VonNils Thomas Hinsbergerschließen
Hat die israelische Regierung Warnungen vor dem Überfall der Hamas aufgrund von Sexismus ignoriert? Die Soldatinnen sind sicher: Wären sie Männer, „wären die Dinge anders gelaufen.“
Tel Aviv – Mindestens drei Monate vor dem Angriff der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober, hätten Mitglieder des von Frauen geführten Aufklärungstrupps vor kämpferischen Aktivitäten entlang der Grenze nach Gaza berichtet. Die Soldatinnen sind direkt an der israelisch-palästinensischen Grenze stationiert – trotzdem seien sie von hohen Militärs ignoriert worden.
Hamas übte mit Drohnen an Grenze zu Israel – „keine 300 Meter“ von den Soldatinnen entfernt
Die Überwachungssoldatinnen berichteten vor dem Krieg in Israel regelmäßig von Übungen der Hamas-Kämpfer an der Grenze zu Israel. „Sie fingen an, jeden Tag Drohnen zu senden, manchmal mehrmals am Tag, direkt an die Grenze“, sagt eine der Soldatinnen der Haaretz daily. Die Drohnen seien zeitweise nur noch „300 Meter vom Zaun entfernt“ gewesen „und manchmal weniger als das“.
Die Kampfübungen hätten schon eineinhalb Monate vor dem Krieg zwischen Israel und der Hamas begonnen. „Sie hatten ein exaktes Modell eines Beobachtungspostens, wie wir ihn verwenden, errichtet“, berichtet eine Soldatin. Auch Angriffe auf gepanzerte Fahrzeuge, mithilfe einer genauen Nachahmung des israelischen Kampfpanzers Merkava 4, wurden trainiert. Außerdem hätten Hamas-Kämpfer Sprengsätze in Löchern entlang der Grenze platziert, gaben weitere Soldatinnen an.
Aufklärungs-Soldatinnen „von Armee im Stich gelassen“
Nicht nur, dass die Warnungen der Frauen ignoriert wurden, sie selbst hatte die israelische Armee am Tag des Angriffs der Hamas nicht informiert. „Es macht wütend! Wir sahen, was passierte, wir haben ihnen davon berichtet und wir waren diejenigen, die ermordet wurden“, sagt Maya Desiatnik im Interview mit dem israelischen Sender Kan.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Einer der Gründe, weshalb die Aufklärungs-Soldatinnen ignoriert wurden, war wohl, dass ihre Berichte nicht „das Narrativ erfüllten, die Hamas habe sich als revolutionäre Bewegung entwickelt und werde institutionalisierter und pragmatischer“, sagt der Abteilungsleiter für palästinensische Angelegenheiten des israelischen Verteidigungsgeheimdiensts, Michael Milshtein. Für die Soldatinnen steht fest: „Wären die Soldaten männlich gewesen, wären die Dinge anders gelaufen.“
Militär hat bei Warnungen vor Hamas „versagt“
Mahlstein wirft Netanjahu nicht nur vor, die Hamas falsch eingeschätzt zu haben, sondern auch Finanzierungen durch Katar erlaubt zu haben. Das Narrativ hält Milshtein für weit in die „oberen Ränge der israelischen Politik“ verbreitet. Auch hochrangige Militärs und Geheimdienstler hätten diese Einstellung unterstützt.
Am Ende steht die Frage der Schuld. Israels Militär- und Geheimdienstchefs haben die Vorwürfe, Warnungen vor der Hamas ignoriert zu haben, weitestgehend bestätigt. „Wir haben bei unserer wichtigsten Aufgabe versagt“, sagte der General Aharon Haliva in einem offenen Brief. Im Gegensatz dazu hat sich Ministerpräsident Benjamin Netanjahu noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Gegenüber CNN gab er an, man wolle zunächst „das Land unter einem Ziel einen: den Sieg zu erringen.“
Nur Soldatinnen im Aufklärungstrupp
Der israelische Aufklärungstrupp ist eine rein weibliche Organisation. Sie werden auch als „Augen der Armee“ beschrieben und überwachen die Grenze nach Gaza mithilfe von Kameras und Sensoren. So haben die Soldatinnen eine Strecke von 15 bis 30 Kilometer Land permanent im Blick.
Beim Überfall der Hamas auf Israel wurden 15 Frauen des Aufklärungstrupps in der Nahal Oz-Basis getötet. Sieben weitere wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt – eine der entführten Frauen wurde mittlerweile von der israelischen Armee befreit. (nhi)
Rubriklistenbild: © MENAHEM KAHANA / AFP


