VonStefan Schollschließen
Russlands politische Elite verteilt Geld und Einfluss innerhalb der eigenen Familien. Teils sind die Klans seit Generationen an der Macht, auch Wladimir Putin installiert Verwandte. Aber noch hat sein Nepotismus Grenzen.
Wladimir Putin redet gern über sie: „Die Familie in Russland war und bleibt der höchste Wert und der Eckstein der Gesellschaft.“ Putin hat seine eigenen Vorstellungen von Familie, seit 12 Jahren ist er geschieden. Maria und Katerina, seine beiden Töchter aus dieser Ehe, leben unter fremden Nachnamen. Seine neue Lebensgefährtin Alina Kabajewa und ihre gemeinsamen Söhne sind für linientreue Medien tabu, erst recht ihr Familienalltag. Putins Söhne heißen laut einer neuen Studie des Rechercheportals proekt.media Iwan und Wladimir Spiridonow – nach dem Namen ihres Urgroßvaters.
Russlands Staatschef scheint Sinn für Großfamilie zu haben. Journalist:innen von proekt.media zählen 26 Verwandte, die Putin in staatlichen und wirtschaftlichen Toppositionen unterbrachte: Alina Kabajewa wurde erst Duma-Abgeordnete, dann Aufsichtsratsvorsitzende der Medienholding NMG, die neun russische Fernsehsender kontrolliert. Putins Tochter Maria Woronzowa ist Vizedekanin für medizinische Grundlagenforschung an der Moskauer Staatsuniversität und Mitinhaberin einer Firma, die an medizinischen Zukunftstechnologien arbeitet. Ihre Schwester Katerina Tichonowa leitet die Stiftung Innopraktika, die in Moskau ein zweites Silicon Valley aufbauen soll. Ihr früherer Ehemann Kirill Schamalow kassierte bei der Heirat ein Aktienpaket des Ölkonzerns Sibur als Mitgift, das ihm allerdings im Zuge der Trennung wieder abgenommen wurde.
Anna Ziwiljowa, Putins Nichte zweiten Grades, ist stellvertretende Verteidigungsministerin, ihr Mann Sergej Energieminister. Viktor Chmarin, ein Neffe zweiten Grades, leitet den staatlichen Energiekonzern Rusgidro. Michail Putin, noch ein Neffe zweiten Grades, ist stellvertretender Gazprom-Chef, seine Schwester Tatjana stellvertretende Chefärztin der Polikliniken der Präsidialverwaltung. Michails Sohn Denis, gerade 22, brachte es im Mai zum Miteigentümer des Businesszentrums „Scheremetjewo“ bei Moskau. Auch Artur Otscheretnyj, der neue Ehemann von Putins Exfrau Ljudmila, bekam einen guten Job als Chefberater der Promstroibank.
Die russische Vetternwirtschaft blüht in drei Generationen – und das keineswegs nur in Putins Verwandtschaft. Auf der Grundlage von gut 10 000 Biografien russischer Topbeamter und ihrer Verwandten fand proekt.media weitere 24 „Herrschaftsdynastien“ mit mindestens zehn Mitgliedern. Ex-KGB-Chef Nikolaj Patruschew zum Beispiel installierte 15 Verwandte im Staatsdienst, darunter vor allem seinen Sohn Dmitrij als Vizepremier. Tschetschenen-Chef Ramsan Kadyrow brachte die Rekordzahl von 96 Familienmitgliedern unter.
Drei von vier Top-Staatsbediensteten haben Verwandte in Behörden oder in Firmen, die mit dem Regime verknüpft sind. 58 Prozent waren einst Sowjetfunktionäre oder stammen von solchen ab. 29 Prozent kommen aus den Sicherheitsorganen, nur 15 Prozent sind Frauen. Nur zehn von 1012 überprüften VIPs haben Verwandte, die in der Ukraine gekämpft haben oder noch kämpfen.
Putin verzichtet auf Vettern und Nichten im Kreml
„Uns wird man als Erbmasse weiterreichen“, so die bittere Bilanz von proekt.media. Die massive Selbstrekrutierung der Eliteklans deckelt die Chancen Millionen anderer junger Russ:innen auf sozialen Aufstieg. Putins Nepotismus hat allerdings seine Grenzen: Während der alternde Boris Jelzin Tochter Tatjana Djatschenko zu seiner Beraterin und ihren Boyfriend Valentin Jumaschow zum Chef der Präsidialverwaltung machte, verzichtet Putin auf Vettern oder Nichten im Kreml. Bei seinem Kernteam legt er weiter mehr Wert auf Effizienz als auf Blutsverwandtschaft.
Viele der vom Präsidenten verteilten Topjobs wirken eher wie Versorgungsposten. Und es ist fraglich, ob Putins neues Erbbeamtentum die Existenz seines Regimes auch nach ihm sichern wird.
Putin selbst und seine alten Freunde aus der halbkriminellen Petersburger Geschäftswelt oder aus dem KGB waren zumindest teilweise Selfmademen, besaßen Ehrgeiz und Ellbogen. Ihre Kinder wuchsen dagegen behütet bis gehätschelt auf. Putins Töchter beispielsweise absolvierten an der Deutschen Schule in Moskau ein westlich-liberales Unterrichtsprogramm. Die spätsowjetischen Komplexe und die Nachholbegierden der Väter dürften ihrer Generation abgehen.
Überhaupt haben Diktatoren bekanntlich Probleme mit der geordneten Übergabe ihres Machtmonopols. „Nach Jossif Stalins Tod landete sein überlebender Sohn Wassilij sehr schnell im Gefängnis“, sagt ein Moskauer Politologe anonym. „Vielen Verwandten unserer Herrschenden könnte Ähnliches drohen.“ Wenn sich das Regime nach Putin halten werde, dann eher wegen der übermächtigen Sicherheitsorgane als wegen seines Nachwuchses.
