Putin äußert wirre These: Krieg wäre ohne die Ukraine schon längst beendet
VonStephanie Munk
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Putin verbreitet seine Weltsicht auf den Ukraine-Krieg: Russland habe sich als Zeichen des guten Willens aus Kiew zurückgezogen, erklärt er. Teil seiner Strategie?
Moskau – Am 24. Februar 2022 überfiel Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew: Bodentruppen rückten auf die Hauptstadt vor, Bomben und Raketen schlugen ein. Einsatzkommandos sprangen per Fallschirm über Kiew ab, rund um das Regierungsviertel wurde brutal gekämpft. Wladimir Putin hatte offenbar zum Ziel, den ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj schnell zu töten oder gefangenzunehmen, um dann eine Marionettenregierung zu installieren und in der Ukraine die Macht zu übernehmen.
Der Plan misslang: Der ukrainische Widerstand durch Armee und Bürgerwehren organisiert sich rasch und erstaunte die ganze Welt. Selenskyj lehnte ein Angebot der USA ab, ihn schnell außer Landes zu bringen. Die russische Luftlandeoperation scheiterte, Anfang April zogen sich die russischen Truppen aus Kiew zurück.
So schildern internationale Beobachter den Verlauf der ersten Tage des Ukraine-Kriegs. Doch Putin hat eine eigene Sicht auf die Dinge. Bei einem Treffen mit russischen kommunalen Vertretern behauptete er jetzt, Russland habe sich freiwillig aus Kiew zurückgezogen, da die Ukraine dies als Bedingung für einen Waffenstillstand gemacht habe. Über das Treffen berichtet die russische staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti sowie das ukrainische Nachrichtenportal Ukrainska Pravda.
Putin berichtet über angeblich erfolgreiche Verhandlungen mit der Ukraine
Putin behauptete gegenüber den Kommunalvertretern, bei den Friedensverhandlungen in Istanbul im März 2022 wären sich die Ukraine und Russland eigentlich einig gewesen, „der Verhandlungsführer der Ukraine hat sogar unterschrieben.“
Bedingung der Ukraine sei aber gewesen, dass Russland signalisiere, dass es wirklich die Absicht habe „die Probleme friedlich zu lösen“, so Putin: „Dass wir Truppen aus Kiew abziehen müssen, was wir auch getan haben“. Dennoch habe die Ukraine „einen Tag später die Vereinbarungen in den Müll“ geworfen.
Ukraine-Verhandlungen mit Russland brachten keinen Erfolg – Krieg dauert an
Die Verhandlungen zwischen Delegationen aus Russland und der Ukraine fanden Ende März 2022 in Istanbul statt, kamen aber zu keinen Ergebnissen, der ein Ende des Kriegs bedeutet hätten. Russland gab damals bekannt, man habe bei den Gesprächen zugesagt, die Gefechte an der nördlichen Front bei Kiew und Tschernihiw zurückzufahren. Vize-Verteidigungsminister Alexander Fomin sagte damals, so wolle man Vertrauen aufbauen und weitere Verhandlungen ermöglichen.
US-Außenminister Anthony Blinken erklärte damals: „Es gibt das, was Russland sagt. Und was gibt das, was Russland tut. Wir konzentrieren uns auf das Letztere.“ Russland dürfe nicht mit der Unterwerfung des östlichen und südlichen Teils der Ukraine Erfolg haben.
Putin kritisiert Selenskyjs Dekret zu Verhandlungen mit Russland im Ukraine-Krieg
Bei den damaligen Verhandlungen in Istanbul hatte die Ukraine gefordert, dass Putin direkt mit Selenskyj sprechen solle – was der russische Präsident ablehnte. Bei seinem jetzigen Treffen mit Kommunalvertretern machte Putin wiederum Selenskyj den Vorwurf, er sei nicht zu Verhandlungen bereit.
Putin kritisierte konkret ein Dekret des ukrainischen Regierungschefs, das Verhandlungen mit Putin untersagt. Das Dekret war eine Reaktion Selenskyjs auf die russische Annexion ukrainischer Gebiete im Oktober 2022. Die Ukraine fordert, dass Russland seine Soldaten aus den besetzten Gebieten der komplett Ukraine abzieht. Selenskyj ist zudem der Ansicht, dass Putin jede Waffenruhe in der Ukraine nutzen würde, um eine weitere Großoffensive zu planen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Putin mit Doppelstrategie? Angebliche Verhandlungsbereitschaft als Taktik im Ukraine-Krieg
Einige Beobachter gehen in letzter Zeit davon aus, dass es derzeit eine Doppelstrategie Putins sei, nach außen hin Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren, während seine Truppen die Ukraine weiter vehement attackieren. Putin sei daran interessiert, den Ukraine-Krieg samt seinen aktuellen Positionen und Okkupationen einzufrieren, analysierte kürzlich die US-Zeitschrift The New Yorker. Indem er den Eindruck erwecke, Russland sei zu einem Frieden – allerdings unter seinen Bedingungen – bereit, wolle er die Unterstützung der westlichen Gesellschaften für die Ukraine untergraben.
Mit den nicht ablassenden Raketenangriffen auf die Ukraine wolle der russische Präsident gleichzeitig signalisieren, dass der Widerstand gegen Russland zwecklos ist und weitere Kriegshilfen für die Ukraine aussichtslos sind.