Im Schatten des Brexits: Schaffen Großbritannien und die EU die Wiederannäherung?
VonSebastian Borger
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Großbritannien und die EU wollen bei einem Gipfeltreffen die Zusammenarbeit stärken. Ein Überblick über wichtige Themen, Ziele und Vorteile.
London – An diesem Montag setzt die britische Labour-Regierung unter Premier Keir Starmer ein Wahlkampfversprechen um: bessere Beziehungen zwischen der Brexit-Insel und der EU. Aus Brüssel reist das Trio aus dem Ratsvorsitzenden António Costa, der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der Außenpolitik-Koordinatorin Kaja Kallas nach London, um eine entsprechende Vereinbarung zu unterzeichnen. Was unterschriftsreif ist, worüber weiterhin verhandelt wird – Fragen und Antworten zum britisch-europäischen Gipfel.
Diese Themen stehen im Mittelpunkt: Treffen mit EU und Großbritannien behandelt Sicherheit und Wirtschaft
Vorrangig ist bei den Gesprächen die engere Zusammenarbeit bei Sicherheit und Verteidigung. Das einstige Empire verfügt nicht nur über Atomwaffen und den permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat, sondern auch über zwar geschrumpfte, aber in Auslandseinsätzen erprobte Streitkräfte. Zudem kann die Insel große Rüstungsunternehmen wie BAE sowie den Turbinenbauer Rolls-Royce mit zahlreichen Zulieferbetrieben vorweisen. Parteiübergreifend gilt die Mitgliedschaft in der Nato wie auch die dauerhafte Unterstützung der Ukraine gegen Russlands Krieg als unumstritten.
Die britische Seite wünscht sich zudem eine einfache Anerkennung von Berufsabschlüssen und Uni-Diplomen ihrer Bevölkerung zur Arbeit in der EU sowie eine Angleichung des Energiemarktes. Eine Vereinbarung über Lebensmittel- und Tierkontrollen soll Bürokratie abbauen und Grenzkontrollen minimieren; im Gegenzug pocht Brüssel auf Einhaltung von Vorschriften, über die im Streitfall der EU-zugehörige Europäische Gerichtshof wacht – für das britische Selbstbewusstsein eine bittere Pille.
Der 27er-Club will eine Aufweichung der Einreise- und Aufenthaltsregeln seit dem endgültigen Austritt der Insel vor gut fünf Jahren erreichen. Die EU-Jugend unter 30 soll für zwei oder drei Jahre im Königreich leben, arbeiten und studieren können. Diese „Jugendmobilität“ soll ebenso in die andere Richtung gelten.
Kein neuer Beitritt: Großbritannien gehöre zu Europa – „nicht zur EU“
Damit nimmt Brüssel Starmer beim Wort, der gern sagt: „Großbritannien gehört nicht zur EU, aber unbedingt zu Europa“. Um kritische Stimmen im eigenen Lager zu besänftigen, betonte Starmer am Wochenende nochmals, das geplante Verfahren habe „nichts mit der Personen-Freizügigkeit“ in der EU zu tun. Vielmehr ähnele es Regelungen mit Australien, Neuseeland oder Kanada.
Finanzielle Spritze: Großbritannien will Teil von EU-Topf für Aufrüstung
Britische Unternehmen hoffen auf den Zugang zum kürzlich beschlossenen EU-Topf zur Wiederaufrüstung, der 150 Milliarden Euro enthält. Freilich bedarf es dafür der Zusammenarbeit mehrerer Mitgliedsstaaten, zu denen sich dann die jeweilige Rüstungsfirma von der Insel hinzugesellen kann. Das ist besonders aus deutscher Sicht hochwillkommen, wichtige Unternehmen wie BAE und Rheinmetall kooperieren seit vielen Jahren reibungslos.
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Allerdings blieb bis zuletzt unklar, wie weit der Zugang für die Briten gehen soll. „Ungefähr ein Drittel“ der 150 Milliarden wird in entsprechenden Arbeitspapieren als Höchst-Handelssumme genannt, lediglich 15 Prozent wollen die Franzosen erlauben. Dieses Detail dürfte künftigen Verhandlungen vorbehalten bleiben.
Welchen Vorteil haben Bürger und Konsumentinnen? Schnellere Passkontrollen und weniger Studiengebühren
Seit dem Brexit bilden sich an Flughäfen Spaniens, Frankreichs und Griechenlands Schlangen britischer Reisender vor der Passkontrolle. Zukünftig dürfen sie die automatischen elektronischen Schranken benutzen, was die Einreise zum ersehnten Urlaub erheblich erleichtern dürfte.
Erst in frühestens zwei Jahren wird die mehrfach verschobene elektronische Einreisegenehmigung, Etias genannt, fällig. Das britische Äquivalent ETA zum Preis von 16 Pfund (19 Euro) ist seit April in Kraft und funktioniert bisher reibungslos.
Auf finanzielle Erleichterungen dürfen hingegen Studierende aus der EU hoffen: In den Verhandlungen zwischen EU-Kommissionsvize Maros Sefcovic und dem britischen Europa-Staatssekretär Nicklaus Thomas-Symonds ging es auch um Studiengebühren. Sie sollen dem britischen Betrag von 9500 Pfund (11 300 Euro) pro Jahr angeglichen werden, Ausländer:innen zahlen bislang oft mehr als das Doppelte.
So verhält sich die Opposition: Kritik an Regierung – Gipfel sei „Kapitulation“
Vorhersehbar. Die stark geschwächten Torys sprechen von einer „Kapitulation“ und Einschränkung der Souveränität. Nationalpopulist Nigel Farage wittert einen „Betrug“ am Brexit-Votum.
Die Bevölkerung hingegen signalisiert in Umfragen seit Monaten: Eine engere Zusammenarbeit mit der EU ist nicht nur nötig, sondern überfällig. Eine Mehrheit hält den Brexit inzwischen für falsch, manche wollen ihn sogar rückgängig machen. Dies kommt jedoch für die Labour-Regierung nicht infrage, das Ziel ist eine vorsichtige Wiederannäherung.