- VonBettina Menzelschließen
Die EU will Autofahrer über 70 Jahren künftig zum Fahrtauglichkeitstest bitten. Verkehrsminister Wissing ist dagegen und setzt auf Eigenverantwortung der Älteren.
Berlin – Die demografische Entwicklung in Deutschland macht sich auch im Straßenverkehr bemerkbar: Etwa jeder fünfte Autofahrer (22,1 Prozent) ist über 65 Jahre alt. Eine neue europäische Richtlinie will Menschen über 70 künftig alle fünf Jahre zu einem Führerschein- und Gesundheitscheck bitten. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) ist dagegen und argumentiert einerseits mit der Verkehrsstatistik, aber auch mit der Parteilinie der Liberalen: Er sei gegen „Zwangsuntersuchungen“.
Wissing gegen Führerscheinchecks bei Senioren: Macht „Gesellschaft unmenschlicher“
Wissing kündigte an, sich gegen die Führerschein-Pläne der EU-Kommission zu stemmen. „Ich will keine verpflichtenden Tauglichkeitsprüfungen für Autofahrer über 70, und ich bin zuversichtlich, dass sich dafür in der EU auch keine Mehrheit finden wird“, so der Minister im Gespräch mit der Funke Mediengruppe. Er wolle nicht, dass „der Einzelne immer mehr zum Objekt gemacht wird, sich Zwangsuntersuchungen unterziehen und nach Vorschriftkatalog seinen Alltag gestalten muss“, sagte Wissing weiter. Das mache „unsere Gesellschaft unmenschlicher“. Stattdessen geht der Minister von der Eigenverantwortlich der älteren Menschen aus und vertraut darauf, dass diese sich „ohne staatliche Vorgaben und bürokratische Kontrolle mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen.“
Die Verantwortung übertrug er damit vom Staat aufs Individuum – oder gar auf das Umfeld der Rentner. Er sehe eine Verantwortung „von Kindern, Verwandten und Nachbarn, mit alten Menschen über das Autofahren zu sprechen“, so der Verkehrsminister. Laut Statistischem Bundesamt leben 96 Prozent der über 65-Jährigen im eigenen Zuhause, im Alltag gehen Probleme beim Autofahren womöglich unter. „Ohne Eigenverantwortung funktioniert eine Gesellschaft nicht“, betonte der Minister aber. Wissing zog auch die Verkehrsstatistik als Begründung für seine Ansicht heran. In der Altersgruppe der über 70-Jährigen gebe es „keine signifikanten Zahlen bei schweren Unfällen“, so der FDP-Politiker.
Debatte um Führerscheintest für Rentner ab 70 Jahren: Geht von Senioren mehr Gefahr aus?
Gemessen an ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung waren Senioren im Jahr 2021 weniger häufig in Verkehrsunfälle verwickelt als Jüngere, wie Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen. Allerdings ist der Anteil der Senioren in der Gesamtbevölkerung wohl weniger relevant als der Anteil der Senioren, die tatsächlich im Straßenverkehr teilnehmen. Der dürfte statistisch deutlich niedriger liegen, da ältere Menschen beispielsweise nicht mehr täglich in die Arbeit fahren, hieß es vom Statistischen Bundesamt. Zudem hätten sie weniger häufig einen Führerschein.
Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer geht davon aus, dass Senioren bezogen auf ihre Fahrleistung eine ähnliche Unfallhäufigkeit haben, „wie die Hochrisikogruppe der 18- bis 25-Jährigen.“ Besondere Vorsicht sei statistisch gesehen bei Fahrern ab 75 Jahren geboten. Während Senioren bei Unfällen in 68,2 Prozent die Hauptschuld trugen, waren Fahrer im Alter von mindestens 75 in drei von vier Fällen bei Unfällen die Hauptschuldigen.
EU-Pläne zum Führerscheintest ab 70 Jahren
Laut EU-Plänen soll es neben dem Auffrischen des Führerscheins ab einem Alter von 70 Jahren auch einen Gesundheitscheck geben, der entweder durch eine verpflichtende ärztliche Untersuchung oder durch Selbsteinschätzung erfolgt. Die Länder sollen selbst bestimmen können, welche Variante gilt. Ziel der EU Idee ist es, die Straßen sicherer zu machen: Bis zum Jahr 2050 soll die Zahl der Verkehrstoten auf null sinken. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr starben in EU-Ländern 20.600 Menschen im Straßenverkehr. In manchen EU-Ländern ist der Führerscheincheck ab 70 bereits Praxis.
Pro und Contra-Stimmen über verpflichtende Führerscheintests für Rentner ab 70 Jahren
Für viele ältere Menschen auf dem Land sei „ein selbstbestimmtes Leben ohne Auto schwer möglich“, sagte Volker Wissing und spielte damit auf den teils schlecht ausgebauten Personennahverkehr in ländlichen Gegenden an – ein Thema, das durchaus in den Aufgabenbereich des Verkehrsministers fällt. „Mobilität führt auch zu mehr Teilhabe“, bestätigte indes auch Unfallforscher Brockmann, der riet, mit Fingerspitzengefühl mit dem Thema umzugehen.
Unumstritten ist, dass Sehen und Hören im Alter schlechter werden. Selbst der Schulterblick könne schwerer fallen und die Reaktionsgeschwindigkeit sei langsamer, sagte Heiner Sothmann, Sprecher der Verkehrswacht laut Tagesschau. Dennoch ist das Fahrkönnen sehr individuell. „Es gibt auch 80-Jährige, die super fahren können, und 65-Jährige, die bereits Schwierigkeiten haben“, betonte Unfallforscher Brockmann.
Führerscheintests für Rentner ab 70 Jahren? Debatte erhitzt weiter die Gemüter
Ältere Menschen seien keine schlechteren Autofahrer, eine gesetzliche Verpflichtung sei deshalb „nicht verhältnismäßig“, so der Automobilclub ADAC. Auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrate lehnte eine verpflichtende Überprüfung ab. In der deutschen Bevölkerung fanden sich zuletzt keine klaren Mehrheiten: 47 Prozent der Befragten gaben einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge an, dass Menschen ab 60 Jahren alle sieben Jahre eine extra Führerscheinprüfung machen sollten.
46 Prozent würden dies ablehnen, 8 Prozent machten keine Angabe. Aus Sicht von Wissing, haben die EU-Pläne ohnehin keine Chance sich durchzusetzen. „Ich bin zuversichtlich, dass sich dafür in der EU auch keine Mehrheit finden wird“, so der Politiker zur Funke-Mediengruppe.