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Fehleinschätzungen zu Russlands Verteidigungslinien könnten den Erfolg der ukrainischen Gegenoffensive gefährden. Ein US-Vertreter macht Andeutungen.
Washington - Die Szenen im Ukraine-Krieg sind für Außenstehende kaum fassbar. Jene Momente, in denen Soldaten ihre finalen Anweisungen vor dem Gefecht bekommen. Wenn sie noch einmal das Prozedere durchgehen, das sie sorgfältig einstudiert haben. Bevor es weitergeht: das Schießen, das Töten, das Sterben.
Ukraine-Krieg: USA deuten Fehleinschätzung zu Offensive an
Während die ukrainischen Streitkräfte die russischen Truppen angreifen, ziehen Herbst und Winter heran. Und damit schlechtes Wetter, das für militärische Operationen meist ungünstig ist. Könnte dies Russland zugutekommen?
Die amerikanische „Defense Intelligence Agency“ (dia), eine offizielle Behörde der USA, die die Ukraine wesentlich unterstützt, hat jetzt Fehleinschätzungen bei der Bewertung der russischen Verteidigungslinien zugegeben. Zum ersten Mal äußerte sich ein führender Analyst aus Washington öffentlich skeptisch hinsichtlich eines möglichen Erfolgs der ukrainischen Gegenoffensive gegen die Kreml-Truppen.
Im Detail: Trent Maul, Analyseleiter der dia, reagierte zurückhaltend auf den ukrainischen Durchbruch durch den ersten von insgesamt drei russischen Verteidigungsgürteln im Süden des gebeutelten Landes. „Hätten wir dieses Gespräch vor zwei Wochen geführt, wäre ich etwas pessimistischer gewesen“, sagte Maul im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin The Economist: „Ihr Durchbruch auf diesen zweiten Verteidigungsgürtel ist tatsächlich ziemlich beachtlich.“
Ukraine-Krieg: Beamte aus Kiew und den USA unterschätzten wohl russische Verteidigung
Doch: Amerikanische und ukrainische Beamte hätten die Tiefe der russischen Verteidigungsanlagen nicht richtig eingeschätzt und sie hätten ebenso wenig erkannt, wie herausfordernd es sein würde, diese Linien mit gepanzerten Fahrzeugen zu „durchbrechen“, räumte der hochrangige US-Vertreter offen ein. Diese Einschätzung ist umso bemerkenswerter, da die Behörde Mauls die russische Armee quasi seit Jahrzehnten genau beobachtet.
So verfasste die dia noch während des Kalten Krieges einen jährlich erscheinenden Bericht mit dem Titel „Sowjetische Militärmacht“, der laut The Economist von Regierungsmitgliedern eifrig gelesen wurde. Aber die Skepsis geht noch weiter: Während ukrainische Generäle der britischen Zeitung Guardian sagten, dass 80 Prozent der russischen Anstrengungen in den Aufbau der ersten und zweiten Linie flossen, glaubt Maul, dass der Großteil der russischen Fronttruppen erst am dritten Verteidigungsgürtel stationiert ist.
Ukraine-Krieg: Offensive zielt im Süden der Front auf Tokmak
Beispielsweise rund um die strategisch wichtige und stark befestigte Kleinstadt Tokmak, die das erste Ziel der Gegenoffensive im Süden ist. Was bisher jedoch nicht erreicht wurde. Auch deshalb, weil ukrainische Kommandeure ihre erfahrensten Einheiten im Osten bei Bachmut stationiert hätten, wie die 3. Angriffsbrigade. Statt an der zunächst entscheidenderen Süd-Front, was amerikanische Beamte gegenüber Kiew kritisieren würden, heißt es in dem Bericht.
„Es ist fraglich, ob die Ukrainer die Taktik angewendet haben, von der man gehofft hatte, dass sie damit in kürzerer Zeit aggressivere Gewinne erzielt hätten“, wird Maul von The Economist zitiert. Entscheidend sei für die kommenden Wochen seiner Einschätzung nach, wie groß der Artillerievorrat der Ukrainer sei und wann das Wetter schlechter werde. Laut des Nachrichtenmagazins gehe ein anderer, namentlich nicht genannter, amerikanischer Regierungsbeamter davon aus, dass in sechs bis sieben Wochen der Höhepunkt der Offensive erreicht sei. Dann werde Bilanz gezogen. Brisant: Einige Stimmen aus Washington gingen davon aus, dass die ukrainische Armee nicht mehr weit kommen werde, heißt es in dem Bericht.
Ukraine-Krieg: Gegenoffensive erreicht laut Militärexperte bald ihren Höhepunkt
Auch der Militäranalyst Franz-Stefan Gady rechnet damit, dass die ukrainische Gegenoffensive bald ihren Höhepunkt erreicht. „Letztendlich geht es in dieser Abnützungskampagne darum, welche Seite über mehr Reserven verfügt“, schrieb Gady, der für das Institute for International Strategic Studies (IISS) in London tätig ist, am Montag (4. September) auf der Plattform X, ehemals Twitter. Bisher liege der Fokus zu sehr auf ukrainischen Durchbrüchen durch russische Verteidigungslinien und zu wenig darauf, ob die Ukraine genügend Kräfte haben werde, um tief in besetzte Gebiete vorzudringen, erklärte er dem Deutschlandfunk.
Bei X schrieb Gady weiter: „In einem Abnützungskampf, wie er jetzt stattfindet, ist langfristig das genaue Verhältnis der Verluste beider Seiten wichtiger als Geländegewinne.“ Und eben diese Verluste seien „signifikant“. Auf beiden Seiten.
Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von unserem Mitarbeiter Patrick Mayer sorgfältig überprüft.
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