Sahra Wagenknecht gilt als Freundin Russlands. Nun hat sie dem Kreml offenbar willkommene Schlagzeilen geliefert - wenn auch per verbotenem Medium.
Moskau/Berlin - Die Staatsagentur Tass mit ihrem englischsprachigen Angebot ist in Zeiten des Ukraine-Kriegs ein Sprachrohr Russlands gen Westen: Viel Propaganda ist hier zu lesen. Aber eben auch ein kompakter Überblick über die Welt, wie sie der Kreml gerne sähe. Offizielle Bestätigungen und Dementis inklusive.
Protagonisten sind dabei immer wieder: Wladimir Putin und sein Sprecher Dmitri Peskow, Sergej Lawrow und seine Sprecherin Maria Sacharowa - oder Dmitri Medwedew, Putins Mann fürs rhetorische Grobe. Auch Militärgerät, Uniformen, Diplomaten des Kreml, alte Bekannte wie Alexander Lukaschenko oder verkniffene Gesichter westeuropäischer Spitzenpolitiker sind häufiger zu sehen. Freundlich dreinblickende Bundestagsabgeordnete dafür eher selten.
Sahra Wagenknecht hat am Mittwochabend (9. August) aber ihren Auftritt bei tass.com bekommen. Samt Porträt-Foto. Am Donnerstagnachmittag prangte Wagenknecht weiterhin auf der Startseite. Zwischen einer Explosion in einer russischen Fabrik und einem mit russischen Fähnchen schwenkenden Menschen bebilderten Bericht zur Lage in Niger. Ebenfalls in Sichtweite: Ein russisches Verhandlungsangebot für den Fall eines Stopps ukrainischer „Feindseligkeiten“. Auch der Propaganda-Kanal RT DE packte zeitgleich mit Wagenknecht eine deutsche Abgeordnete ohne besondere Partei- oder Parlamentsämter in den Homepage-Aufmacher.
Wagenknecht erfreut Putins Russland: Tass und RT setzen einfache Abgeordnete oben auf die Agenda
Moskau hat also offenbar sehr gerne vernommen, was Wagenknecht am Mittwoch auf ihrer Facebook-Seite kundtat: Die Noch-Linke forderte auf Sicht ein Ende der Waffenlieferungen der Bundesregierung an die Ukraine - der Gegenoffensive Kiews sprach Wagenknecht den Sinn ab.
„Seit einigen Wochen schon läuft die ukrainische Sommeroffensive. Doch was hat sie bislang gebracht, außer vielen Toten und Zerstörung auf beiden Seiten?“, fragte Wagenknecht rhetorisch - wobei die Frage womöglich sogar noch besser auf den gesamten Ukraine-Krieg zu münzen wäre. Bislang habe die Ukraine noch nicht einmal die erste russische Verteidigungslinie durchbrochen, erklärte Wagenknecht - übrigens unter Berufung auf einen CNN-Bericht.
Tass zitierte nüchtern auch aus Passagen, in denen Wagenknecht die US-Lieferungen von Streumunition an die Ukraine rügte - und behauptete, der Westen habe Anfang 2022 Kompromissgespräche zwischen Moskau und Kiew torpediert. Der Krieg sei militärisch nicht zu beenden, erklärte Wagenknecht und lieferte damit die Überschrift für den russischen Agenturbericht.
„Statt die Ukraine endlos mit Waffen zu beliefern, sollte die Bundesregierung endlich auf einen Waffenstillstand und Verhandlungen über einen Kompromissfrieden drängen!“, hatte Wagenknecht in ihrem Post gefordert. Das Partei-Logo der Linken verwendete sie dabei übrigens nicht - wie auch schon in vorangegangenen Posts. Allerdings setzte Wagenknecht ihren Namen im zugehörigen Foto deutlich erkennbar in die Design-Vorlage der Partei. Zuletzt hatten Wagenknechts Gedankenspiele über eine Parteineugründung wieder für handfesten Linke-Streit gesorgt.
Ukraine-Gegenoffensive: Wagenknecht stimmt Abgesang an - Experten fürchten „Spaltung“ im Westen
Neu sind Wagenknechts Thesen zum Ukraine-Krieg indes bestenfalls teilweise. Friedensgespräche hatte die streitbare Linke-Abgeordnete bereits im Winter gemeinsam mit Alice Schwarzer gefordert - und schon damals Russlands Rolle als Aggressor weitgehend ausgeblendet. Inwieweit Wagenknechts Einschätzung zur Gegenoffensive der Ukraine zutrifft, ist aktuell auch unter Fachleuten umstritten.
Die bisherigen Fortschritte gelten zwar fast unisono als enttäuschend; nicht nur die Washington Post attestierte getrübte Stimmung angesichts der Lage an der Front. Die US-amerikanische Denkfabrik „Institute for the Study of War“ sah die Ukraine allerdings Anfang August „immer noch im Vorteil“ und den Ausgang der Gegenoffensive offen. Frustration sei in solchen Phasen des Krieges „normal“. Andere Stimmen forderten wegen der Schwierigkeiten weitere Waffen-Unterstützung für die Ukraine. Positive Schlagzeilen gab es zuletzt in Form eines kolportierten Vorstoßes der Ukraine über den Dnipro im Gebiet Cherson.
Wagenknecht ganz oben in Putins Medien - ihr Facebook-Post ist aber eigentlich verbotenes Material
Ihren russischsprachigen Leserinnen und Lesern servierte Tass am Donnerstag Wagenknecht übrigens nicht im oberen Bereich der Homepage - über die Gründe kann nur spekuliert werden. Womöglich hilft ihr Gesicht aber vor allem in der Kommunikation gen Westen. Oder ist in Russland nicht von Interesse. Ein weiterer Treppenwitz des Berichts: Tass musste erklären, dass Wagenknechts Statement von Russland aus online nicht als Erstquelle zugänglich ist: Facebook ist in Russland seit März 2022 gesperrt, da Eigentümer Meta als „extremistische Organisation“ gebrandmarkt ist.
Was die Frage aufwarf, wie die Staats-Journalisten eigentlich an Wagenknechts Facebook-Statement gekommen waren. Freundliche Stimmen auf vermeintlichem Feind-Propagandakanal - da wird es unübersichtlich. Ähnliche, wenngleich nicht gar so drastische Konstellationen kann es freilich auch in umgekehrter Richtung geben. Im Westen liest man interessiert Telegram-Feeds ultranationalistischer Kriegsbefürworter aus Russland, beispielsweise den des mittlerweile inhaftierten Hardliners Igor „Strelkow“ Girkin. Verboten ist das allerdings nicht. Anders als der Konsum westlicher Medien in Russland.