Am Rande der Geschmacklosigkeit

AfD versucht Abklatsch von Charlie-Kirk-Show – Kurz wird es sogar dem Parteichef zu viel

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In Düsseldorf rief die AfD zur offenen Debatte auf – in Gedenken an MAGA-Aktivist Charlie Kirk. Am Ende wurde es eine Tiktok-Show.

Düsseldorf – Vier Buchstaben aus den USA sind das neue Vorbild der AfD: Von der MAGA-Bewegung rund um US-Präsident Donald Trump schaut man sich ganz rechts in Deutschland so einiges ab. Gut beobachten konnte man das am Mittwoch (24. September) in Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt Düsseldorf. Auf der Wiese vor dem Landtag hatte die AfD-Fraktion zur „Prove me wrong“-Aktion geladen. In Gedenken an den erschossenen US-Rechtspopulisten Charlie Kirk.

AfD-Show „Prove me wrong“ nach dem Vorbild von Charlie Kirk: Partei-Anhänger Stefan aus Köln wünscht sich mehr offene Gespräche, es gebe zu wenig offene Debatten zwischen rechts und links. Der Mann, der seinen Nachnamen nicht nennen wollte, hatte augenscheinlich wirklich die Hoffnung, dass sich die AfD für eine bessere Debattenkultur einsetzt.  

Dessen Konterfei hatte die Partei extra auf Absperrbanden drucken lassen, eigene Kamerateams schwirrten um den AfD-Pavillon, eine Drohne filmte aus der Luft. Hochprofessionell erstelltes Social-Media-Futter am Rande der Geschmacklosigkeit. Wie bei den Freunden aus den USA – wenn auch im Maßstab eins zu 100. Erschienen waren nur knapp 50 Menschen. Man suche die offene Debatte, hieß es offiziell. Andere Meinungen seien sehr erwünscht. Außerhalb der eigenen Anhängerschaft interessierte sich aber kaum jemand. Debatten? Gab es keine. „Schade“ fand das AfD-NRW-Chef Martin Vincentz. Auch Vertreter der demokratischen Parteien waren nicht erschienen. Genau damit dürfte die AfD gerechnet haben. Die MAGAfD-Show: Am Ende Teil einer Selbstinszenierungs-Strategie für die eigenen Tiktok-Kanäle.

AfD und die MAGA-Bewegung: Gedenken an Charlie Kirk

Schon der Soundtrack gab den Ton der Veranstaltung vor. Laut dröhnte der Song „Charlie“ des kanadischen Rappers Tom McDonald aus den Boxen. McDonald ist sowas wie der Haus-und-Hof-Musiker der MAGA-Bewegung, macht sich in seinen Texten über die Black-Lives-Matter-Bewegung oder Schwule lustig. Und hat jetzt einen Song über Charlie Kirk geschrieben. „Woke“ Menschen seien Terroristen, heißt es darin.

Dann Auftritt Martin Vincentz. Er übernahm das Märtyrer-Motiv, das das Rechtsaußen-Lager in den USA seit Wochen pflegt. Öffentlich-rechtliche Medien hätten „Charlie Kirk verspottet“, behauptete der AfD-Landeschef. Dabei sei Kirk für freie Meinung eingetreten, so Vincentz, der zu weiteren gefühlten Wahrheiten ansetzte: Auch in Deutschland würden „die Konservativen, die rechteren Stimmen, von der Mehrheit unterdrückt“. Er sehe eine „linke Hegemonie“, die nicht zulasse, dass man frei reden könne.

An diesem Mittwoch war davon allerdings nichts zu sehen. Vincentz konnte eine ganze Stunde lang alle möglichen Thesen loswerden. Und nur ein einziger als solcher zu erkennender Gegendemonstrant stand samt Antifa-Fahne abseits der Szene, als habe er sich verirrt. Ansonsten kamen ausschließlich AfD-Anhänger ans Mikro, das gegenüber dem AfD-Politiker aufgebaut war: dazwischen eine Absperrbande und hinter Vincentz ein Personenschützer. So als wäre der AfD-Mann irgendwie gefährdet. Als wäre er Charlie Kirk.

Wenig los auf der Wiese vor dem Landtag: Knapp 50 Menschen kamen zur AfD-Aktion.

„Prove me wrong“-Show nach Kirk-Vorbild: NRW-AfD-Chef gibt sich gemäßigt

Als eine Frau dann am Mikro behauptete, es sei ja „bekannt, dass Ausländer an unseren Schulen unsere Kinder mobben und schlagen“, gab es keine Widerrede. Nur einmal wurde es selbst Vincentz etwas zu viel. Als nämlich der bundesweit bekannte Essener Aktivist Serge Menga ans Mikro trat. Der verkündete, wenn die AfD jetzt nicht endlich etwas unternehme gegen die allgemeine Unsicherheit, wenn es nicht bald eine Lösung gebe gegen die „dämliche Brandmauer“, würden sich wohl Gruppierungen im Land zusammenschließen, um selbst für Ordnung zu sorgen. „Dann wird es Bürgerinnen und Bürger geben, die sagen: genug ist genug.“ Vincentz betonte: „Wir machen Politik friedlich, auf parlamentarischem Wege.“

Der studierte Mediziner geriert sich gern als Anti-Höcke. Als gemäßigter AfDler, der für Vielfalt eintritt. Nicht ganz so gut hatte das mal bei einem Neujahrsempfang seiner Partei funktioniert. Damals ließ er sich zu dem Witzchen hinreißen: „Am besten ist der Humor, der so schwarz ist, wie der Amazon-Paketbote, der Ihnen die Pakete bringt.“ Der Saal tobte vor Lachen, keiner hatte – anders als an diesem Mittwoch vor dem Landtag – mit Medien gerechnet. Ein dpa-Journalist hatte die Szene dennoch mitgefilmt.

Pseudo-Debatte: „AfD debattiert mit AfD“

Die AfD-Show in Düsseldorf nun bewertet der Politik-Experte Johannes Hillje, der sich seit Jahren wissenschaftlich mit den Kommunikationsstrategien der Partei beschäftigt, als „Pseudo-Debatte“: „Die Veranstaltung lief nach dem Muster: AfD diskutiert mit AfD“, so Hillje im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Es war ein schlechtes Imitat von Kirks Format, das selbst auch eine Inszenierung von Kirks vermeintlicher Stärke und Vorführung seiner Gegner war.“

Ähnlich wie der AfD, sei es auch Kirk „nie um echten Meinungsaustausch auf Augenhöhe“ gegangen, sondern in erster Linie um Materialproduktion für Social Media. „Er ist Influencer, nicht Politiker oder Journalist gewesen“, so Hillje. Schon seit Jahren produziere die AfD professionelle Pseudo-Talkshows oder -Dokumentarfilme. Dass nur ein paar Dutzend Menschen vor Ort waren? Kein Problem für die Partei, sagt Hillje: „Entscheidend ist nicht, ob zu einer solchen Veranstaltung 50 oder 500 Leute kommen, sondern dass mit dem Material potenziell ein Millionenpublikum auf Social Media erreicht wird. Auf Social Media hat die AfD ihr eigenes Massenmedium.“(Quellen: Recherchen vor Ort, Expertengespräch, dpa)

Rubriklistenbild: © Peter Sieben

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