Rede zum russischen Volk

Putin und die Konfrontation mit dem Westen – Russlands wilde Sage zum Ukraine-Krieg

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Der Westen hat den Krieg begonnen, Russlands Zukunft ist golden: Wladimir Putin zeichnet sein Bild der Realität über die Ukraine – und reißt eine Brücke zu Washington ein.

Moskau/München – Alle stehen sie auf, alle. Die Politiker und Militärs, die Kirchen-Oberen und Gäste. Sie beklatschen den Mann, der ihnen gerade die Welt erklärt und – gut verdaubar – umsortiert hat: Hier russisches Heldentum, dort westliche Aggression. Hier die strahlende Zukunft, dort fauliger Verfall. Hier die Freiheit, dort ein wild-entgrenztes Gender-Homo-Gagaland. Der letzte Satz ist der vielleicht schrägste an diesem Tag: „Die Wahrheit ist auf unserer Seite.“

Der Applaus muss nicht wundern. Kreml-Chef Wladimir Putin hält seine Rede zur Lage der Nation am Dienstag vor hunderten von Getreuen. Wer zwischendurch in ihre Gesichter schaut, sieht viele ernste Mienen, schattige Blicke, hin und wieder ein angedeutetes Nicken. Putins Rede ist so lang wie der Tisch, an dem er bis Kriegsbeginn vor einem Jahr Gäste noch aus dem Westen empfing, 90 propagandageladene Minuten.

Putin erneuert Kriegsschuld des Westens - und lässt US-Gegenpart Biden unerwähnt

Vieles von dem, was der Kreml-Chef sagt, kennt man. Putin gibt Europa und den USA die Schuld am Ukraine-Krieg. Der Westen sei „voll“ verantwortlich für die Eskalation, sagt er, die Ukrainer seien Geiseln des „Kiewer Nazi-Regimes“ und des Westens, dessen Eliten nur ein Ziel hätten: „Russland eine strategische Niederlage zuzufügen, das heißt, uns ein für alle Mal zu erledigen.“ Die Russen, sagt er später, sollten ausgemerzt werden. Die Logik: Es bleibt gar nichts anderes übrig, als zu kämpfen.

Wie immer rührt Putin diese Geschichte mit allerhand mythisch angehauchter Russland- und Heldenverehrung zusammen. Er dankt den Freiwilligen und Soldaten, spricht von einer „untrennbaren Verbindung zwischen eigenem Schicksal und dem Schicksal der Heimat“ und der „Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit“, für die Russlands Soldaten kämpften. Es gibt einen Schweigemoment für die Toten.

Erstaunlich: Der Kreml-Chef sagt kein Wort zu US-Präsident Joe Biden, der am Montag nach Kiew gereist war und am Dienstagabend in Polen eine Gegenrede hält. Zwei Provokationen, aus seiner Sicht. Stattdessen richtet sich Putin vor allem an die Menschen in Russland. Seine Botschaft: Wir haben die Sache im Griff, wir sorgen für Euch, alles ist bestens.

Sanktionen wegen Ukraine: Putin verhöhnt investitionsfreudige Oligarchen

Er kündigt einen Sonderfonds für die Familien der Gefallenen an, verspricht mehr Mindestlohn, Steuervergünstigungen und einen „Wiederaufbau“ jener ukrainischen Gebiete, die Russland in angeblichen Scheinreferenden annektiert hatte. Besonders lange spricht er über die Wirtschaft, die der „Sanktions-Aggression“ des Westens standgehalten habe. Die Schwierigkeiten seien überwunden, sagt er, jetzt beginne eine Zeit der Möglichkeiten. Unter anderem schweben ihm mehr Handel mit Ostasien und die Rückführung russischen Kapitals aus dem Ausland vor. Er habe Unternehmer, die außerhalb Russlands investierten, stets gewarnt, sagt er und macht sich lustig über jene, „die ihr Kapital in ausländischen Banken verloren haben, denen Jachten, Villen und so weiter genommen wurden“. Im Publikum müssen sich davon einige angesprochen fühlen.

Aus westlicher Sicht 90 Minuten Propaganda: Wladimir Putin auf dem Weg zu seiner Rede.

Wladimir Putin: Russland, die USA und das „absurde Theater“ um Atomwaffen

Die heikelste Botschaft hebt sich Putin bis fast zum Schluss auf. Es geht um „New Start“, jenen Vertrag zwischen Russland und den USA, der die Atomwaffenarsenale beider Länder begrenzt. Man werde nicht aus der Vereinbarung austreten, sagt Putin, sie aber ruhen lassen. Hintergrund ist wohl auch die Tatsache, dass der Vertrag wechselseitige Kontrollen ermöglicht. Dass Washington kürzlich darauf bestand, Experten nach Moskau zu schicken, nennt Putin ein „Theater des Absurden“.

Unter all dem Geraune ist das wohl die Botschaft des Tages: Der letzte große Abrüstungsvertrag steht vor dem Aus. Der Kreml habe „die gesamte Rüstungskontrollarchitektur demontiert“, sagt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Nachmittag und fordert Putin auf, die Entscheidung zu überdenken. Die Chance ist gering. In seiner Rede schwärmt der Kreml-Chef noch von der russischen Nuklear-Abwehr, die zu über 90 Prozent aus modernen Systemen bestehe. Auch andere Teile der Armee sollten so modernisiert werden. Geht es nach Putin, kann dieser Krieg wohl noch sehr lange dauern.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Mikhail Metzel/Kremlin Pool

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