23,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund

Was ich als Migrantenkind bei den Demos gegen Rechts fühle

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Proteste gegen Rechts in Deutschland
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Seit der Offenlegung eines „Geheimplans“ finden Demos gegen rechtes Gedankengut statt. Unsere Autorin erzählt, was ihr dabei zu schaffen macht.

„Ja dann, nochmal offiziell: herzlich willkommen!“, sagt die Frau im Büro des Landratsamtes und überreicht mir das Stück Papier, das mich zur deutschen Staatsbürgerin macht. „Aber passen's gut drauf auf, ge, denn die gibts nur oa moi im Leben“, ergänzt sie im Nachgang.

„Echt jetzt?“, denke ich mir 2015, mit meinem Pass in der Hand. Einen flotteren Spruch als ‚herzlich willkommen‘ haben die nicht auf Lager, obwohl ich hier seit meiner Geburt lebe, also literally since day one? Es war auch etwas seltsam, das von einer Person zu hören, die mit der hochdeutschen Sprache scheinbar mehr Schwierigkeiten hat als ich. Aber sei’s drum.

Ihren Rat habe ich mir jedoch zu Herzen genommen. Die Einbürgerungsurkunde hüte ich wie meinen Augapfel. Und in Anbetracht der aktuellen Ereignisse denke ich mir: Wird gut sein. Denn wer die Schlagzeilen um das Potsdamer Hoteltreffen im November 2023 mitverfolgt hat, weiß: Führt der Rechtsruck in Deutschland zum realpolitischen Machtwechsel, dann bin ich wohl die längste Zeit Deutsche gewesen.

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Ich bin ein Problem

Das zumindest ist das Ergebnis einer investigativen Recherche. Am 10. Januar veröffentlichte Correctiv einen Text, der ein geheimes Treffen zwischen „AfD-Politikern, Neonazis und potenziellen Geldgebern“ offenlegt. Ihr Ziel: Millionen Menschen aus Deutschland vertreiben.

Über die sogenannte Remigration (ein Begriff, der zum Unwort des Jahres gekürt wurde), sollen Menschen gezwungen werden, in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Diese „Rückabwicklung“ betrifft laut der Recherche drei Gruppen: Asylbewerber:innen, Ausländer:innen mit Bleiberecht und „nicht assimilierte Staatsbürger“. Letztere seien sogar das „größte Problem“. Das heißt: Ich bin ein Problem.

Meiner Meinung nach bin ich sehr wohl assimiliert, also angepasst. Doch was ich denke, ist völlig belanglos. Die Frage ist, würden die Menschen, die diese Ideologie vertreten, das auch so sehen? Mein gut behütetes Papier, das aus mir eine Deutsche macht, ist in diesem Szenario nichts mehr wert. Denn hier geht es nicht mehr um Staatsbürgerschaft, sondern um Abstammung. Und das erinnert an eine Zeit, als in Deutschland der Stammbaum über Leben und Tod entschied.

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Warum auch deine Freunde betroffen sind

Glücklicherweise sehen das nicht alle so. Bundeskanzler Olaf Scholz bezog Stellung und die vielen Demonstrationen der letzten Tage zeigen, wie groß das Entsetzen ist. Ich sehe euch. Und ich fühle mich gesehen.

Doch das reicht nicht. Laut dem Statistischen Bundesamt lebten 2022 23,8 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund in Deutschland. Das sind 28,7 Prozent der Bevölkerung. Rund die Hälfte davon (12,2 Millionen Menschen) besitzt einen deutschen Pass.

Statistisch betrachtet ist also jede vierte Person in deinem Umfeld in Gefahr aus Deutschland vertrieben zu werden, sollte sich der Rechtsruck in Deutschland verstetigen. Das heißt: deine Freund:innen und Partner:innen, Bekannte und Kolleg:innen.

Ich erwarte also, dass sich alle in ihren Grundrechten verletzt fühlen. In der Berichterstattung heißt es „Zehntausende“ hätten protestiert, manche schreiben 25.000 Menschen waren vor Ort. Aber was sind ein paar Tausend, wenn Millionen betroffen sind? Die Enthüllungen der letzten Tage zeigen, wir dürfen nicht locker lassen. Protestieren ist ein guter Reflex, aber wir müssen mehr tun, mehr Haltung zeigen, lauter sein, als die rassistischen Stimmen. Und zwar alle.

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