Ohne stabile Nachbarschaft ist auch das eigene Haus kein guter Ort. Ein Gastbeitrag von Astrid Irrgang, Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze (ZIF).
New York – Das Peacekeeping, die Friedenssicherung, der Vereinten Nationen (UN) ist eine langfristige und ertragreiche Investition. Es ist beinahe so alt wie die UN selbst und hat sich in einer Welt im Wandel als anpassungsfähiges und kostengünstiges Instrument erwiesen. Das Jahresbudget für die UN-Friedenssicherung ist geringer, als es die Kosten für die jüngsten Olympischen Spiele waren.
Friedenssicherung zunehmend schwerer: UN-Generalsekretär warnt vor Entwicklung durch Trump-Regierung
Peacekeeping ist immer wieder unter Druck geraten: etwa durch Mitgliedstaaten, durch den UN-Sicherheitsrat oder durch Kriegsparteien. Ohne konstruktive Zusammenarbeit und den Willen zu einer Lösung auf allen Seiten funktioniert multilaterales Krisenmanagement nicht. Selten allerdings war es so unter Stress wie derzeit.
UN-Generalsekretär António Guterres warnte in seiner 2023 erschienenen „Neuen Agenda für den Frieden“ vor einer fehlenden „unity of purpose“ angesichts dieser Lage, also einem Mangel an Übereinstimmung in den Zielen. Seit der Vereidigung der neuen US-Regierung unter Donald Trump hat sich dieser Zustand noch einmal deutlich verschärft.
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Menschen brauchen Frieden. Aber es herrscht Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten und in anderen Teilen der Welt. Welche Wege können zum Frieden führen?
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Ihr Rückzug aus internationalen Verträgen und Organisationen bietet systemischen Wettbewerber:innen wie etwa China eine Chance auf mehr Einfluss und verändert die globale Governance und Normensetzung schon jetzt erheblich. Wer Zukunft mitgestalten möchte, muss bei solchen multilateralen Unternehmungen dabeibleiben.
In diesem Kontext war Deutschland vor kurzem Gastgeber der ranghöchsten Konferenz zu diesem Thema, dem „UN Peacekeeping Ministerial“ (PKM). Sein Vorläufer war 2014 noch maßgeblich durch die USA ins Leben gerufen worden.
Dringender Reformprozess: UN will Frieden, Sicherheit und Menschenrechte nachhaltig verbessern
Als Ausrichterland hat Deutschland einen starken Fokus auf die politische Diskussion mit allen relevanten Akteuren gelegt. Und damit sein Bekenntnis zu einer wirksamen, gerechten und inklusiven Friedens- und Sicherheitsarchitektur bekräftigt – inklusive dringenden Reformbedarfes.
Seit Mitte März 2025 existiert der Reformprozess „UN 80 Initiative: UN-Efficiency and Structural Reforms“. Die Initiative, die das 80-jährige Bestehen der UN zum Anlass nimmt, soll die Handlungsfähigkeit der UN in ihren drei Pfeilern mindestens erhalten, bestenfalls ausbauen: Frieden und Sicherheit, nachhaltige Entwicklung und Menschenrechte.
Deutschland bekennt sich zu Multilateralismus und globalen Partnerschaften nicht aus karitativen Gründen, sondern im eigensten Interesse: Freiheit, Sicherheit und Wohlstand hat Außenminister Johann Wadephul (CDU) als Kernbegriffe der deutschen Außenpolitik benannt. Je mehr wir in den Frieden investieren, desto weniger müssen wir für einen Krieg ausgeben. Die Investitionen in Aufrüstung sind kein Widerspruch dazu, auch sie sind Teil von Friedenserhalt.
Handlungsfähigkeit der UN wird unterschätzt: Expertin betont Erfolgsgeschichten der Institution
Die UN haben in puncto Handlungsfähigkeit, Finanzierung oder Wirksamkeit in verschiedenen Politikfeldern die gleichen Herausforderungen wie ihre Mitgliedstaaten. Sie sind keine ferne Organisation in einem Hochhaus am East River in New York. Die UN, das sind wir alle gemeinsam. Es gibt keine vergleichbare Organisation der Welt, in der die Bandbreite von Zukunftsthemen wie künstliche Intelligenz, Klima, Cyber, Tech, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Konflikte und Versöhnung unter einem Dach bearbeitet wird.
Allzu oft gehen die Erfolgsgeschichten unter. Etwa die Kinderschutzarbeit der inzwischen beendeten UN-Mission Minusma in Mali. Mit wirksamer Prävention gelingt keine Schlagzeile. Auch deshalb zeigt am 3. Juni das deutsche Engagement in Berlin Gesicht: Dann werden neun deutsche Fachkräfte, darunter drei Entsandte des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze (ZIF), stellvertretend am „Tag des Peacekeeping“ geehrt. Das Motto der Veranstaltung kombiniert das Versprechen des deutschen Engagements mit einer Reformambition: „Kontinuität im Wandel“.
Der internationale Ordnungsrahmen wird von Menschen gelebt, nicht von Bürokratien. Ohne stabile Nachbarschaft ist auch das eigene Haus kein guter Ort. Für unsere Sicherheit riskiert das Einsatzpersonal leider immer häufiger auch die persönliche Unversehrtheit. Etwa bei der Ausgestaltung des somalischen Justizwesens. Oder der Abwehr hybrider Bedrohungen aus Russland. Oder bei der Aufklärung schwerster Kriegsverbrechen in der Zentralafrikanischen Republik oder der Ukraine.
Astrid Irrgang ist Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze (ZIF).
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