VonChristoph Gschoßmannschließen
Die Versorgung Russlands wird durch ukrainische Drohnen ständig erheblich beeinträchtigt. 2024 führte Kiew hunderte solcher Angriffe durch.
Moskau / Kiew - Das vergangene Jahr 2024 markierte im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine für Kiew einen Durchbruch: Die Ukraine griff in großer Zahl Ziele in Russland an. Das ukrainische Medium Kyiv Independent schreibt in einer Analyse von hunderten Angriffen auf Moskaus Hoheitsgebiet: auf Ölraffinerien, Waffenlager, Waffenproduktionsanlagen sowie Militärflughäfen. Doch was haben diese Angriffe gebracht?
Ukraine nutzt die „Drohnenschwarm“-Taktik für Angriffe auf Russland
Die Ukraine bestätige Drohnenangriffe nicht öffentlich, doch die ungefähre Zahl der gestarteten Drohnenangriffe könne anhand russischer Berichte, lokaler unabhängiger Medien oder sozialer Medien geschätzt werden. Die Ziele dieser Angriffe sind klar: Russlands Logistik soll behindert und so der Vormarsch verlangsamt werden. Auf dem Schlachtfeld rückten die Truppen des Kremls zuletzt immer mehr vor. Doch Wladimir Putin muss auch vermehrt fürchten, dass die Versorgung wegen der ukrainischen Angriffe ins Stocken gerät.
Laut dem ukrainischen Militärgeheimdienst können ukrainische Drohnen mittlerweile bis zu 2000 Kilometer weit operieren, wie Sprecher Andrii Yusov am Jahresende erklärte. Verteidigungsminister Rustem Umerov sagte zudem, die ukrainischen Streitkräfte hätten über 200 Militäreinrichtungen in Russland mithilfe der „Drohnenschwarm“-Technologie zerstört oder beschädigt. Sowohl die Ukraine als auch Russland nutzen diese Technologie, bei der Dutzende, manchmal Hunderte Drohnen gleichzeitig gestartet werden, um die Luftabwehr zu überwältigen, normalerweise in Wellen.
Massive ukrainische Drohnenangriffe im September
Diese Taktik funktioniert: Russlands veraltete Luftabwehrsysteme, die hauptsächlich zum Schutz vor großen Zielen wie Raketen oder Flugzeugen entwickelt wurden, identifizieren Drohnen nicht immer. Die Ukraine kann mindestens 4 Millionen Drohnen pro Jahr produzieren und mehr als 1,5 Millionen wurden bereits unter Vertrag genommen, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj auf dem zweiten Internationalen Forum der Verteidigungsindustrie im Oktober.
Im September zeigte sich die russische Luftverteidigung besonders verwundbar. So fand am 1. September der bisher größte Drohnenangriff auf Russland an. Laut russischen Behörden wurden 158 Drohnen über 16 Oblasten abgeschossen, eine Raffiniere in Moskau stand danach in Flammen und lief anschließend nur noch mit halber Kapazität. Am 10. September wurden erneut 114 Drohnen abgeschossen. Infolge der Angriffe mussten auch viele Raffinerien ihre Produktion einstellen. Die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien führten laut NATO-Berechnungen vom Juli zu einem Produktionsrückgang von rund 17 Prozent. Laut der Nachrichtenagentur Reuters waren bis November mindestens drei russische Ölraffinerien – Tuapse, Iljitsch und Nowoschachtinsk – aufgrund erheblicher Verluste gezwungen, ihre Produktion einzustellen oder zu drosseln und standen vor der Gefahr einer Schließung.
Putin droht nach Drohnenangriffen der Ukraine mit Rache
Um den Drohnenschwärmen besser entgegenzutreten, habe Russland zuletzt die Zahl seiner mobilen Feuergruppen erhöht, schreibt Kyiv Independent. Doch eine effektive radartechnische Aufrüstung der Luftverteidigung gegen die Drohnen würe laut Mattias Eken, Verteidigungs- und Sicherheitsexperte bei RAND Europe, „Jahre“ dauern, wie er dem Medium sagte.
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Auch Kremlchef Putin äußerte sich über die vermehrten Angriffe der Ukraine. Er kündigte ein Vielfaches an „Zerstörung“ durch seine Truppen an. „Wer auch immer und in welchem Ausmaß auch immer versucht, zu zerstören, wird selbst das Vielfache an Zerstörung erleben und bereuen, was er in unserem Land versucht hat“, sagte Putin.
Russland muss seine Flugzeuge weiter von der Grenze zurückziehen
Die Behörden der russischen Region Tatarstan hatten einen „massiven Drohnenangriff“ am 21. Dezember 2024 auf die rund tausend Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegende Stadt Kasan gemeldet. Das russische Verteidigungsministerium warf Kiew vor, „zivile Infrastruktur“ in Kasan ins Visier genommen zu haben. Laut der Stadtverwaltung von Kasan lösten die Angriffe in mehreren Stadtteilen Brände aus. Opfer wurden nicht gemeldet.
Auch der Militärflughafen Olenya (1.800 Kilometer von der Grenze entfernt) wurde bereits von Drohnen getroffen und dabei ein Tu-22M3-Bomber beschädigt. Langstreckenangriffe zwangen Russland, seine Flugzeuge zu verlegen, was die strategische Planung seiner zukünftigen Angriffe auf die Ukraine beeinträchtigte. Bisher hat Russland 90 Prozent seiner Flugzeuge, die für Angriffe auf die Ukraine eingesetzt werden, über 300 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt verlegt.
Ukrainische Drohnenangriffe haben „erhebliche Auswirkungen“ auf russische Waffenproduktion
Zu den Zielen der Ukraine gehören auch russische Waffenlager. Im September etwa setzten ukrainische Drohnen mindestens 30.000 Tonnen Munition in Brand, darunter angeblich auch ballistische Raketen. Doch selbst, wenn Waffenfabriken nur teilweise beschädigt werden, habe dies direkte Auswirkungen auf den Krieg, so ein Experte: „Wenn Sie zehn Angriffe mit Drohnen starten und die Anlage dann fünf, sechs oder acht Stunden lang keine neue Munition entladen oder lagern kann, hat das allein schon erhebliche Auswirkungen, da die Anlage einen Tag lang nicht funktioniert.“ Dies werde „Auswirkungen auf dem Schlachtfeld haben, da diese Munition die Front nicht erreichen wird“, so Michael Bohnert, ein lizenzierter Ingenieur der Forschungsorganisation RAND, gegenüber dem Kyiv Independent.
Das britische Verteidigungsministerium erklärte zudem in seinem Geheimdienstbericht, dass Angriffe auf Toropets und später auf das Depot in der Stadt Tikhoretsk eine Tonnage zerstört hätten, die als Russlands „größter Munitionsverlust“ während seines umfassenden Krieges gegen die Ukraine gilt. (cgsc mit afp)
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