Möglicher „Luftwaffenstillstand“

Was ein Ende des Ukraine-Kriegs für Putin bedeuten würde und wie er sich darauf vorbereitet

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Ein möglicher „Luftwaffenstillstand“ könnte Putins Nachkriegsstrategie einläuten. Russland bereitet sich wohl bereits auf das Ende des Ukraine-Kriegs vor.

Moskau – US-Präsident Donald Trump und Wladimir Putin planen, bei ihrem offiziellen Treffen im US-Bundesstaat Alaska über Wege zur Beendigung des Ukraine-Konflikts zu sprechen. Bei diesen Gesprächen könnte ein sogenannter „Luftwaffenstillstand“ zur Sprache kommen, bei dem sowohl russische Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte als auch ukrainische Attacken auf russische Energieanlagen unterbrochen würden.

Während die Welt auf ein mögliches Ende des Ukraine-Krieges infolge des Putin-Trump-Treffens blickt, bereitet sich der Kreml möglicherweise bereits strategisch auf die Nachkriegszeit vor. Wie der Journalist Maxim Trudoljubow für das internationale russische Nachrichtenportal Meduza analysiert, transformiert Moskau aktuell präventiv sein Herrschaftssystem. Denn ein Kriegsende würde das russische Regime vor fundamentale Herausforderungen stellen.

Trump und Putin: Die Geschichte ihrer Beziehung in Bildern

Wandbild Putin Trump Litauen
Einen besseren US-Präsidenten als Donald Trump kann sich Kremlchef Wladimir Putin gar nicht wünschen: So könnte dieses Wandbild in der litauischen Hauptstadt Vilnius interpretiert werden. Bemerkenswert: Es ist eine Aufnahme aus dem Mai 2016, als Trump nicht gar nicht im Amt war. Offenbar schwante den Menschen in Litauen schon damals Böses. © Petras Malukas/AFP
Trump telefoniert mit Putin
Trump hat seit Jahren einen guten Draht zu Putin. Am 28. Januar 2017 telefonierte er im Oval Office des Weißen Hauses zum ersten Mal mit dem russischen Präsidenten. © Mandel Ngan/AFP
Wachsfiguren von Trump und Putin
Schon damals standen sie sich auch in Wachsfigurenkabinetten nahe, so auch in Sofia (Bulgarien). © Valentina Petrova/dpa
G20-Gipfel - Trump trifft Putin
Das erste persönliche und extrem heikle Treffen mit Putin wickelte Trump beim G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 unfallfrei ab. Im Kreml wie im Weißen Haus herrschten anschließend Optimismus und Zufriedenheit.  © Evan Vucci/dpa
G20 Summit - Demonstration
Aktivisten von Oxfam standen dem G20-Gipfel kritisch gegenüber. Mit ihrer Aktion wollten sie auf den Abzweig zwischen mehr sozialer Ungleichheit und weniger Armut hinzuweisen. Sie trugen Masken von Theresa May, Donald Trump, Shinzō Abe, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Justin Trudeau, Wladimir Putin, und Jacob Zuma. © Michael Kappeler/dpa
G20-Gipfel - Trump trifft Putin
„Der Fernseh-Trump unterscheidet sich sehr vom realen Menschen,“ sagte Putin nach dem G20-Gipfel in Hamburg vor der Presse über seinen US-Kollegen Donald Trump. © Steffen Kugler/dpa
Apec-Gipfel in Vietnam
Ein zweites Mal trafen sich Trump und Putin am Rande des Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) im vietnamesischen Da Nang. © dpa
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam
Beide Präsidenten stimmten damals überein, dass das Verhältnis ihrer Länder nicht gut sei. Putin sah weiter eine tiefe Krise. Russland sei aber bereit, „eine neue Seite aufzuschlagen, vorwärtszugehen, in die Zukunft zu schauen“. © Mikhail Klimentyev
Trump Putin Da Nang
„Wenn wir ein Verhältnis zu Russland hätten, das wäre eine gute Sache“, sagte Trump. Sein persönliches Verhältnis zu Putin sei gleichwohl in sehr gutem Zustand, obwohl man sich nicht gut kenne. © Jorge Silva/AFP
Helsinki-Gipfel
Im Juli 2018 kamen Trump und Putin in Helsinki zu ihrem ersten offiziellen Gipfel zusammen.  © Heikki Saukkomaa/dpa
USA Ausstieg aus INF-Abrüstungsvertrag
Sie begrüßten sich mit einem kurzen, doch kräftigen Händedruck. „Es ist an der Zeit, detailliert über unsere bilateralen Beziehungen zu sprechen und über die schmerzhaften Punkte auf der Welt. Davon gibt es sehr viele“, sagte Putin. Trump betonte: „Die Welt möchte, dass wir miteinander auskommen.“ © Alexander Zemlianichenko/dpa
Helsinki
Während des Gipfeltreffens gingen in Helsinki mehrere Hundert Menschen aus Protest auf die Straßen. Dabei machten sie auf eine Reihe von Missständen aufmerksam.  © Joonas SaloIlta-Sanomat/Imago
Melania Trump
Auch First Lady Melania Trump war in Helsinki mit von der Partie. © Alexei Nikolsky/AFP
Trump und Putin
Trump äußerte sich hinterher zufrieden über sein Treffen mit Putin: „Der Dialog ist sehr gut verlaufen“, sagte er bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Putin. „Ein produktiver Dialog ist nicht nur gut für die Vereinigten Staaten und Russland, sondern für die Welt.“ © Brendan Smialowski/AFP
Proteste gegen Treffen von Trump und Putin
Derweil protestierten die Menschen auch im fernen Washington, D.C., gegen das Treffen. Unter anderem hielt eine Frau vor dem Weißen Haus ein Schild in die Höhe, auf dem die beiden Präsidenten karikiert waren.  © Andrew Harnik/dpa
100. Jahrestag Waffenstillstand Erster Weltkrieg
Im November 2018 nahmen Trump und Putin an einer Gedenkfeier anlässlich des Endes des Ersten Weltkriegs in Paris teil. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lud damals zum Spitzentreffen ein. © Ludovic Marin/AFP
Erster Weltkrieg - Waffenstillstand 1918
Auch vor Ort waren First Lady Melania Trump (links), die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und Brigitte Macron, die Ehefrau des französischen Präsidenten. © Francois Mori/dpa
Beginn des G20-Gipfels
Kurz danach trafen Trump und Putin beim G20-Gipfel in Buenos Aires erneut aufeinander. © Ralf Hirschberger/dpa
G20-Gipfel in Argentinien
Die Gespräche wurden von der Eskalation zwischen Russland und der Ukraine um einen Seezwischenfall vor der Krim überschattet. Deshalb sagte Trump ein direktes Treffen mit Putin am Rande des Gipfels kurzfristig ab.  © dpa
Japan, Osaka
Im Juni 2019 trafen Trump und Putin beim G20-Treffen im japanischen Osaka zusammen. © Imago
Osaka 2019
Trump wurde dabei von einem Reporter angesprochen, ob er Putin bei ihrem gemeinsamen Treffen auch sagen werde, dass sich der Kremlchef nicht in die US-Wahlen einzumischen habe. Trump beugte sich zu Putin und sagte: „Mische Dich nicht in unsere Wahlen ein“ – ein Lächeln glitt dabei über Trumps Gesicht. Die Aktion war allerdings nicht ganz ernst gemeint. © Brendan Smialowski/AFP
Osaka 2019
Trump nannte das Verhältnis zu Putin „sehr, sehr gut“.  © Brendan Smialowski/AFP
Trump Putin
Am Ende seiner ersten Amtszeit musste sich Trump wegen Machtmissbrauchs und Behinderung der Ermittlungen im Senat verantworten. Hintergrund war die sogenannte Ukraine-Affäre. Viele Menschen in den USA sahen Trump als Verräter – und Putin als Feind. © Olivier Douliery/AFP
Ukrainekrieg - Anti-Kriegsprotest in New York
Im Januar 2025 kam Trump zum zweiten Mal an die Macht. Im Ukraine-Krieg stellte er sich auf die Seite von Putin. Das rief Proteste hervor. Auch am Times Square in New York galt: Trump ist ein Verräter. © Adam Gray/dpa
Trump Putin
Trump sucht dennoch weiter die Nähe zu Putin. Nach offiziellen Angaben haben beide im Februar 2025 ein erstes Mal miteinander telefoniert, seit der US-Präsident wieder im Amt ist. Vor dem zweiten Gespräch am 18. März verkündete Trump: „Ich freue mich sehr auf das Gespräch mit Präsident Putin.“ Auch danach telefonierte er noch mehrmals mit seinem russischen Amtskollegen. © Alexander Nemenow/AFP
Trump und Putin
Am 15. Augsut 2025 kam es zum Gipfel zwischen Trump und Putin in Alaska. Es handelte sich um das erste persönliche Treffen der beiden Staatschefs seit Putins Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022. Das Treffen fand in der Stadt Anchorage statt. Am Ende gab es von beiden Staatschefs nichts Konkretes. © Andrew Caballero-Reynolds/AFP

Ein Ende des Ukraine-Kriegs: Putin plant bereits strategischen Nutzen

Für die Ukraine hätte ein „Luftwaffenstillstand“ zwiespältige Folgen. Einerseits würden weniger ukrainische Zivilisten sterben, andererseits würde Kiew ein wirkungsvolles Druckmittel verlieren: die Attacken auf russische Ölraffinerien und Militärbasen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht in dem geplanten Alaska-Treffen zwischen Putin und Trump jedoch weniger echte Friedensverhandlungen als vielmehr einen persönlichen Erfolg für den russischen Präsidenten und politisches Kalkül.

Auch laut dem Meduza-Bericht verschafft Putin sich durch seine Vorschläge und das Treffen vor allem einen maximalen strategischen Vorteil: Er kann Friedensbereitschaft demonstrieren, während seine Bodentruppen ungestört weiter vormarschieren. Sollte eine Vereinbarung scheitern, könnte Moskau die Luftangriffe gegen die Ukraine wieder verstärken und Kiew die Schuld für eine erneute Eskalation zuschieben.

Russland bereitet sich möglicherweise bereits auf das Ende des Ukraine-Kriegs vor.

Ende des Ukraine-Kriegs stellt Kreml vor Herausforderung: Herrschaftssystem im Wandel

Sowohl die diplomatischen Initiativen als auch die verschärfte Innenpolitik Moskaus zeigen laut Trudoljubows Analyse die Vorbereitung auf ein mögliches Kriegsende in der Ukraine. Für Putins Regime bedeutet das jedoch eine grundlegende Herausforderung. Mit dem militärischen Konflikt würde es Grundlage verlieren, mit der Unterdrückung, Machtkonzentration und wirtschaftliche Schwierigkeiten begründet werden.

Ein Ende der Kampfhandlungen im Ukraine-Krieg würde in Russland außerdem unangenehme Fragen nach Kriegskosten, politischer Verantwortung und der zukünftigen Entwicklung des Landes aufwerfen. Daher wandelt der Kreml bereits vorbeugend sein Herrschaftssystem um, so Trudoljubows Einschätzung.

„Dauerbelagerung“ der Ukraine statt Kriegsrhetorik: Putin formuliert um und verschärft Repressionen

Russland wandelt laut dem Meduza-Bericht bereits jetzt seine Kriegsrhetorik zu einer „Dauerbelagerungs“-Mentalität um, verschärft unterdrückende Gesetze und bestimmt innere wie äußere „Feindbilder“, die den Konflikt als gesellschaftliches Kontrollinstrument ersetzen können.

Seit Beginn der Großoffensive 2022 führte der russische Staat neue Strafbestimmungen ein, besonders Gesetze gegen „Falschinformationen“ über die „Spezialoperation“. Landesweit entstand Kriegszensur, unabhängige Medien wurden zum Schweigen gebracht, so die Analyse weiter.

Russland bereitet sich möglicherweise bereits auf das Ende des Ukraine-Kriegs vor.

Ende des Ukraine-Kriegs: Überwachung digitaler Kommunikation und politischer Zwang in Russland

Öffentliche Proteste sind praktisch aus dem Alltag verschwunden. Statt Massenrepression konzentriert sich die Justiz nun auf weniger Verfahren, dafür aber härtere Strafen. Parallel verfolgen Sicherheitsbehörden systematisch Anhänger der Anti-Korruptions-Stiftung. Ein weiteres Großvorhaben Russlands sei der Ausbau von digitalen Autoritarismus-Strukturen, die über die bloße Überwachung digitaler Kommunikation der Bürger hinaus ihr gesamtes Verhalten noch stärker steuern sollen.

Besonders besorgniserregend ist außerdem die offizielle Rücknahme der Stalin-Opfer-Rehabilitierung und die Umgestaltung des staatlichen Gedenkens an politische Verfolgung. Diese Maßnahmen normalisieren politischen Zwang rückwirkend und konditionieren die russische Gesellschaft auf das vom Kreml gewünschte Verhalten.

Russland nach dem Ukraine-Krieg: Putin-Freunde setzen auf stabile Repression

Die möglichen Szenarien eines Nachkriegs-Russlands beschäftigen auch die Eliten, die ihre Machtpositionen sichern wollen. Das künftige Hauptziel der Unterdrückung wird laut Trudoljubow der Kampf gegen alternative Gesellschaftsvisionen sein. Oppositionelle Reformkonzepte, Auflösung unterdrückender Staatsorgane und schnelle demokratische Reformen würden deren Position bedrohen.

Sie setzen daher eher auf evolutionären statt revolutionären Wandel. Gelingt ein stabiler Übergang in die Nachkriegsära, verfügen künftige russische Machthaber bereits über eine politisch konditionierte Bevölkerung, die Gehorsam und vorgegebene Entscheidungen akzeptiert. (nana)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Komsomolskaya Pravda

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