Ökonomische Krise

Wie der Ukraine-Krieg Erdogans Probleme in der Türkei zuspitzt

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Die wirtschaftliche Lage der Türkei ist katastrophal, auch für Präsident Erdogan wird die Luft dünn. Der Ukraine-Krieg macht seine Lage nicht besser.

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gerät zunehmend in Bedrängnis. Die wirtschaftliche Lage in der Türkei ist katastrophal, die innenpolitische Situation angespannt. Während der türkische Präsident weiter auf einen repressiven Kurs gegen Oppositionelle wie die Journalistin Sedef Kabas setzt, gibt er sich im Ukraine-Krieg als Vermittler. Auch für Erdogan selbst wird die Auseinandersetzung in der Ukraine zunehmend zum Problem.

Erdogan: Ukraine-Krieg trifft Präsidenten und die Wirtschaft der Türkei – Tourismus spielt eine wichtige Rolle

Der Ukraine-Krieg setzt auch der Türkei unter Präsident Erdogan wirtschaftlich zu. Ein Grund dafür ist der Tourismus: In der Türkei sind Touristen aus Russland die größte Gruppe. Die Tagesschau berichtet von etwa 4,5 Millionen Besuchern aus Russland im vergangenen Jahr, zukünftig werden es wohl deutlich weniger sein. Doch die türkische Abhängigkeit von Russland betrifft nicht nur den Tourismus: Auch Energie und Landwirtschaft werden derzeit zum Problem..

Recep Tayyip Erdogan: Die wirtschaftliche Lage der Türkei ist dramatisch, durch den Ukraine-Krieg wird sie noch weiter verschärft. Auch für Erdogan selbst wird das zum Problem. (Symbolbild)

Die Türkei ist nach wie vor massiv auf Energielieferungen aus Russland angewiesen. Etwa 25 Prozent des Ölbedarfs und rund 40 Prozent des Erdgases bezieht Ankara aus Moskau. Für die wirtschaftlich angeschlagene Türkei ist das ein Problem. Die türkische Regierung rechnet mit etwa doppelt so hohen Kosten für Gas, wie im Vorjahr – nämlich etwa 40 Milliarden Dollar. Im Bereich Landwirtschaft bezog die Türkei zuletzt etwa 70 Prozent seiner Getreideimporte aus Russland. Die Regierung unter Wladimir Putin will die Ausfuhr jetzt beschränken. In der Türkei droht sich der ökonomische Abwärtstrend weiter fortzuführen.

Erdogans Vorgehen im Ukraine-Krieg ist geprägt von den wirtschaftlichen Problemen in der Türkei

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch Erdogans Agieren im Ukraine-Krieg verstehen: Der türkische Präsident gibt sich als Vermittler und versucht den Spagat zwischen den Konfliktparteien. Beim Besuch von Kanzler Scholz zeigte man sich einig und betont freundschaftlich. Im Gespräch mit der Kreiszeitung warf der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli deshalb die Frage auf, ob die Bundesregierung zwischen guten und schlechten Autokraten unterscheidet: Erdogans Vorgehen gegen die Opposition oder in kurdischen Gebieten steht seit Jahren in der Kritik. Zuletzt gab es erneut Meldungen über Angriffe des türkischen Militärs auf Kurden.

Küpeli erklärte der Kreiszeitung, dass es Erdogan bei seinem Vorgehen im Ukraine-Krieg nicht um die Profilierung auf weltpolitischer Bühne ginge, sondern um ökonomische Schadensbegrenzung. Auch der Politikwissenschaftler betonte die Anfälligkeit der Türkei, für Sanktionen – etwa im Bereich Tourismus. Ausbleibende Touristen aus Russland sind für Erdogan ein wirtschaftliches Dilemma.

Innenpolitisch setzt Erdogan in der Türkei weiter auf Repression gegen Oppositionelle wie Sedef Kabas

Der Ukraine-Krieg verschärft die ökonomische Krise in der Türkei weiter, Erdogans Unterstützung erodiert zunehmend. Derweil hält die Repression des türkischen Regierungschefs gegenüber der Opposition und kritischen Medien an. Das jüngste Beispiel hierfür ist die Journalistin Sedef Kabas. Sie wurde kürzlich wegen kritischer Äußerungen über den Präsidenten verurteilt: Zu zwei Jahren und vier Monaten Haft.

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Ismail Küpeli bekannte mit Blick auf die aktuelle Lage in der Türkei: „Unter demokratischen Verhältnissen würde Erdogan die nächsten Wahlen eindeutig verlieren“. Dabei spricht er der wirtschaftlichen Schieflage eine entscheidende Rolle zu. Küpeli hält es für fraglich, ob Erdogan eine mögliche Wahlniederlage anerkennen würde.

„Das große Problem ist, dass die Verhältnisse in der Türkei nicht mehr demokratisch sind. Das heißt, wenn es zu Wahlen kommt, ist nicht absehbar, ob ein Wahlsieg der Opposition anerkannt werden würde oder was die Reaktion der AKP wäre“, so der Politikwissenschaftler. Wie Erdogan auf eine mögliche Wahlniederlage reagieren wird, zeigt die Zukunft, doch eines ist schon jetzt klar: Der Krieg in der Ukraine begünstigt die wirtschaftliche Abwärtsspirale der Türkei. Für Erdogan wird das auch persönlich zum Problem. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Adem Altan/afp

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