Nach der Klimakonferenz: Der wackelige Ausstieg aus den fossilen Energien
VonDavid Zauner
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Die Abkehr von Öl, Kohle und Gas wird zum ersten Mal in der Erklärung eines Klimagipfels gefordert. Doch was helfen vorsichtig verhandelte Worte ohne konkrete Ziele?
Bonn – So richtig zufrieden ist Simon Stiell mit dem Paragrafen zu Fossilem in der Abschlusserklärung des Klimagipfels COP 28 nicht. Denn der bedeute noch längst nicht das Ende des fossilen Zeitalters, so der Chef des UN-Klimasekretariats. Er sei jedoch zumindest ein „Anfang vom Ende“. Nachdem die Staaten lange um die Formulierung für das Ziel gerungen hatten, konnten sie sich kurz vor Schluss der Konferenz auf folgende Formel im Englisch der Verhandlungen einigen: „transitioning away from fossil fuels in energy systems“. Alle Länder werden also zu einer Abkehr von fossilen Brennstoffen im Energiesystem angehalten.
Zuvor wurden verschiedene Formulierungen für den Passus diskutiert: Sollte darin von einem „Ausstieg“ oder einer „Reduzierung“ der fossilen Energien die Rede sein? Oder würde eine Variante akzeptiert, die lediglich die Abkehr von „unverminderter“ Nutzung aller Fossilen oder nur der Kohle beschreibt, und damit etwa eine Hintertür offen ließe für die weitere Verbrennung bei Einsatz von CO2-Abscheidungs- und Speichertechnologien (CCS).
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Kohle, Öl und Gas sind für drei Viertel aller Treibhausgase verantwortlich. Dennoch wurden sie in keinem Abschlussdokument der 27 vorherigen Klimagipfel namentlich erwähnt. Nur Kohle schaffte es schon zwei Jahre zuvor in die Erklärung von Glasgow mit der vorsichtigen Formulierung: Länder sollen die „unverminderte“ Verstromung von Kohle ohne CCS verringern.
Klimakonferenz-Erklärung „wissenschaftlich gesehen nicht ausreichend“
„Rein politisch gesehen ist die Erklärung angesichts der enormen Widerstände ein Fortschritt. Wissenschaftlich gesehen reicht sie aber natürlich in keiner Weise aus“, sagt Wolfgang Lucht, einer der Leiter der Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Das Dokument beschreibe die Dringlichkeit der Sachlage sehr klar, ziehe aber recht unverbindliche Schlussfolgerungen.
All die Formulierungen – phase-out, phase-down, transitioning – hätten ohne feste Verbindlichkeiten, wie zum Beispiel Zwischenziele, kaum Aussagekraft. Ebenso unscharf ist der Begriff „unvermindert“. Auch in der Erklärung von Dubai findet sich die Formulierung von Glasgow damit zur Kohle wieder.
Doch was heißt das? Müssen die gesamten Emissionen bei der Verbrennung abgeschieden und gespeichert werden? Das ist nach heutigem Technikstand nicht möglich. In der Regel landen mindestens zehn Prozent der Emissionen in der Atmosphäre. Darf es schon als „unvermindert“ gelten, wenn nur zwanzig, zehn, fünf Prozent der Emissionen abgefangen werden?
COP-Präsident Al Jaber leugnete wissenschaftliche Erkenntnisse – oder doch nicht?
Zahlreiche Wissenschaftler:innen widersprachen. Darunter auch Joeri Rogelj, Professor für Klimawissenschaften am Imperial College London. Rogelj erklärte, dass jedes Szenario des Weltklimarates IPCC im Einklang mit 1,5 Grad einen „De-facto-Ausstieg aus den fossilen Energien“ bis 2050 vorsehe. Völlig gegenteilig liest sich die Reaktion von Myles Allen, Professor für Geosystemwissenschaften in Oxford. Allen rügte die vorschnelle Verurteilung von Al Jabers Aussage und erklärte: „Alle 1,5-Grad-Szenarien, die CO2-Speichertechnologien zulassen, erlauben die Nutzung fossiler Energien auch nach dem Jahr 2100.“
Am Ende widersprechen sich diese beiden Aussagen aber nur durch den Interpretationsspielraum, den sie zulassen. Es gibt einen breiten wissenschaftlichen Konsens, dass fossile Restenergien in manchen Sektoren noch lange existieren werden. Gleichzeitig ist klar, dass die Produktion und der Verbrauch fossiler Brennstoffe bis Mitte dieses Jahrhunderts drastisch reduziert werden müssen.
Weltklimarat IPCC verlangt schnelleren Ausstieg aus fossilen Energien
Während einer Pressekonferenz in Dubai machte der Klimaforscher und Direktor des Potsdam-Instituts Johan Rockström deutlich: „Die IPCC-Szenarien im Einklang mit 1,5 Grad gehen von einem rapiden Ausstieg aus fossilen Energien aus und beinhalten zusätzlich sehr optimistische Annahmen über den Ausbau von CO2-Entnahme- und Speichertechnologien. Diese Technologien können also kein Argument für einen verzögerten fossilen Ausstieg sein.“
Im aktuellen IPCC-Bericht, dem „Goldstandard“ der weltweiten Klimaforschung, heißt es zu den besagten Szenarien, dass zur Einhaltung des 1,5-Grad-Limits die globale Nutzung von Kohle, Öl und Gas bis 2050 um 95, 60 und 45 Prozent reduziert werden muss. Ist das nun ein ‚phase-out‘, ein ‚phase-down‘ oder ein ‚transitioning away‘ von fossilen Energien?
Allerdings sind auch diese IPCC-Szenarien nicht unumstritten. Ab 2050 müssten gemäß den mit 1,5 Grad kompatiblen Szenarien weltweit etwa zehn Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden – und das jedes Jahr. Das ist mehr, als gegenwärtig alle Wälder der Erde aufnehmen. Die IPCC-Szenarien basieren auf klimaökonomischen Rechenmodellen, die den wirtschaftlich günstigsten Pfad beschreiben. Diese Modelle beruhen aber auf zahlreichen Annahmen, etwa über künftige Entwicklungen bei Kosten und Technologien.
CO2 in Vegetation binden „ökologisch nur in sehr begrenzten Ausmaß vertretbar“
CO2 kann zum Beispiel direkt aus der Luft entfernt werden – aber nur mit Technologien, die enorm teuer und energieintensiv sind. Das Treibhausgas könne zudem auch durch das Vegetationswachstum in weltweit angelegten Plantagen gebunden werden, so die Annahme in den Modellen weiter. Aber: „Das ist ökologisch nur in einem sehr begrenzten Ausmaß vertretbar“, kritisiert Wolfgang Lucht. „Man kann dieses Problem nicht nur ökonomisch betrachten.“
Die G20: Die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in einer Gruppe
Dahinter liege eine Strategie, die fast etwas unehrlich sei, gibt Lucht zu bedenken. „In den Szenarien wird der heutigen Gesellschaft ein rascher, entschlossener Umstieg auf erneuerbare Energien nicht zugemutet. Im Gegenzug wird aber als problemlos angenommen, dass eine zusätzliche, künstliche CO2-Senke von planetarem Ausmaß in nur wenigen Jahrzehnten etabliert und betrieben wird“, so der Erdsystemwissenschaftler, der selbst an einigen IPCC-Berichten mitgewirkt hat. „Wir wälzen die Verantwortung damit zum eigenen Vorteil auf unsere Kinder ab. Man könnte sagen, wir stellen einen ungedeckten Scheck auf die Zukunft aus.“