„FR-üh dran“ zum Wahlkampf-Finale: Özdemir schont CDU-Rivalen Hagel – Koalitionsdeal bereits ausgehandelt?
VonJens Kiffmeier
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Schlussspurt zur BW-Wahl: Özdemir laviert zwischen Klimaschutz und Kompromiss. Warum er seinen Gegner Hagel im Sexismus-Skandal schonte – heute in der „FR-üh dran“-Kolumne.
Früh-Radar – das steht heute an: Der Schlussspurt hat begonnen. Noch genau eine Woche bis zur Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März – und die heiße Phase überrascht mit einem ungewöhnlichen Phänomen: Während anderswo Wahlkämpfe oftmals wenige Tage vor dem Urnengang an Härte gewinnen und mitunter zu Schlammschlachten mutieren, herrscht zwischen den Spitzenkandidaten in BaWü fast schon höfliche Zurückhaltung. Besonders bemerkenswert: Als beim TV-Triell ein brisanter Sexismus-Skandal um CDU-Kandidat Manuel Hagel thematisiert wurde, nutzte Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir die perfekte Steilvorlage nicht. Stattdessen verteidigte er seinen Konkurrenten sogar.
Stehen die Zeichen bei der BW-Wahl 2026 wieder auf Grün-Schwarz? Die Spitzenkandidaten Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) vermeiden aktuell eine Schlammschlacht.
„Ich bin mir sicher, Herr Hagel würde das heute nicht mehr so formulieren“, sagte Özdemir laut dem Spiegel. Ein Moment, der aufhorchen lässt: Deutet sich hier bereits ein Schulterschluss zwischen den beiden wahrscheinlichen Koalitionspartnern an? Özdemir jedenfalls navigiert zuletzt geschickt zwischen verschiedenen Erwartungen – sei es bei heiklen Sexismus-Vorwürfen oder beim Verbrenner-Aus im krisengeschüttelten Autoland. Wir erklären, warum dieser doppelte Spagat mehr über moderne Wahlkampfführung und künftige Machtverteilung verrät als mancher Frontalangriff.
Die Ausgangslage zur Landtagswahl in Baden-Württemberg: Hagel und Özdemir müssen Krise meistern
Wir fassen zusammen, wie es dazu kam: Baden-Württemberg steht vor einem Wendepunkt. Nach zehn Jahren grün-schwarzer Koalition unter Ministerpräsident Kretschmann kämpft das „Autoländle“ mit der Krise der Automobilindustrie. Die Arbeitslosenzahl stieg auf den höchsten Stand seit 19 Jahren, wie AFP berichtet. Dann tauchte ein Video von Hagel aus 2018 auf, das von einer jungen Grünen-Politikerin veröffentlicht wurde und das für Empörung sorgte.
In einem Interview mit Regio TV Schwaben erzählte der damals 29-jährige Hagel von einem Schulbesuch. „Ich war vor wenigen Wochen in einer Realschule bei uns im Wahlkreis. Eine Klasse, 80 Prozent Mädchen. Da gibt es für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen“, sagte Hagel. Dann wurde er konkreter: „Ich werde es nie vergessen, die erste Frage. Sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen“ . Beide Männer lachten über die Sexualisierung der Schülerin. Ein Geschenk für jede Wahlkämpfer:in – doch Özdemir entschied sich für einen anderen Weg.
Die Crux: Frohnmaier spricht Video im TV-Triell an – Özdemir nimmt Hagel in Schutz
Hier erfahren Sie, worum es geht, worauf es ankommt und woran es hängt: Das Video zeigt klassischen Sexismus: Ein erwachsener Politiker beschreibt minderjährige Schülerinnen als attraktiv und macht daraus einen Scherz. Wie die taz zu Recht kommentierte, offenbart das ein problematisches Frauenbild. Als AfD-Politiker Markus Frohnmaier beim TV-Triell diese Äußerungen ansprach, stand Özdemir vor einem Dilemma: Soll er als Feminist zuschlagen oder als Staatsmann agieren?
Seine Antwort war ein Balanceakt: „Im Übrigen sind wir uns einig, dass man Frauen so beurteilt, wie man Männer beurteilt, nach ihrer Leistung“, so Özdemir laut Spiegel. Er stellte klar: Sexismus geht gar nicht. Aber er nutzte es nicht für billige Wahlkampfpunkte. Ähnlich laviert er beim Klimaschutz: Im taz-Interview betont er, „keinen einzigen Unternehmer“ zu treffen, „der zurück ins fossile Zeitalter will“. Gleichzeitig wirbt er für „Flexibilität“ beim Verbrenner-Aus. Ein riskanter Schachzug – denn sowohl Grünen-Wähler:innen als auch Feminist:innen erwarteten wohl härtere Kante.
Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir strebt Kretschmann-Nachfolge an
Mit diesen Argumenten punkten Sie bei der politischen Debatte in der Kaffeeküche:
„Özdemir verrät grüne Grundsätze, erst beim Klima, dann bei Frauenrechten“ – diese Kritik ist nachvollziehbar, aber zu oberflächlich. Özdemir hat sowohl Sexismus als auch Klimawandel klar benannt. Gleichzeitig zeigt er, dass man auch als Grüner pragmatisch regieren kann. Das ist reifer als ideologische Reinheit ohne Gestaltungsmacht.
„Hagels Aussagen waren doch nur ein Scherz von früher“ – Nein, waren sie nicht. Ein 29-jähriger Politiker, der minderjährige Schülerinnen nach ihrem Aussehen beschreibt und darüber lacht, zeigt ein problematisches Frauenbild. Das ist kein harmloses „Männergespräch“, sondern Sexismus. Özdemir hat das richtig eingeordnet, ohne daraus politisches Kapital zu schlagen.
„Die Grünen sind zu weich für echte Veränderung“ – das Gegenteil ist der Fall. Özdemir zeigte, wie man sowohl Klimaschutz als auch Gleichberechtigung vorantreibt, ohne die Gesellschaft zu spalten. Er argumentiert klar: „Baden-Württemberg wird nur mit Klimaschutz wirtschaftlich stark sein.“ Das ist nachhaltiger als jeder Kulturkampf und zeigt: Grüne Politik kann auch ohne erhobenen Zeigefinger funktionieren.
FR-üh dran – die Lage am Morgen
„FR-üh dran - die Lage am Morgen“ informiert Sie jeden Morgen über den wichtigsten Termin des Tages. Wir fassen zusammen, was ansteht, wie es dazu kam und was daraus folgt. Außerdem rüsten wir Sie als FR-Leser:in mit Argumenten für die politische Debatte in der Kaffeeküche, am Mittagstisch und auf dem Schulhof.
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Blick nach Vorne: Was sagen die Umfragen zur BW-Wahl 2026?
Lesen Sie hier schon heute, was als Nächstes passieren wird: Die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März wird zeigen, ob Özdemirs Strategie des pragmatischen Grünseins aufgeht. Nach aktuellen Umfragen zur Landtagswahl 2026 ist eine Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition wahrscheinlich – allerdings mit vertauschten Rollen. Sollte die CDU stärkste Kraft werden, würde Hagel Ministerpräsident, mit Özdemir als Vize. Die respektvolle Wahlkampfführung könnte dabei helfen, schnell zu einer stabilen Regierung zu finden. Für die Grünen wird entscheidend sein, ob die Basis Özdemirs Kurs des „Klimaschutz mit Augenmaß“ und seine zurückhaltende Reaktion auf Hagels Sexismus-Skandal mitträgt. Spätestens 16 Tage nach der Wahl konstituiert sich der neue Landtag.
Echt jetzt?!
39 Prozent würden Özdemir direkt zum Ministerpräsidenten wählen, aber nur 19 Prozent Hagel – obwohl dessen CDU in den Umfragen vorn liegt. Diese Diskrepanz zeigt: Persönlichkeit schlägt Parteibuch. Özdemirs Umgang mit Hagels Sexismus-Video und seine pragmatische Klimapolitik könnten diese Werte noch verstärken. Während andere Politiker:innen jeden Skandal für billige Punkte nutzen oder ideologische Reinheit predigen, bewies er Größe und Realitätssinn.
Das Risiko: Teile der grünen Basis könnten das als Verrat empfinden. Der Gewinn: Er zeigt, dass man auch als Grüner staatsmännisch und kompromissfähig sein kann. In einer Zeit, in der Politik oft zur Empörungsshow verkommt, ist das fast schon revolutionär. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen ihn direkt wählen würden – sie sehnen sich nach Politikern, die pragmatisch gestalten statt ideologisch spalten. (Quellen: AFP, Spiegel, TAZ) (jenko)