Vielsagende Staats-Umfrage in Putins Land: 50 Prozent halten Russland nun für eine „Großmacht“
VonMaximilian Gang
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Der Ukraine-Krieg läuft für Russland alles andere als optimal. Doch in Putins Reich gedeihen offenbar trotzdem Großmacht-Gefühle.
Moskau – Russland soll als „Großmacht“ gelten, das ist Wladimir Putin wichtig: Bereits bei seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten 1999 bemühte sich der heutige Kreml-Chef, den Stellenwert Russlands in der Welt zu betonen. Auch der Ukraine-Krieg sei durch Putins „historische Mission“ begründet, die Russische Föderation wieder als großen Player in der Welt zu etablieren, sagte der Politikwissenschaftler Gerhard Mangott dem RND. Eine offizielle Umfrage unter Russinnen und Russen sieht Putin indirekt bereits am Ziel.
Ukraine-Krieg: Putin pocht auf eine „Großmacht Russland“ –
Eine Erhebung des staatlichen russischen Meinungsforschungsinstituts WZIOM zeigt angeblich: Eine wachsende Zahl an Menschen in Russland hält ihr Heimatland für eine „Großmacht“. Während sich 2003 – rund drei Jahre nach der ersten Machtübernahme Putins – nur 12 Prozent der Befragten in dieser Richtung äußerten, waren es bei einer am Montag (7. August) veröffentlichten Umfrage 50 Prozent.
Auffällig: Nach der Invasion Russlands in die Ukraine ist die Einordnung Russlands als „Großmacht“ in der russischen Bevölkerung den Staats-Demoskopen zufolge sprunghaft angestiegen, von 31 Prozent im Jahr 2021 auf 51 Prozent im Jahr 2022. In keinem anderen Jahr in den vergangenen beiden Dekaden ist der Wert so sehr in die Höhe geschnellt; so ist es beim WZIOM nachzulesen.
Viele weitere Befragte – 28 Prozent – gehen angeblich davon aus, dass sich die Russische Föderation in den nächsten 15 bis 20 Jahren zu einer Großmacht entwickeln wird. Die Anzahl derer, die eine solche Entwicklung bezweifeln, hat sich nach der Invasion in die Ukraine den Angaben zufolge halbiert und liegt 2023 bei 17 Prozent.
70 Prozent rechnen in Staatsinstitut-Umfrage mit rosiger Zukunft Russlands – trotz Ukraine-Krieg
Passend dazu blicken der Umfrage zufolge auch viele Russinnen und Russen positiver in die Zukunft. Über 70 Prozent der Befragten erwarten eine Verbesserung der Situation Russlands in den nächsten acht bis zehn Jahren. 31 Prozent rechnen sogar mit einer „signifikanten Verbesserung“ und einer Entwicklung Russlands hin zu einem „starken und florierenden Staat“. 2005 lag dieser Wert in der Umfragereihe des staatlichen Instituts bei 16 Prozent. Jeder Fünfte rechnet mit einer Verschlechterung der Situation, wovon nach Ansicht der Hälfte dieser Gruppe auch eine „tiefe Krise“ möglich ist.
In der WZIOM-Umfrage vom 27. Juni gaben 57 Prozent der Befragten an, dass sie hinter dem Handeln der russischen Führung unter Putin eine „langfristige Strategie zur Entwicklung der Gesellschaft“ erkennen können. 2021 – also vor der russischen Invasion in die Ukraine – äußerten sich noch 40 Prozent in dieser Weise. Besonders Frauen, ältere Menschen und Wohlhabende sind den Daten zufolge von einer langfristigen Strategie Putins überzeugt. Rund jeder fünfte Befragte konnte keine solche Strategie erkennen.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Umfrage: Russlands Ukraine-Krieg hat Vertrauen in Putin angeblich nicht geschwächt
Zudem vertrauen die Russinnen und Russen laut der „Sputnik“-Umfrage des WZIOM keinem russischen Spitzenpolitiker mehr als Putin. Bei einer weiteren Telefonumfrage gaben dem Institut zufolge am 30. Juli insgesamt 77 Prozent der Befragten an, dass sie dem Kreml-Chef „definitiv vertrauen“ oder „wahrscheinlich vertrauen“. Rund 18 Prozent der Befragten erklärten, dass sie Putin „definitiv misstrauen“ oder „wahrscheinlich misstrauen“.
Russlands Krieg in der Ukraine hat – laut der Umfrage der staatlichen Institution – keinen negativen Effekt auf das Vertrauen der Bevölkerung gehabt, ganz im Gegenteil: Nach der Invasion im Frühjahr 2022 ist der Wert von 67 Prozent am 20. Februar 2022 auf 80 Prozent am 20. März 2022 gestiegen. Bleibt also unter dem Stricht: Die Zahlen (nicht nur) der russischen Staatsdemoskopen für Putin haben sich von „gut“ auf „sehr gut“ gesteigert. Der Kremlchef hat zuletzt allerdings auch noch einmal den Griff um die Zivilgesellschaft verschärft.
Ukraine wohl gegenüber Russland im Vorteil – doch Bevölkerung ist mit Putin zufrieden
Diese offiziellen Umfragewerte kommen in Zeiten, in denen Russlands Vorzeichen im Ukraine-Krieg „alles andere als auf Sieg“ stehen, wie es nicht nur von der Europäischen Kommission heißt: Die zu Beginn der Invasion häufig als klar eingestuften Kräfteverhältnisse scheinen rund eineinhalb Jahre später verschoben zu sein. John E. Herbst, ehemaliger US-Botschafter in der Ukraine, sieht aktuell eher die Ukraine im Vorteil, wie er Business Insider sagte. Der Militäranalyst Sean Bell sagte Sky News, Putin habe „diesen Krieg bereits verloren“.
Doch der Beliebtheit Wladimir Putins in der russischen Bevölkerung scheinen die Entwicklungen im Ukraine-Krieg keinen Abbruch zu tun. Eine aktuelle Umfrage des als unabhängig geltenden russischen Lewada-Zentrums ergab, dass mehr als 80 Prozent der Russinnen und Russen auch in Zeiten des Ukraine-Kriegs mit dem Handeln ihres Präsidenten einverstanden sind. Seit Monaten variieren die Umfragewerte nur minimal. Häufig wirke die russische Propaganda, auch wegen des niedrigen Bildungsniveaus in Russland, wie der Kulturwissenschaftler Alexander Etkind in der Nowaya Gazeta Europe sagte. (mg)