Joseph Wu im Interview

Taiwans Außenminister über deutsche China-Politik: „Nur reden reicht nicht aus“

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Im Interview fordert Taiwans Außenminister einen neuen Umgang mit China. In der Pflicht sieht er vor allem deutsche Unternehmen – und mahnt sie, sich von China nicht einlullen zu lassen.

Taipeh – Noch bevor das Gespräch beginnt, macht Joseph Wu klar, worum es geht: „Taiwan wird von einem großen Nachbarn unter Druck gesetzt“, sagt der Außenminister des demokratisch regierten Landes, das China als Teil des eigenen Staatsgebiets betrachtet. Wu empfängt IPPEN.MEDIA und Vertreter anderer internationaler Medien im Außenministerium in Taipeh und nutzt die fast zwei Stunden dieses Treffens, um für mehr Unterstützung für sein Land zu werben. Vor allem an Deutschland hat er eine Botschaft: „Ich würde mir wünschen, dass sich Deutschland mehr Gedanken darüber macht, wie es mit einem autoritären China umgehen kann, das international immer einflussreicher wird.“

Taiwans Außenminister Joseph Wu im Gespräch mit IPPEN.MEDIA und Vertretern anderer internationaler Medien in Taipeh.
Herr Minister, für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass China schon bald Taiwan angreift?
Es gibt Analysten, die sagen, dass der Krieg Ende dieses Jahres ausbricht oder im nächsten Jahr oder erst 2027 oder 2035 … Aber solche Spekulationen helfen uns nicht weiter. Wichtiger ist, dass wir für den Fall der Fälle vorbereitet sind und gleichzeitig alles dafür tun, dass es nicht zu einem Krieg kommt. Wir müssen China davon abhalten, Gewalt gegen Taiwan anzuwenden.
Wie bereitet Taiwan sich vor?
Taiwan braucht zunächst ausreichende Abschreckungsfähigkeiten. Wir haben deswegen unseren Verteidigungshaushalt erhöht, unser Militär reformiert und unsere Wehrpflicht verlängert. Außerdem erwerben wir Waffen von den USA und sind im Austausch mit den USA, um unser Militär besser auszubilden. China weiß, dass es nicht einfach wäre, Taiwan einzunehmen.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa
Was ist noch wichtig?
Wichtig ist auch, dass unsere Partner bereit sind, China abzuschrecken. Die USA machen sich große Sorgen vor einem Krieg. Sie intensivieren deswegen ihre Militärübungen mit Ländern wie Japan, den Philippinen, Südkorea und Australien. Die G7, die EU – alle sprechen darüber, wie wichtig Frieden und Stabilität in der Taiwanstraße sind. Das ist ein positiver Schritt nach vorne.

„Was es jetzt braucht, ist eine gute Politik im Umgang mit China“

Sehen Sie eine solche Entwicklung auch im Falle von Deutschland?
Wir sehen in Deutschland und in anderen EU-Ländern große Anstrengungen, ihre Politik gegenüber China zu überdenken. Man wird sich zunehmend bewusst, dass China eine offenere Herausforderung darstellt für die demokratische Welt und für die regelbasierte internationale Ordnung. Dass Deutschland in seiner China-Strategie die Bedeutung von Frieden und Stabilität unterstreicht und über potenzielle Herausforderungen durch China spricht, heißen wir willkommen.
Aber?
Über China nur zu reden, reicht jedoch nicht aus. Was es jetzt braucht, ist eine gute Politik im Umgang mit China. Nehmen wir zum Beispiel Chinas Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Xinjiang oder das, was in Tibet oder in Hongkong passiert: Wird Deutschland irgendwelche konkreten Maßnahmen ergreifen, um Chinas Menschenrechtsverletzungen etwas entgegenzusetzen?
In Deutschland dreht sich die Debatte derzeit vor allem um wirtschaftliche Fragen und die Verringerung von Abhängigkeiten – Stichwort „De-Risking“.
Ich begrüße den deutschen Ansatz zum De-Risking. Das ist ein gutes Konzept. Aber wie setzen wir es um? Es kann nicht sein, dass die deutsche Regierung dazu aufruft – und die Unternehmen dann etwas anderes tun. Ich weiß, dass große Teile der deutschen Wirtschaft noch immer denken, dass an China kein Weg vorbeiführt. Und weil sie so denken, drängen sie die deutsche Regierung dazu, China gegenüber zurückhaltender aufzutreten.
China ist immerhin Deutschland wichtigster Handelspartner.
Wir sollten uns einer Sache bewusst sein: China verfolgt mit seinen Wirtschaftsbeziehungen immer auch politische Ziele. Ich glaube zudem, dass China den deutschen Markt, deutsches Kapital und deutsche Technologie mehr benötigt als umgekehrt. Aber irgendwie haben es die Chinesen geschafft, den Deutschen einzureden, dass Deutschland ohne den chinesischen Markt nicht überleben kann. Wenn die Deutschen ihr Denken nicht ändern, dann ist De-Risking nichts weiter als eine leere Worthülse.

„Von einer Taiwan-Krise wäre die gesamte Welt betroffen“

Auch Taiwan unterhält enge wirtschaftliche Beziehungen zu China.
Wir wissen, dass China eine große Bedrohung für uns ist. Deshalb müssen wir unsere wirtschaftlichen Beziehungen zu China sehr sorgsam austarieren. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Investitionen in China keine Bedrohung für unsere eigene Sicherheit darstellen. Dasselbe gilt für chinesische Investitionen in Taiwan. Chinas Wirtschaft darf unsere eigene Wirtschaft nicht dominieren.
Was wünschen Sie sich von Deutschland?
Taiwan und Deutschland teilen nicht nur wirtschaftliche Interessen, sondern auch Werte wie Frieden, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte. Wenn die deutsche Regierung und die deutschen Unternehmen weiterhin derart große Angst vor China haben, dann wird es keinen Fortschritt geben, und das wird viele Dinge sehr schwierig machen. Ich würde mir wünschen, dass sich Deutschland mehr Gedanken darüber macht, wie es mit einem autoritären China umgehen kann, das international immer einflussreicher wird. Und wie es international mehr Verantwortung übernehmen kann.
Manch einer hält die Taiwan-Frage weiterhin für ein regionales Problem, das uns nichts angeht.
Nehmen wir den Krieg in der Ukraine: Nicht nur die Ukraine ist davon betroffen, sondern die gesamte Welt – durch Energieknappheit, Lebensmittelkrise oder Inflation. Auch von einer Taiwan-Krise wäre die gesamte Welt betroffen. 50 Prozent der weltweit gehandelten Waren werden durch die Taiwanstraße transportiert. Taiwan stellt zudem 60 Prozent der weltweit produzierten Halbleiter her sowie 92 Prozent der fortschrittlichsten Halbleiter. Sie können sich vorstellen, welche wirtschaftlichen Auswirkungen ein chinesischer Angriff auf Taiwan hätte. Frieden und Stabilität in der Taiwanstraße sind entscheidend für die globale Sicherheit und globalen Wohlstand. Und: Wenn wir China nicht davon abhalten, Taiwan anzugreifen, dann greifen sie vielleicht auch nach den Philippinen oder nach anderen Ländern. Schauen Sie sich nur Chinas Ambitionen im Indopazifik an. Es ist so offensichtlich, welche Ziele China verfolgt! 

„Wir müssen uns verantwortlich verhalten und dürfen China nicht provozieren“

Taiwan hat in den vergangenen Jahren seine inoffiziellen Beziehungen zu anderen Ländern intensiviert. Sie waren im Sommer im Prag, und hier in Taipeh geben sich ausländische Politiker die Klinke in die Hand. Es gibt Stimmen, die sagen, dass dieser Austausch einen Konflikt mit China nur wahrscheinlicher macht, weil Peking sich provoziert fühlt …
Es gibt auch hier in Taiwan Menschen, die denken, dass wir China provozieren, indem wir prominente Politiker aus dem Ausland empfangen. Aber blicken wir zum Beispiel nach Osteuropa, wo wir mit vielen Ländern sehr enge Beziehungen unterhalten: Diese Länder haben selbst Erfahrungen mit Kommunismus gemacht, und wenn sie sehen, wie wir bedroht und bedrängt werden, dann verspüren sie eine natürliche Sympathie zu Taiwan. China kann das nicht unterbinden. Ja, wir müssen uns verantwortlich verhalten und dürfen China nicht provozieren. Und es scheint zu funktionieren. China kann keine Ausrede finden, um einen Krieg gegen Taiwan zu starten. Sie mögen Taiwan bedrohen, aber sie greifen uns nicht an.
China kämpft derzeit mit wirtschaftlichen Problemen. Macht das einen Krieg wahrscheinlicher – oder ist ein ärmeres China ein freundlicheres China?
Wenn China reicher und mächtiger wird, hat es mehr Mittel, um andere Länder zu bedrohen. Wenn eine Großmacht eine Abschwächung der Wirtschaft erfährt, kann das aber auch bedeuten, dass sie sich provokativer verhält, um ihren Einfluss aufrechtzuerhalten. Ein autoritäres Land, das innenpolitische Schwierigkeiten durchmacht, könnte eine externe Krise nutzen, um die Aufmerksamkeit des heimischen Publikums darauf zu lenken und das Land zusammenzuhalten. Taiwan könnte das Ziel einer solchen Taktik sein. Aber wie auch immer: Chinas Drohungen gegenüber Taiwan werden so schnell nicht verschwinden, egal ob es nun größer und stärker oder ärmer und schwächer wird. Wir müssen immer bereit sein.

Deutsche Wirtschaft in China: Investitionen wachsen trotz rauem Klima - „noch ein langer Weg“

Rubriklistenbild: © Chin Hung Hao/Ministry of Foreign Affairs

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