Waffenruhe in Gaza: Freudentränen bei Angehörigen von Geiseln
VonMaria Sterkl
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Nach langem Ringen einigen sich Israel und Hamas auf einen Austausch: Geiseln und palästinensische Gefangene kehren zu ihren Familien zurück.
Tel Aviv – „Ich kann es noch nicht glauben“, sagt Hagar, aber ihre Augen strahlen schon jetzt. Die 25-jährige Studentin, die regelmäßig an den Demonstrationen für die Freilassung der Geiseln in ihrer Heimatstadt Haifa im Norden Israels teilnahm, ist „zittrig und aufgeregt“, wie sie sagt. Die Nachricht, dass es bald so weit sein könnte, hat Hagar kurz nach dem Aufwachen um sieben Uhr erreicht. „Seither kann ich nicht aufhören zu lächeln.“ Dieser Donnerstag, der 733. Tag nach Kriegsbeginn, sei „ein ganz besonderer Tag“.
Der Plan
Israels Armee zieht sich nach Freilassung der Geiseln so weit zurück aus dem Gazastreifen, dass sie nur noch die Hälfte der Enklave besetzt hält. Damit sind Chan Yunis, Deir al-Balah und Gaza-City frei.
Mehrere Hunderttausend Vertriebene aus Gazas Norden sollen wieder zurückkehren können – aber nicht alle dorthin, wo sie vor dem Krieg wohnten.
Sobald eine internationale „Stabilisierungstruppe“ in Gaza den Wiederaufbau absichert, ziehen sich die Israelis weiter zurück.
Auf unbestimmte Zeit hält Israel eine knapp einen Kilometer tiefe Pufferzone innerhalb der internationalen Grenzen des Gazastreifens besetzt, abhängig von der Entwaffnung der Hamas und der Absicherung vor terroristischen Attacken. FR
Der zentrale Ort des Geschehens an diesem besonderen Tag ist der Platz der Geiseln in Tel Aviv. Wie der Platz hieß, bevor der Horror des 7. Oktober alles veränderte und der lange, zähe Kampf um die Rückkehr der Verschleppten begann, weiß heute kaum jemand mehr.
In Tel Aviv wird Donald Trumps Deal gefeiert – Hamas soll „sehr bald“ alle Geiseln übergeben
Aus allen Ecken des Landes strömen die Menschen nach Tel Aviv, um mit den Familien der Geiseln zu feiern. Schon „sehr bald“ werde die Hamas sämtliche Geiseln an Israel übergeben, hatte US-Präsident Donald Trump zuvor angekündigt. Nach intensiven Verhandlungen hätten Israel und die Hamas zugestimmt, die erste Etappe seines Plans für ein Kriegsende in Gaza umzusetzen. Am Nachmittag folgt die Bestätigung, dass die Regierung dieser ersten Etappe nun offiziell zugestimmt hat. Danach die, dass auch die Hamas zugestimmt hat. Das bedeutet: Israels Armee zieht sich auf rund fünfzig Prozent der Fläche des Gazastreifens zurück, die Hamas übergibt alle Geiseln an Israel. Im Gegenzug muss Israel 3700 festgehaltene Palästinenser:innen freilassen – darunter 250 zu lebenslänglicher Haft verurteilte Terroristen. Nur der 66-jährige Palästinenserführer Marwan Barghuti bleibt weiter in Haft.
Wer an diesem Donnerstag nicht in Tel Aviv am Geiselplatz ist, sieht sich Livestreams von dort auf dem Handy an. Überall, im Zug, im Autobus, hinterm Steuer im Stau: Israel feiert, vor Ort oder remote. Auf Instagram gehen kurze Reels von Geiselangehörigen viral. „Matan und Matan sind auf dem Weg nach Hause!“, jubeln Einav Zangauker und Anat Angrest, deren Söhne – beide heißen Matan – am 7. Oktober verschleppt wurden. Die beiden Mütter sind in den vergangenen zwei Jahren zu Leitfiguren des Protests für die Rückkehr der Geiseln geworden. Auf dem kurzen Video, das noch vor Tagesanbruch aufgenommen wurde, sieht man sie zum ersten Mal seit zwei Jahren mit lachenden Gesichtern. Erleichtert fallen sie einander in die Arme.
Im Fernsehstudio wird getanzt: Freude über Trumps Gazadeal in Israel
Alle Fernsehkanäle haben Kamerateams und Reporter zum Geiselplatz geschickt, sie sollen die Stimmung einfangen. Doch die Stimmung fängt die Medienleute ein, und als das TV-Studio zum Geiselplatz schaltet, ist der Journalist schon schwitzender Teil einer Gruppe, die im Kreis tanzt und auf und ab hüpft. „So, jetzt tanzen wir auch“, reagiert die Studiomoderatorin, an deren rundem Tisch sich schon die Studiogäste versammelt haben.
Der Titel der Sondersendung im öffentlichen Fernsehen ist „Habaita“ – „nach Hause“. Immer wieder werden Eltern der noch lebenden Geiseln interviewt. Sie werden gefragt, was sie zu ihren Kindern sagen werden, wenn sie sie umarmen. Was sie ihnen kochen werden, wenn sie nach zwei Jahren Folter zurückkehren. „Ein gutes Asado, so wie es sich gehört“, sagt Yitzik Horn, Vater der argentinisch-israelischen Geisel Eitan Horn. Als das Interview zu Ende ist, sagt die Moderatorin: „Yitzik, wir lieben dich“.
Israel ist ein kleines Land, und es ist ein besonders kleines Land, wo zusammen getrauert oder gefeiert wird. Die Menschen rücken zusammen, Wildfremde umarmen einander, teilen eine Flasche Arak, mitten am Vormittag. Die Risse, die sich durch die Gesellschaft ziehen, werden an diesem Tag verdrängt. Die, die sie nicht verdrängen können, etwa weil sie Familienangehörige in Gaza verloren haben, müssen ihre Worte mit Bedacht wählen: „Es gibt Mütter, die ihre Kinder wieder umarmen werden, mit Tränen in den Augen, und es gibt Mütter mit Tränen in den Augen, die ihre Kinder nie mehr umarmen werden“, schreibt Ahmad Tibi, israelisch-arabischer Knessetabgeordneter, auf X. Tibi hat 13 Angehörige in Gaza verloren.
In Israels Gefängnissen sitzen auch unschuldige Palästinenser
Wer Tibis Tweet liest und ihn kennt, ahnt, dass er mit den Müttern, die ihre Kinder umarmen werden, auch die junger Palästinenser meint, die dann freigelassen werden. Als der Abgeordnete Ayman Odeh dies im Zuge des letzten Geiseldeals jedoch offen aussprach, hätte ihn das um ein Haar seinen Sitz im Parlament gekostet. Es gilt als nicht legitim, im Nachhall des Horrors vom 7. Oktober auch daran zu erinnern, dass in Israels Gefängnissen nicht nur schuldige Palästinenser:innen sitzen.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Wahre Freudenfeiern brachen am frühen Donnerstagmorgen auch im Gazastreifen aus. Die Aussicht auf Waffenruhe, auf die Rückkehr in jene nördlichen Gebiete, aus denen die Familien vertrieben worden waren, ließ viele in Tänze ausbrechen. Muhammad, der in der stark überfüllten Flüchtlingszone von Al-Mawasi ausharrt, kann es kaum erwarten, wieder nach Gaza-Stadt zurückzukehren: „Ich werde einer der Ersten sein, die sich auf den Weg machen“, verspricht er. Zwar laste alles, was in den vergangenen zwei Jahren in Gaza geschehen ist, schwer auf ihm, sagt der Mittfünfziger. „Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, Gaza ist ein riesiger Haufen Schutt.“ Die Aussicht auf ein Ende der Kämpfe sei aber in sich schon „ein riesiger Schritt“.
Ein Schritt, den zumindest ein Israeli nicht mitgehen wird: Der rechtsextreme Minister Bezalel Smotrich verweigerte seine Zustimmung und die seiner Partei zu dem Abkommen. Jetzt zu feiern, sei „kurzsichtig“: Wenn Israels Gefängnisse sich leerten, würde das „Ströme jüdischen Blutes“ nach sich ziehen.
Die Täter des 7. Oktober bleiben weggesperrt – Leichen getöteter Hamas-Führer bleiben in Israel
Binnen 72 Stunden nach Inkrafttreten des Waffenstillstands sollen die 20 noch lebenden Geiseln übergeben werden, voraussichtlich bis Sonntagabend. Am Montag soll dann die Überstellung der 28 verstorbenen Geiseln beginnen. Die Hamas hat erklärt, nicht über den Aufenthaltsort aller toten Geiseln Bescheid zu wissen. Es könnte also länger dauern, bis die erste Etappe des Deals erfüllt ist. Israel hat zugesagt, für jede überstellte tote israelische Geisel 15 tote Palästinenser:innen zu übergeben, die bis jetzt als Faustpfand festgehalten worden waren.
Laut israelischen Medien finden sich unter den freizulassenden Palästinensern keine Täter des 7. Oktober. Die Leichen der toten Hamas-Führer Yahya Sinwar und Mohammad Sinwar verbleiben in Israel.