VonFlorian Naumannschließen
In Europa steigen die Umfragewerte für Rechtsparteien. Doch nicht alle Länder folgen diesem Trend, wie eine Auswertung von IPPEN.MEDIA zeigt.
Viel beklagt und viel beschworen ist er: der „Rechtsruck“ in Europa. Aber bildet er sich auch in Zahlen ab? WA.de von IPPEN.MEDIA hat stichprobenartig Umfragedaten zu Parlamentswahlen von 29 europäischen Ländern ausgewertet. Das Ergebnis haben wir in Kartenform aufbereitet: je dunkler die Färbung, desto höher der Stimmenanteil für Rechtspopulisten, Rechtsradikale oder auch Rechtsextreme.
Umfragen aus Europa im Stichproben-Vergleich: Karte zeigt das Ergebnis
Ein Vergleichspunkt ist die erste Ausgabe unserer Mini-Erhebung aus dem Januar 2024. Damals lagen Rechtsaußen-Parteien im Durchschnitt aller 29 betrachteten Länder bei 18,2 Prozent. Die nun verwendeten Daten ergeben einen Durchschnittswert von knapp 20 Prozent. Wo vorhanden, kamen aktuelle Erhebungen aus dem Juni 2025 zum Einsatz – nach Möglichkeit aus derselben Quelle wie bei der Analyse aus dem Frühjahr 2024. Die verwendeten Institute sind in der Karte hinterlegt.
Diese Werte sind natürlich Momentaufnahmen; zumal – wie bei allen derartigen Umfragen – keine Prognosen für einen Wahlausgang. Insgesamt aber scheint zumindest die Rede von einem Rechts„rutsch“ gerechtfertigt. Unter einem weiteren Hinweis: Die Entwicklung ist nicht gleichförmig. Und in den Durchschnitt fließen auch teils drastische Entwicklungen ein. Etwa jene in Rumänien.
Massiver Umfragerutsch in Rumänien – auch Farage punktet wieder im UK
Dort hat vor allem die AUR massiv zugelegt – Parteigründer und -chef George Simion hatte zuletzt schon nach dem rumänischen Präsidentenamt gegriffen. Zusammen mit der noch extremeren SOS Romania kommt die AUR nun auf 41 Umfrage-Prozent. Beobachter Raimar Wagner aus dem Bukarester Projektbüro der Friedrich-Naumann-Stiftung sieht vor allem Unmut über die langjährigen Regierungsparteien als Grund.
Höchste Zuwächse für Rechtspopulisten und -radikale:
| Zuwachs seit 1/24* | Gesamtwert** | |
|---|---|---|
| Rumänien - AUR und SOS Romania | + 21 | 41% |
| Großbritannien - Reform UK | + 17 | 27% |
| Norwegen - Fremskrittspartiet | + 8 | 22% |
| Polen - PiS und Konfederacja | + 7 | 43% |
| Portugal - Chega | + 6 | 20% |
*Angabe in Prozentpunkten, **Umfragen aus dem Juni
Ins Auge stechen auch die Zuwächse für „Reform UK“ auf den britischen Inseln. Die neue Partei von Brexit-Verfechter Nigel Farage hat seit Anfang 2024 deutlich zweistellig zugelegt. Das britische Wahlsystem mildert solche Entwicklungen zwar ab. Das Institut YouGov überschlug zuletzt aber, dass „Reform UK“ nach aktuellem Umfragestand auf 271 der insgesamt 650 Sitze kommen könnte.
Mehrheiten (bald) in Reichweite? Rechtsaußen gerade in Polen, Rumänien, Italien und Frankreich stark
Den höchsten absoluten Wert verzeichnet Polen mit 43 Prozent für Rechtsaußen. Dort verlor zugleich zuletzt die PiS Unterstützung an die rechtsextreme Konfederacja – Experte Bastian Sendhardt hält für möglich, dass Rechtsradikale von der Unzufriedenheit eines spürbaren Teils der Stammwähler der Platzhirsche PiS und PO profitieren. Aktuell blockiert der PiS-nahe Präsident Karol Nawrocki die Reformen der Regierungskoalitions um Donald Tusks PO.
Höchste Umfragewerte für Rechtspopulisten und -radikale:
| Umfragen Juni 2025 | Umfragen Januar 2024 | |
|---|---|---|
| Polen - PiS und Konfederacja | 43% (+7) | 36% |
| Rumänien - AUR und SOS Romania | 41% (+21) | 20% |
| Italien - Fratelli und Lega | 39% (+3) | 36% |
| Frankreich - RN und Reconquete | 37% (+4) | 33% |
| Ungarn - Fidesz, Mi Hazank, Jobbik | 35% (-20) | 55% |
Neben Polen und Rumänien verzeichnen auch Italien, Frankreich, Ungarn, Österreich, die Schweiz und die Niederlande in der Stichprobe Umfragewerte für Rechtsaußen-Parteien von mindestens 30 Prozent. Auffällig dabei: In Italien profitieren Giorgia Melonis Fratelli d‘Italia augenscheinlich von der Regierungsbeteiligung. Geert Wilders‘ PVV in den Niederlanden zog zuletzt wohl auch angesichts sinkender Umfragewerte die Notbremse.
Nicht überall ist „Rechts“ in Umfragen vorne: Orbáns Misere – und blinde Datenflecken
Wie eingangs geschrieben: Die Entwicklung ist nicht gleichläufig. Ausgerechnet Viktor Orbán, Mit-Vorreiter der „Illiberalen“, hat in Ungarn massiv zu kämpfen. Rund 20 Prozentpunkte Minus stehen zu Buche – wohl wegen des neuen Kontrahenten Peter Magyar. Aber auch die Wirtschaftslage bereitet Probleme. Auch die „Wahren Finnen“ und die Schwedendemokraten (-2 Prozentpunkte vergleichen mit Anfang 2024) profitieren offenbar nicht von ihrer Rollen in der Regierungspolitik.
Größte Verluste im Vergleich mit der Umfrage-Stichprobe 2024:
| Verluste seit 1/24* | Gesamtwert** | |
|---|---|---|
| Ungarn - Fidesz, Mi Hazank, Jobbik | -20 | 35% |
| Finnland - Wahre Finnen | -9 | 11% |
| Niederlande - PVV, BBB, FvD, Ja21 | -5 | 30% |
| Kroatien - DP | -5 | 3% |
| Estland - EKRE | -5 | 14% |
*Angabe in Prozentpunkten, **Umfragen aus dem Juni
Grundlage für die Auswahl der betrachteten Parteien ist die „PopuList“, ein Projekt mehrerer europäischer Universitäten – und hierbei die als klar „Far-right“ (rechtsradikal) ausgezeichneten Vereinigungen. Zwei Parteien (die klar rechtsextreme SOS Romania und die ebenso radikale Hnutie Republika) haben wir ergänzt. Andere Fälle entziehen sich aber der westeuropäischen Rechtspopulismus-Definition oder sind wissenschaftlich noch nicht klar bewertet.
So sind etwa die in Tschechien in Umfragen führende ANO von Andrej Babiš (> 30 Prozent) oder die SMER von Robert Fico in der Slowakei nicht Teil der Auswertung – dazu ist ihr Kurs nicht „klassisch rechts“ genug. Den Zielen und Wünschen von Autokraten wie Wladimir Putin könnte ihr Kurs dennoch zupass kommen.
Auch fremdenfeindliche Ressentiments der Regierungspartei HDZ in Kroatien lassen sich nicht in eine eindeutige Einordnung ins Rechtspopulismus-Schema umsetzen. Andererseits hält etwa Sendhardt für unwahrscheinlich, dass PiS und Konfedercja in Polen es in einer Koalition leicht hätten. Die Lage bleibt also etwas unübersichtlicher, als es die Karte nahelegt. (Text: Florian Naumann; Karte: Nils Tillmann)
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