Meinungsfreiheit gefährdet

Wahlen in Südkorea: Bedenkliche Entwicklung für die Demokratie

Ist die Demokratie gefährdet? Kurz vor den Wahlen in Südkorea bewegt sich die Politik in Richtung einer Autokratie.

Seoul – Am 10. April finden in Südkorea die Wahlen zur 22. Nationalversammlung statt. Bei dieser Richtungswahl geht es um viel, da der rechtskonservative Präsident Yoon Suk-yeol mit seiner People Power Party (PPP) nach knapp zwei Jahren im Amt die Parlamentsmehrheit der oppositionellen Democratic Party (DP) brechen muss, um vollends durchregieren zu können.

Regierung und Opposition führen seit Monaten hauptsächlich einen Negativwahlkampf, der zusammen mit dem abenteuerlichen Massenopportunismus so gut wie keinen Platz für Inhalte und Zivilität lässt. Dabei war Südkorea bis vor kurzem noch ein internationaler Hoffnungsträger der Demokratie. Weltweit stehen 2024 noch weitere Wahlen an, die die Demokratie gefährden könnten.

Nach der Amtsenthebung der korrupten rechtskonservativen Präsidentin Park Geun-hye 2017 lobte die internationale Presse Südkorea als Hort der modernen Demokratie, den Bürgerinnen und Bürgern Südkoreas wurde der FES-Menschenrechtspreis verliehen für ihr Engagement bei den Massendemos 2016/17 und selbst die Politikwissenschaft machte nach 1987 erneut einen großen Vermerk auf der Landkarte der Demokratieforschung.

Stärkung von Südkoreas Demokratie blieb aus

Die Ernüchterung ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Der nachfolgende liberale Präsident Moon Jae-in (2017-2022) sammelte zwar die Scherben der vergangenen zehn Jahre unter rechtskonservativen Regierungen zusammen und flickte noch das Nötigste. Einen entscheidenden Beitrag zur nachhaltigen Stärkung der Demokratie leistete seine Regierung jedoch nicht.

Die Stimmabgabe für Koreaner, die im Ausland leben, läuft bereits.

Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass es nach dem Amtsantritt des rechtskonservativen Yoon nun wieder ein ernstes Demokratieproblem gibt. Es folgt dem Muster, nach dem die demokratischen Errungenschaften liberaler Regierungen unter den nachfolgenden rechtskonservativen Regierungen wieder rückgängig gemacht werden.

Der vor Kurzem erschienene Demokratie-Bericht des schwedischen Forschungsinstituts V-DEM bestätigte die jüngste dieser rechtskonservativen Dellen im Demokratie-Index. Demnach zählt Südkorea nun zur Gruppe der „autokratisierenden Länder“, also Staaten wie Kambodscha, Indonesien oder Myanmar, in denen sich die Demokratiequalität „substantiell zurückgebildet“ hat. Die Werte aller vier Hauptindizes – Freiheit, Gleichheit, Partizipation und Wahlen – sind auf das Niveau während der Park-Regierung (2013-2017) oder noch tiefer gefallen; vor allem bei der Meinungs- und Pressefreiheit tun sich Abgründe auf.

Amtsinhaber: Südkoreas Präsident Yoon Suk-yeol

Südkorea gehört zwar immer noch zur Kategorie der liberalen Demokratien, steht aber mit einem Bein fast schon im Bereich der „elektoralen Autokratie“, in der zwar Parteienvielfalt gewährt wird, es aber an fundamentalen demokratischen Bedingungen mangelt wie Meinungs- und Assoziationsfreiheit sowie freien und fairen Wahlen.

Geändertes Verhältniswahlgesetz in Südkorea

Nach dem vor vier Jahren (noch unter dem liberalen Moon) geänderten Verhältniswahlgesetz werden seither die Listenmandate nicht nur anhand des erhaltenen Stimmenanteils, sondern zusätzlich relativ zur Anzahl der gewonnen Wahlkreismandate einer Partei vergeben. Eigentlich sollte damit kleineren Parteien größere Erfolgschancen gegeben werden, da sie typischerweise weniger Wahlkreismandate erringen.

Jedoch hat nicht nur die rechtskonservative PPP, sondern auch die liberale DP diesen Koppel-Mechanismus gezielt ausgehebelt, indem sie Satellitenparteien gründete. Diese Schein-Parteien bewerben sich dann nur für Listenmandate und verschmelzen nach der Wahl wieder mit der Mutterpartei, die ihrerseits nur Wahlkreiskandidatinnen und -kandidaten ins Rennen schickt.

Nichts mehr wie zuvor - ein außenpolitischer Rückblick

Januar: Geschichte ist zuerst immer Tragödie, danach nur Farce. Die Gefolgschaft des geschassten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro versucht eine Kopie des Trump-Putsches 2021, stürmt die Hauptstadt Brasilia und scheitert kläglich. Aber man sieht mal wieder die Prachtbauten Oscar Niemeyers. rut/Bild:Sergio Lima/AFP
Januar: Geschichte ist zuerst immer Tragödie, danach nur Farce. Die Gefolgschaft des geschassten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro versucht eine Kopie des Trump-Putsches 2021, stürmt die Hauptstadt Brasilia und scheitert kläglich. Aber man sieht mal wieder die Prachtbauten Oscar Niemeyers.  © AFP
Seit April: Finnland ist das 31. Mitglied der Nato – Putin und seiner Invasion der Ukraine sei’s gedankt. Damit beendet Helsinki seine Neutralität und wird westlich. Die finnische Marine läuft dann im November zum „Freezing Winds“-Manöver mit ihren neuen Kameradinnen und Kameraden in die Ostsee aus. rut/Bild: Imago Images
Seit April: Finnland ist das 31. Mitglied der Nato – Putin und seiner Invasion der Ukraine sei’s gedankt. Damit beendet Helsinki seine Neutralität und wird westlich. Die finnische Marine läuft dann im November zum „Freezing Winds“-Manöver mit ihren neuen Kameradinnen und Kameraden in die Ostsee aus.  © IMAGO/Lehtikuva
Mai: So stellt sich Recep Tayyip Erdogan die Zukunft der muslimischen Welt vor – Somalis feiern die Wiederwahl des türkischen Präsidenten. Merke: Die Freudenfeiern in Mogadischu hat die somalische Regierung organisiert. Erdogan kann nun an seiner „osmanischen“ Renaissance weiterarbeiten. rut/Bild: Hassan Ali Elmi/AFP
Mai: So stellt sich Recep Tayyip Erdogan die Zukunft der muslimischen Welt vor – Somalis feiern die Wiederwahl des türkischen Präsidenten. Merke: Die Freudenfeiern in Mogadischu hat die somalische Regierung organisiert. Erdogan kann nun an seiner „osmanischen“ Renaissance weiterarbeiten.  © AFP
Juni: Söldnerunternehmer Jewgenij Prigoschin will seine „Loyalität zu Putin“ bekunden und inszeniert einen Putsch seiner „Wagner“-Truppe. Im letzten Augenblick wird er ins Exil nach Belarus abgelenkt. Im August stürzt er mit einem Flugzeug ab, seitdem verehrt man in Moskau sein Andenken. rut/Bild: NATALIA KOLESNIKOVA/AFP
Juni: Söldnerunternehmer Jewgenij Prigoschin will seine „Loyalität zu Putin“ bekunden und inszeniert einen Putsch seiner „Wagner“-Truppe. Im letzten Augenblick wird er ins Exil nach Belarus abgelenkt. Im August stürzt er mit einem Flugzeug ab, seitdem verehrt man in Moskau sein Andenken.  © AFP
August: Die Freude in Gabun ist riesig, als das Militär die Herrscherdynastie Bongo nach fast 56 Jahren an der Macht endlich wegputscht. Vor Gabun wurde im Niger geputscht, davor in Mali, davor in der Zentralafrikanischen Republik. Besser wird das Leben unter den neuen Mächtigen in Tarnfarben aber nicht. rut/Bild: Afp
August: Die Freude in Gabun ist riesig, als das Militär die Herrscherdynastie Bongo nach fast 56 Jahren an der Macht endlich wegputscht. Vor Gabun wurde im Niger geputscht, davor in Mali, davor in der Zentralafrikanischen Republik. Besser wird das Leben unter den neuen Mächtigen in Tarnfarben aber nicht.  © AFP
September: Die prekäre Lage der armenischen Enklave Berg-Karabach in Aserbaidschan endet innerhalb eines Tages mit Waffengewalt. Nach dem Sieg der Aseris im „Drohnenkrieg“ im September 2020 war das fast schon zu erwarten. Die 120 000 dort Ansässigen ergreifen die Flucht nach Armenien. rut/bild: ALAIN JOCARD/AFP
September: Die prekäre Lage der armenischen Enklave Berg-Karabach in Aserbaidschan endet innerhalb eines Tages mit Waffengewalt. Nach dem Sieg der Aseris im „Drohnenkrieg“ im September 2020 war das fast schon zu erwarten. Die 120 000 dort Ansässigen ergreifen die Flucht nach Armenien.  © AFP
Seit Oktober: Israelische Reservistinnen und Soldaten, Frauen und Männer nehmen am 7. November, einen Monat nach den Angriffen der Terrororganisation Hamas auf den Süden des Landes, an einer von Kerzen beschienenen Mahnwache auf dem Kikar Dizengoff in Tel Aviv teil. Die Massaker, bei denen um die 1200 Menschen getötet wurden, versetzen das Land in einen Schockzustand, von dem es sich nur langsam löst. Während man sich weitestgehend einig ist, dass die Hamas nicht mehr länger hingenommen werden kann, melden sich auch immer mehr Stimmen, die der Regierung Netanjahu Versagen aus eigenem Interesse vorwerfen. rut/Bild: JACK GUEZ/AFP
Seit Oktober: Israelische Reservistinnen und Soldaten, Frauen und Männer nehmen am 7. November, einen Monat nach den Angriffen der Terrororganisation Hamas auf den Süden des Landes, an einer von Kerzen beschienenen Mahnwache auf dem Kikar Dizengoff in Tel Aviv teil. Die Massaker, bei denen um die 1200 Menschen getötet wurden, versetzen das Land in einen Schockzustand, von dem es sich nur langsam löst. Während man sich weitestgehend einig ist, dass die Hamas nicht mehr länger hingenommen werden kann, melden sich auch immer mehr Stimmen, die der Regierung Netanjahu Versagen aus eigenem Interesse vorwerfen.  © AFP
Dezember: Nikki Haley mag so chancenlos wie die ganze republikanische Konkurrenz Donald Trumps sein. Aber wenigstens stellt die einzige Frau im Verfolgerfeld – ehedem UN-Botschafterin von Trumps Gnaden – sich klar gegen den Mann, der für seinen Wahlsieg 2024 schon eine Diktatur angekündigt hat. rut/bild:Sophie Park/AFP
Dezember: Nikki Haley mag so chancenlos wie die ganze republikanische Konkurrenz Donald Trumps sein. Aber wenigstens stellt die einzige Frau im Verfolgerfeld – ehedem UN-Botschafterin von Trumps Gnaden – sich klar gegen den Mann, der für seinen Wahlsieg 2024 schon eine Diktatur angekündigt hat.  © Getty Images via AFP

Außerdem gestalten die beiden großen Parteien ihre parteiinterne Kandidatenaufstellung so, dass zu einem Großteil nur Loyalisten der Parteiführung zum Zuge kommen. Mit anderen Worten, die beiden Platzhirsche sichern sich ihr duales Parlamentsmonopol, indem sie die verfassungsrechtlichen Prinzipien des Parteienpluralismus und der innerparteilichen Demokratie praktisch so weit aushöhlen, dass die Wählerinnen und Wähler genötigt sind, entweder für die schlechten oder die weniger schlechten Demokraten im Parlament zu stimmen.

Südkoreanische Politik steht vor Herausforderungen

Die kurzfristige Herausforderung ist, eine rechtskonservative Mehrheit im Parlament zu verhindern, weil sich sonst die Delle in der südkoreanischen Demokratie zu einem schwarzen Loch auswachsen könnte. Die langfristige Herausforderung ist, sicherzustellen, dass die politischen Institutionen nicht nur ordentlich reformiert werden, sondern die Verfassung und das Wahlgesetz auch in der Praxis umgesetzt werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass die südkoreanische Gesellschaft auch diese Herausforderung so gut meistert wie in der Vergangenheit.

Hannes B. Mosler forscht und lehrt zu Politik und Gesellschaft Koreas an der Universität Duisburg-Essen.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Yonhap News

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