„Reform“ in Schottland und Nigel Farage: Zu erfolgreich ist verdächtig
VonSebastian Borger
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Selbst Gewinne von „Reform“ in Schottland sichern Parteihoffnung Zia Yusuf nicht Nigel Farages Rückhalt. Streit innerhalb der Partei zwingt Yusuf zum Rückzug.
Wie anderswo gilt in der britischen Politik der alte Grundsatz, wonach nichts im Leben sicher sei, außer Besteuerung und Tod. Auf der Insel muss man neuerdings einen dritten Aspekt von beinahe eiserner Gewissheit hinzufügen: Streit in Nigel Farages Umfeld. Wie sein großes Vorbild Donald Trump duldet auch der erfolgreiche Nationalpopulist keine anderen großen Egos in seiner Nähe.
Und so war die „Reform-Holding“, Farages jüngstes politisches Vehikel, am Freitag wieder einmal mit Schadensbegrenzung beschäftigt. Der Rückzug von Zia Yusuf vom Posten des Chairmans markiert einen schweren strategischen Verlust.
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Zum einen taugt der 36-jährige Millionär Yusuf, ein Muslim und nach Selbsteinschätzung „britischer Patriot“, als Posterboy für die vergleichsweise gut gelungene Integration ethnischer und religiöser Minderheiten in die britische Gesellschaft. Zum anderen zeichnete der erfolgreiche Unternehmer verantwortlich für die rasche Verwandlung von „Reform UK“ aus einer Privatfirma des 61-jährigen Farage zu einer bei Wahlen überaus erfolgreichen Partei mit Ortsvereinen und einigermaßen funktionierender Infrastruktur.
Der Erfolg in Schottland für Reform wird von innerparteilichen Streitereien überschattet
Die öffentliche Auseinandersetzung überschattete einen weiteren großen Erfolg für Reform. Denn bei einer eigentlich unbedeutenden Nachwahl zum schottischen Parlament gewann der Kandidat der jungen Partei satte 26 Prozent, landete nur knapp hinter dem siegreichen Labour-Mann und den schottischen Nationalisten auf Platz Drei. „Wir sind aus dem Nichts gekommen“, freute sich Farages getreuer Vize Richard Tice. Tatsächlich galt das Brexit-kritische und gegenüber Immigrant:innen relativ aufgeschlossene Schottland bisher als extrem steiniges Pflaster für die englisch geprägten Nationalpopulisten. Bei der jüngsten Unterhauswahl landete Reform bei sechs Prozent.
Das Ergebnis in Schottland, vor allem aber Reforms hervorragendes Abschneiden bei den jüngsten englischen Kommunalwahlen geht sicher zu einem Gutteil auf Yusufs Konto. Der einstige Gründer einer Concierge-Servicefirma für reiche Leute trat erst im vergangenen Jahr in die Öffentlichkeit, spendete Reform umgerechnet 237.000 Euro und wurde umgehend von Farage zum Chairman, also dem Chef der Parteizentrale, gekürt. Dort soll der einstige Investmentbanker die wenigen Dutzend Angestellten mit 18-Stunden-Arbeitstagen zur Verzweiflung getrieben haben; kurzfristige Entlassungen waren an der Tagesordnung.
Farage entmachtet den Schützling: Öffentlicher Streit in Partei stiftet Chaos
Die eiserne Disziplin seines Gefolgsmanns muss Farage unheimlich geworden sein. Jedenfalls entmachtete der Reform-Boss seinen Schützling Yusuf nach dem Wahltriumph vor einem Monat, beauftragte ihn stattdessen mit der Leitung einer Art von Doge-Truppe à la Elon Musk und schickte ihn in die Kommunalregierungen, die neuerdings von Reform-Leuten geleitet werden.
Das Ende aber kam nach einem öffentlichen Streit Yusufs mit der Unterhaus-Nachwahlsiegerin Sarah Pochin. Diese nutzte ihre erste Frage an Labour-Premier Keir Starmer dazu, ein Verbot der Burka ins Spiel zu bringen. Diese Forderung sei „nicht einmal Teil des Parteiprogramms“ und deshalb „dumm“, teilte Yusuf schmallippig mit, was ihm eine Flut von Beleidigungen in den sozialen Medien einbrachte. Vor allem aber stellten sich Pochins Fraktionskolleginnen und -kollegen hinter die Kulturkämpferin. Daraufhin zog der Millionär die Konsequenz. „Eine Reform-Regierung ins Amt zu bringen, stellt für mich keine gute Verwendung meiner Zeit mehr dar.“
Anders als in den rabiaten Auseinandersetzungen mit Ex-Fans äußerte sich Nigel Farage diesmal milde. Es tue ihm „wirklich leid“ um eine „enorm talentierte Person“, teilte er mit, wohl mit Rücksicht auf die Tatsache, dass Yusuf einstweilen als Direktor in die Reform-Firmenstruktur eingebunden bleibt.
Womöglich spielt dabei auch eine Rolle, dass die Partei prominente und vermögende Unterstützer:innen braucht, nicht zuletzt unter erfolgreichen jüngeren Geschäftsleuten. Für diese dürfte Yusufs rascher Aufstieg und Fall ein Menetekel darstellen.
Mit welcher kühlen Effizienz Farage etwaige Nebenbuhler um die Gunst von Anhänger- und Wählerschaft abserviert, ließ sich 2019 studieren. Damals umwarb der als Ukip-Chef bekanntgewordene Europaparlamentarier seine Fraktionskolleginnen, ihm in die neugegründete Brexit-Party zu folgen. Zur Belohnung stellte er einen prominenten Platz auf der Kandidatenliste in Aussicht. Dreizehn Parlamentarier:innen folgten dem Lockruf, lediglich zwei durften sich tatsächlich zur Wahl stellen.