Lateinamerika

Was Lateinamerika bei einem Trump-Sieg zu verlieren hat

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Vorderste Front der Migration: die Kleinstadt Douglas in Arizona gleich hinter der Grenze.
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Lateinamerika ist so stark mit den Vereinigten Staaten verwoben wie keine andere Region der Welt. Mit einem Wahlsieg von Donald Trump drohen Repression und Druck.

Alle vier Jahre blicken die Länder Lateinamerikas mit großem Interesse in die USA, wenn dort das Staatsoberhaupt neu bestimmt wird. Bei allen Unterschieden ist keine Weltregion politisch, sozial und wirtschaftlich so eng mit den Vereinigten Staaten verwoben. Nach offiziellen Berechnungen von 2022 leben fast 63,6 Millionen Hispanics in den Vereinigten Staaten, was 19,1 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Ein knappes Drittel (20,4 Millionen) von ihnen ist nicht in den USA, sondern in lateinamerikanischen Staaten geboren. Zudem sind die USA für die meisten dieser Länder der wichtigste Wirtschaftspartner.

Aber ob nun ein Demokrat oder ein Republikaner im Weißen Haus: In der Vergangenheit haben sich selten ganz große Veränderungen in der Politik Washingtons gegenüber dem Subkontinent ergeben – mit Ausnahme der Präsidentschaft von Donald Trump (2017 bis 2021). Dieses Mal aber drohen Lateinamerika noch härtere Zeiten, sollte der Republikaner am 5. November in den Präsidentensessel zurückgewählt werden.

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Denn Trump verschärfte den Ton schon im Wahlkampf deutlich. Und daher blicken die meisten zwischen Rio Grande und Feuerland bange auf den kommenden Dienstag. Einige sind aber auch hoffnungsfroh.

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Kehrt Trump zurück, würde es vermutlich zu signifikanten Veränderungen bei den Themen Handel, Migration und Kampf gegen Rauschgiftschmuggel wie gegen die Organisierte Kriminalität kommen. Repression und Druck würden Austausch und Kompromiss ersetzen. Mexiko, Zentralamerika, Kuba und auch Venezuela müssten sich auf Konfrontation einstellen, meint Adam Isacson von der NGO „Washingtoner Büros für Lateinamerika“ (Wola). Hingegen hofften die radikal rechten Präsidenten in Argentinien und El Salvador, Javier Milei und Nayib Bukele, auf eine rechtspopulistische Achse zwischen Nord- und Südpol.

Trump hat vor allem die Menschen in Mexiko, Venezuela und Haiti immer wieder beleidigt, sie als Mörder, Verbrecher und Verzehrer von US-Haustieren diffamiert. Lateinamerikanische Migranten seien die Wurzel allen Übels in den USA. Wenn er erst Präsident sei, würde die Südgrenze versiegelt und die Eingewanderten in Massen deportiert. Und Mexiko, dem engsten Verbündeten in der Region und Haupthandelspartner, drohte er bereits damit, dass „kein einziges“ in dem Land gefertigtes Auto mehr in den USA verkauft werde.

Wirtschaftlich sind gerade Mexiko und Zentralamerika von den USA abhängig. 83 Prozent aller mexikanischen Exporte gehen im Rahmen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA zum nördlichen Nachbarn. In El Salvador betragen die Überweisungen von in den USA Arbeitenden 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aber Trump droht immer wieder damit, die Überweisungen zu besteuern, womit weniger Geld bei den Familien in der Heimat ankäme. In Lateinamerika sind die „Remesas“ aus der Arbeitsmigration so schnell gewachsen wie in keiner anderen Region. 2023 erreichte das Überweisungsvolumen 153 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie vor zehn Jahren.

Sollte Trump die Wahl gewinnen, werde sich die Region nach Auffassung der „Economist Intelligence Unit“ mit geringerem Wirtschaftswachstum, mehr Inflation, höheren Kreditkosten und komplizierteren Außenbeziehungen, insbesondere zu China, konfrontiert sehen. Ein drastischer Wechsel in der US-Politik sowie Trump’scher Protektionismus würden die Wachstumsaussichten in Lateinamerika bis 2028 um 0,2 Prozentpunkte drücken.

Sollte Kamala Harris dagegen siegen, würden die regionalen Aussichten laut „Economist“ weitaus günstiger, obwohl man auch bei ihr mit einer Verschärfung rechnet in Bezug auf Einwanderung und zu den Beziehungen zu China, das vor allem in Südamerika zu einem wichtigen Player aufgestiegen ist.

Beim Thema Migration wird Trump den Druck vor allem auf Mexiko massiv erhöhen, so wie auch in seiner ersten Amtszeit. Denn in den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der in Richtung USA Strebenden Jahr um Jahr fast verdoppelt. Mexikos Innenministerium registrierte 2023 annähernd 690 000 Menschen, die zumeist in Karawanen in Richtung Norden zogen. Die katastrophalen sozialen, wirtschaftlichen und auch politischen Verhältnisse vor allem in Venezuela, Kuba, Haiti und den Ländern Zentralamerikas trugen entscheidend zu diesen Bewegungen bei.

Brutalität gegen Wehrlose

Neben den angekündigten Deportationen werde Trump mit Sicherheit alle Vorteile für besondere Migranten stoppen, vermutet Wola-Experte Isacson. Das gelte besonders für die humanitären Programme für kubanische, venezolanische und haitianische Geflüchtete, die mindestens zwei Jahre Zugang zu Bundesleistungen erhalten, einschließlich Arbeitserlaubnis und medizinischer Versorgung. Auch das Daca-Programm, das die Ausweisung von Eingewanderten aufschiebt, die als Kinder in die USA kamen, aber keinen legalen Einwanderungsstatus haben, würde Trump sofort beenden.

In Fragen der Rauschgiftkriminalität kommt vor allem Mexiko auch unter Zugzwang. Wenn Harris Präsidentin wird. Washington werde Druck auf die neue Präsidentin Claudia Sheinbaum ausüben, die Korruption bei den höheren Rängen im Beamtenapparat einzudämmen und die Drogenflüsse von Mexiko in die Vereinigten Staaten zu kontrollieren, vermutet der Thinktank „International Crisis Group“. Trump hingegen hat sogar mit militärischen Interventionen gedroht, um die Macht der mexikanischen Kartelle zu brechen.

Der Republikaner würde sein Mandat auch zum Versuch nutzen, die Regierung im kommunistischen Kuba endgültig zu Fall zu bringen. Schon während seiner ersten Amtszeit machte er alle Annäherungen aus der Zeit von Barack Obama rückgängig und Reisen und Überweisungen wurden massiv behindert. Joe Biden revidierte dies nur zögerlich. Der nahezu vollständige Kollaps der Inselwirtschaft sowie die virulente Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierung spielten Trump in die Hände.

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