachter Russlands sehen darin lediglich die nächste Eskalationsstufe der russischen Innenpolitik, wie Sabine Fischer für den deutschen Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik analysiert.
Fischer argumentiert klar: Russland war bereits vor dem Überfall der Ukraine im Februar 2022 eine harte Autokratie, in der Menschen- und Freiheitsrechte empfindlich eingeschränkt wurden. Mit der Entscheidung zum erneuten Angriff auf die Ukraine hat Wladimir Putin sein Land endgültig in die Diktatur geführt. Der russische Staat unterdrückt Antikriegs-Proteste und hat drakonische Strafen für Kritik am Krieg eingeführt. Repressionen und Kriegszensur haben auch die letzten unabhängigen Medien im Land zum Schweigen gebracht. Der Informationsraum ist nun vollkommen von der Staatspropaganda kontrolliert. Fischer: „Eine von der Sichtweise der russischen Führung abweichende Berichterstattung wird nur noch auf Umwegen zugänglich. Unterdrückung, internationale Isolation und wirtschaftliche Sanktionen haben seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine Hunderttausende Russinnen und Russen dazu veranlasst, ihrem Land den Rücken zu kehren.“
Duma: Kein Widerstand gegen die verschärften Gesetze zu erwarten
Das Gesetz zur Enteignung muss drei Lesungen in der Duma überstehen und dann den Föderationsrat (Oberhaus) passieren, bis es Kremlchef Putin per Unterschrift in Kraft setzt. Initiativen Wolodins werden in der Regel durch alle Instanzen durchgewunken. Konkurrierende Meinungen bleiben stumm. Den ersten scharfen Gegenwind bekamen Kreml-Kritiker bereits nach Ende des ersten Kriegsjahres zu spüren, wie beispielsweise die tagesschau berichtete: Fast einstimmig votierten die Abgeordneten der Duma für Gesetzes-Verschärfungen, die die Strafen für Kritik am Krieg in der Ukraine ausweiteten. Konnte bislang die Diskreditierung der russischen Armee und beteiligter Behörden geringe Gefängnisstrafen nach sich ziehen, wurde dies dann auch auf Freiwilligenverbände ausgeweitet, ebenso auf private Helfer oder Organisationen, die die russischen Streitkräfte unterstützen. Statt einer Höchststrafe von bislang fünf waren danach sieben Jahre möglich.
Russland wird von westlichen Beobachtern ungeachtet der Sanktionen eingeschätzt als wirtschaftlich stark genug, um seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine noch mehrere Jahre fortzusetzen – vorausgesetzt, Russland kann weiterhin als Anbieter von Energie auftrumpfen, und die Preise dafür bleiben stabil. Die starke Fokussierung auf den Krieg, fehlende Investitionen, aber auch die längerfristigen Auswirkungen der Sanktionen lassen die langfristigen Zukunftsaussichten für die russische Wirtschaft allerdings eher düster erscheinen, urteilt der Politikwissenschaftler Janis Kluge. Eine nachhaltige Entwicklung würde Russlands aktuelles Wirtschaftsmodell deshalb klar torpedieren.
Gewaltiger Exodus: Mehrere Hunderttausend Fachkräfte haben Russland bereits verlassen
Der Umbau der russischen Ökonomie zu einer Kriegswirtschaft, die vor allem durch Staatsausgaben in Schwung gehalten wird, dürfte Russland seiner Meinung nach in den kommenden Jahren fortsetzen – dazu allerdings müsste der Krieg zwingend weiterlaufen, da der Rüstungsboom sonst abrupt kollabieren würde. Das macht die russische Wirtschaft immer stärker davon abhängig, den Krieg weiterzuführen. Nachteil: Arbeitslosigkeit würde damit weitestgehend eingedämmt, allerdings wird die russische Bevölkerung immer weniger Gegenwerte für ihr Einkommen produzieren oder importieren können.
Ende 2021 plante das russische Finanzministerium mit einem Verteidigungshaushalt von rund 3,5 Billionen Rubel, was 2,3 Prozent des russischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) entsprochen hätte, rechnet Kluge vor – zehn russische Rubel entsprechen elf amerikanischen Cent. Die tatsächlichen Ausgaben betrugen mit mehr als sechs Billionen Rubel etwa vier Prozent des russischen BIP. 2024 beträgt der geplante Verteidigungshaushalt geschätzt 10,8 Billionen Rubel, was sechs Prozent des zu erwartenden BIP entspricht. Im Verhältnis zum US-Dollar entsprechen diese Ausgaben einem Verteidigungsbudget von mehr als 300 Milliarden US-Dollar. Deutschland plant im Vergleich dazu für 2024 mit einem Verteidigungshaushalt von 71,2 Milliarden US-Dollar.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Der hohe Preis des Kriegs wird also erst nach Ende des Krieges und damit höchstwahrscheinlich auch nach dem Ende der Ära Putin in vollem Umfang sichtbar werden. Aktuell profitierten auch zivile Industrien von staatlichen Investitionen. Deshalb werde der Lebensstandard der Bevölkerung noch absehbar stabil bleiben, prophezeit Alexandra Prokopenko, Ökonomin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gegenüber dem stern. „Man muss auch sehen, dass vielen Russen die gesteigerte allgemeine Nachfragedurch den Krieg noch zugutekommt“, sagt die Ökonomin. „Und das sind nicht nur Bereiche, die direkt mit der Waffenindustrie zu tun haben. Auch Lebensmittelproduzenten oder Kleiderhersteller fahren mit dem Krieg Profite ein.“
Langfristig würde sich das jedoch umkehren, behauptet Helmut Klüther; der Russlandexperte an der Uni Greifswald führte laut dem stern in einer Studie zu den wirtschaftlichen Folgen des Krieges für Russland an, dass bisher 200.000 bis 250.000 russische Unternehmen infolge der westlichen Sanktionen schließen mussten. Mehr als 700.000 Fachkräfte haben das Land aufgrund des Krieges verlassen. Auch die eingezogenen Soldaten fehlen der russischen Wirtschaft als Arbeitskräfte. Nach dem Krieg beginnt die zivile Wirtschaft wieder bei null. (Karsten Hinzmann)