Jimmy Kimmel abgesetzt – Experte attestiert Trump Denkfehler: „Kirk hätte ihm widersprochen“
VonPeter Sieben
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Der US-Sender ABC hat die Show von Moderator Jimmy Kimmel abgesetzt. Trump feiert das – Experten sehen derweil bedrohliche Verflechtungen zwischen Medien und Regierung.
Berlin – Das war‘s für Jimmy Kimmel. Der prominente TV-Moderator muss seine Late-Night-Show aufgeben, der US-Sender ABC nimmt die Sendung „auf unbestimmte Zeit“ aus dem Programm. Grund: Kimmel habe „beleidigende und unsensible“ Kommentare zum Tod des rechtsnationalen Aktivisten Charlie Kirk abgegeben. US-Präsident Donald Trump jubelt und droht bereits weiteren US-Comedians. Beobachter fürchten indes um die Meinungsfreiheit in den USA – und sehen bedrohliche Verflechtungen zwischen US-Regierung und der Medienaufsicht, die längst nicht mehr so unabhängig agiere, wie sie sollte.
Politologe und USA-Kenner Siebo Janssen etwa spricht von einem „neuen Höhepunkt im amerikanischen Kulturkampf“. Seit Jahrzehnten stehen sich dort Liberale und Konservative gegenüber, angefangen spätestens mit der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren. „Neu ist, dass mit Donald Trump nun ein US-Präsident aktiv eingreift, Partei ergreift und den Konflikt noch befeuert“, sagt Janssen im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Jimmy Kimmel abgesetzt: „Kirk hätte Trump widersprochen“
„Donald Trump nutzt das, um seine autokratischen Sichtweisen zu untermauern und zu verbreiten“, so der Experte. Trump hatte nach der Absetzung von Kimmels Show auf seiner Plattform Truth Social geäußert, die ABC-Maßnahme sei eine „tolle Neuigkeiten für Amerika“. Der US-Präsident nahm zudem die Comedians Jimmy Fallon und Seth Meyers ins Visier, sie seien „zwei totale Versager“. Der Sender NBC müsse deren Shows nun ebenfalls absetzen, forderte Trump: „Tu es, NBC!!!“
Paradox: „Kirk wäre Trump wahrscheinlich entgegengetreten und hätte ihm widersprochen“, glaubt Janssen. „Denn der Rechtsnationalist war absoluter Verfechter der Meinungsfreiheit und vertrat die Ansicht, dass jeder sagen darf, was er will.“
Während Trumps MAGA-Anhänger ebenfalls die Absetzung des Entertainers feiern und ihren Präsidenten unterstützen, regt sich Kritik sowohl bei manchen Konservativen als auch vor allem in progressiven Kreisen. Bislang allerdings noch recht verhalten. „Das demokratische Lager ist aktuell tief gespalten und hat nicht die Kraft für einen geeinten Widerspruch“, sagt Janssen. „Und das Gefährlichste: Die US-Gesellschaft hat resigniert, ein Großteil hat sich entpolitisiert. Dieses Ziel hat Trump erreicht.“
Trump vs. Kimmel: „Neue Qualität der Einflussnahme auf Medien“
Überdies sei zu beobachten, dass Player aus Wissenschaft und Kultur sich zunehmend vorsichtiger äußern – weil sie von staatlichen Zuwendungen und Förderprogrammen abhängig seien. Medienexperte Christian Möller, der als Professor an der Fachhochschule Kiel lehrt, sieht eine „neue Qualität der Einflussnahme auf Medien“ seitens der US-Regierung. „Trump hat Medien wie ABC oder die New York Times ja bereits mit Verleumdungsklagen überzogen. Die aktuelle Entwicklung ist allerdings noch bedenklicher“, sagt Möller im Gespräch mit unserer Redaktion.
Denn: In die Causa Jimmy Kimmel ist auch die Federal Communications Comission (FCC) involviert. Die wiederum leitet Brendan Carr. Trump hatte den Republikaner persönlich eingesetzt, Carr ist ganz auf Linie der MAGA-Regierung. Die FCC ist vergleichbar mit den Landesmedienanstalten in Deutschland – allerdings ist sie, anders als hierzulande, eine zentrale Aufsichtsbehörde und hat entsprechend landesweite Befugnisse. „Carr hat dem Sender ABC sehr deutlich gesagt, er solle sich das gut überlegen, ob er Kimmels Show weitersenden will“, so Möller. Eine indirekte und doch unmissverständliche Drohung, denn die FCC ist Lizenzgeber und die Sender sind letztlich abhängig von der Behörde.
Donald Trumps Orbit: Einflüsterer, Berater und Vertraute des Präsidenten
Es werde also nicht nur politischer, sondern auch wirtschaftlicher Druck auf die Medien in den USA ausgeübt, sagt Möller. Die US-TV-Sender arbeiten in einem Netzwerk-System, die Programme werden über lokale Betreiber ausgestrahlt. Einer der lokalen Betreiber wiederum will fusionieren – und benötigt dafür eine Genehmigung der FCC. „Der Betreiber hat ABC gegenüber deutlich gemacht, das Kimmel-Programm nicht mehr senden zu wollen“, sagt Möller.
Jimmy Kimmels Aussagen über Kirk „vergleichsweise harmlos“
Carr hatte in einem Podcast auch über mögliche Schritte gegen den Unterhaltungskonzern Walt Disney gesprochen – die Entscheidung, Kimmels Late-Night-Show abzusetzen, kam dann schließlich von ganz oben aus der Konzernleitung, durch Disney-Chef Bob Iger. Für Möller ist klar: Der Druck seitens der Trump-Regierung hat Iger zu ebendiesem Schritt bewogen. „Denn die strittigen Aussagen von Kimmel sind ja vergleichsweise harmlos“, so Möller.
Kimmel, der dem US-Präsidenten schon länger ein Dorn im Auge ist, hatte unter anderem die Reaktion von Donald Trump auf das Kirk-Attentat kommentiert. Trump bekunde seine Trauer „wie ein Vierjähriger einen Goldfisch betrauert“. Und: „Die MAGA-Gang versucht verzweifelt, diesen Jungen, der Charlie Kirk ermordet hat, als alles andere als einen der ihren darzustellen, und tut alles, um daraus politisch Kapital zu schlagen“, so der Moderator. Trump-Anhänger interpretieren Kimmels Kommentar als Andeutung, dass Kirks mutmaßlicher Mörder ein MAGA-Anhänger sein könnte. Kimmel habe offenbar einen „wunden Punkt bei den Maga-Leuten getroffen“, glaubt Möller. (Quellen: Eigene Recherchen, Experten-Gespräche, epd, dpa)