VonBedrettin Bölükbasischließen
Im Ukraine-Konflikt könnte laut Ex-US-Außenminister Kissinger ein „Friedensvertrag“ mit Putin geschlossen werden. Der frühere Diplomat sieht China als eine „viel größere Sorge“.
München — Im Ukraine-Konflikt verstärken die Truppen des russischen Machthabers Wladimir Putin ihre Angriffe auf die Ostukraine. In den letzten Wochen hat sich ihr Vormarsch dort erheblich beschleunigt. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet. Verhandlungen in naher Zukunft sind dabei nicht in Sicht.
Dennoch geht der frühere US-Außenminister Henry Kissinger von einem „Friedensvertrag“ mit dem Kreml-Chef aus. Darüber hinaus verteidigte das Urgestein der US-Politik seine Äußerungen beim Weltwirtschaftsforum in Davos zur russisch-ukrainischen Grenze vor falschen Interpretationen und warnte zugleich vor einer „viel größeren Sorge“.
Ukraine-News: „Friedensvertrag“ mit Putin? - Kissinger mit Einschätzung für Kriegsende
Mit Blick auf den Ukraine-Krieg denkt Kissinger schon an die Bewältigung der Lage nach dem Krieg. „Eines Tages wird der Krieg beendet sein. Und nach diesem Krieg wird die Beziehung zwischen der Ukraine und Russland neu definiert werden“, sagte er im Interview mit dem Magazin Stern. Dem Ex-US-Außenminister zufolge wird Russland auch nach dem Krieg in der Ukraine ein „wichtiger Faktor in den internationalen Beziehungen“ bleiben. Daher werde auch Europa Beziehungen zu Russland neu definieren müssen. In diesem Zusammenhang warnte Kissinger vor Chaos in Zentralasien und im Mittleren Osten, sollte Russland aufgrund des Krieges „auseinanderbrechen“.
Der Ex-Diplomat ist sich sicher über Putin: „Sollte er gestürzt werden, würde das die Verhandlungen sicherlich erleichtern.“ Kissinger zeigte sich jedoch gleichermaßen sicher darüber, dass eine Fortsetzung des Krieges, nur um Putin zu stürzen, keine öffentliche Unterstützung genießen würde - „egal, wie unbeliebt Putin gerade ist“. Daher sei es wahrscheinlich, „dass ein Friedensvertrag mit Putin gemacht werden muss“.
Ex-US-Außenminister Kissinger: „China viel größere Sorge“ - früherer Diplomat sieht zwei Aufgaben
Kissinger zufolge sollte man sich heute mehr um China als um Russland sorgen. „China ist meine viel größere Sorge“, sagte er im Stern-Magazin und begründete: „China und die Vereinigten Staaten sind Supermächte, die in der Lage sind, die Menschheit zu zerstören, und sie steigern diese Kapazitäten immer weiter, jedes Jahr.“ Der Ex-US-Außenminister sieht die USA und China in der Verantwortung, „solch einen Krieg zu verhindern und ihre Rivalität einzudämmen“. Dabei führte er auch an, dass es zwar bereits die Rhetorik eines Kalten Krieges, aber auch Gespräche gebe, die man als konstruktiv bezeichne.
Die USA hat laut Kissinger in erster Linie zwei Aufgaben:
- „Erstens, strategisch stark zu sein und nicht unter die Dominanz eines anderen Staates zu fallen.“
- „Und zweitens, die Beziehungen so zu gestalten, dass wir nicht in eine Krise geraten wie die Europäer vor dem Ersten Weltkrieg, als sie in den Krieg schlafwandelten und nicht mehr wussten, wie sie da wieder herauskommen.“
Der frühere US-Diplomat räumte ein, dass man es mit einem „einzigartig mächtigen Gegner“ zu tun habe. Doch er brachte seine Besorgnis über die Zukunft der Welt inmitten dieser Rivalität zum Ausdruck. „Wir müssen stark genug sein und an uns glauben, aber auch weise genug, die Zukunft zu beschützen“, so Kissinger. Die Qualität „Weisheit“ sei in der Welt „leider sehr unterentwickelt“.
Die Geschichte der Volksrepublik China von 1949 bis heute




Ukraine-News: Kissinger klärt Davos-Missverständnis auf - Ex-Minister will Rückkehr zur Lage vor 2014
Im Interview mit Stern musste Kissinger zudem seine Aussagen bei einer Rede in Davos im Mai verteidigen. Dort knüpfte er ein Ende des Krieges und den Frieden an Gebietsabtretungen zugunsten Russlands. Nun erläuterte er, was er damit tatsächlich gemeint hat. „Das Missverständnis entzündete sich an meiner Feststellung, dass die Grenze sich an dem Status quo ante orientieren solle“, so Kissinger. Bei einigen habe dies zu der Interpretation geführt, „dass die Ukraine die vergleichsweise geringen Gebietsverluste seit 2014 hinnehmen sollte“.
Allerdings habe er sowas nicht gesagt und sich „auf die Grenze des Status quo ante“ bezogen. Auf Nachfrage betonte er, dass dies die Grenze vor der Annexion der Krim im Jahre 2014 bedeutet: „Die Ukraine in den heute international anerkannten Staatsgrenzen.“ Zudem habe er auch nicht gesagt, dass die Ukraine auf die Halbinsel Krim verzichten solle. Kissingers Worte in Davos sorgten auch für Kritik vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. (bb)
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