Münchner-Merkur-Interview

Wehrpflicht und Sorge vor Putin: „Nicht sicher, ob Deutschland so lange wie Ukraine durchhalten würde“

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Generalleutnant Nultsch glaubt: Das neue Wehrdienstgesetz ist der richtige Weg. Aber: Deutschland müsse sich besser wappnen, Putin sei „unglaublich brutal“.

Oslo – Der Wehrdienst kommt zurück – in ganz kleinen Schritten. Das Bundeskabinett will das neue Wehrdienstgesetz am Mittwoch auf den Weg bringen. Der Entwurf von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) beruht zunächst nicht auf Verpflichtung, sondern auf Freiwilligkeit. Ziel ist eine Vergrößerung der Bundeswehr um 80.000 auf 260.000 Soldaten. Kritik kommt von der Union, der der Entwurf nicht weit genug geht.

Generalleutnant Gert Nultsch ist Abteilungsleiter Planung im Bundesverteidigungsministerium. Wir trafen ihn am Rande des German Norwegian Defence Dialogues in Oslo der deutsch-norwegischen Handelskammer. Dort diskutierten Vertreter aus Industrie und Politik beider Länder über die aktuelle Verteidigungsfähigkeit vor allem gegen potenzielle Angriffe durch Putins Russland. Nultsch lobt die unbürokratische Hemdsärmeligkeit der nordischen Länder beim Aufbau der Verteidigung – sie müsse Vorbild auch für Deutschland sein.

Herr Nultsch, das kommende Wehrdienstgesetz setzt im ersten Schritt auf Freiwilligkeit. Reicht das, um verteidigungsfähig zu sein?
Schweden hat auch auf Freiwilligkeit gesetzt und großen Erfolg gehabt. Und hier in Norwegen empfinden viele Jugendliche es sogar als Enttäuschung, wenn sie nicht für den Wehrdienst ausgewählt werden.

Wehrdienst und Debatte über Wehrpflicht in Deutschland

Und Sie glauben, in Deutschland könnte sich das auch so entwickeln?
Bei mir selbst war der Wehrdienst der Einstieg in meine heutige Karriere. Und ich glaube, dass viele junge Menschen auch in Deutschland heutzutage gerne selbst ihre Ideen zum Thema Verteidigung einbringen wollen. Dazu haben sie im Wehrdienst eine Chance. Allerdings müssen wir neue attraktive Strukturen aufbauen, eine gute Ausbildung leisten und für die Unterbringung sorgen können. Es wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein, zu verstehen und zu vermitteln, dass der Wehrdienst gerade jetzt ein wichtiger Beitrag ist.
Generalleutnant Gert Nultsch ist seit 2022 Abteilungsleiter Planung im Bundesministerium der Verteidigung.
Sie meinen wegen der weltweit angespannten Sicherheitslage?
Natürlich.
In der Debatte kursiert immer das Jahr 2029. Dann könnte Russland seine Ressourcen wieder so weit aufgebaut haben, um ein NATO-Land anzugreifen. Wie realistisch ist denn das Szenario tatsächlich?
Nun, da könnten Sie auch Chat GPT fragen.
Weil es keine einfache Antwort gibt?
Man sollte das nicht an einem Datum festmachen. Es geht um die Frage, wann Putin in der Lage ist, trotz des laufenden Ukraine-Kriegs in die Rekonstitution zu gehen und andere anzugreifen. Das könnte ja zum Beispiel auch ein Angriff mit kurz gesteckten Zielen gegen ein Land im Baltikum sein. Wir sollten uns so vorbereiten, dass wir sagen können: Im Zweifel sind wir auch 2028 in der Lage, Verbündeten beizustehen. Das muss der Gesellschaft bewusst werden, dass so etwas auch morgen oder übermorgen passieren könnte.

„Putin sind Menschenleben egal“

Würde Putin so ein Risiko eingehen?
Putin sind Menschenleben egal. Menschen sind in diesem Krieg für das russische Regime Material. Was in der Ukraine passiert, ist unglaublich brutal, das können sich viele in Deutschland kaum vorstellen. Ich bin nicht sicher, ob Deutschland einen Krieg so lange aushalten würde wie die Ukraine, wenn wir uns jetzt nicht entsprechend wappnen.

Spezialmunition für die Ukraine und deutsche Autoteile: Industriepark Raufoss in Norwegen

Ein zugefrorener See in Norwegen nördlich von Oslo
Raufoss liegt zwischen dichten Wäldern und großen Seen – gut 130 Kilometer nördlich der norwegischen Hauptstadt Oslo.  © Peter Sieben
Ein rotes Haus mit Holzfassade in der Dämmerung im Schnee
Bunte Häuser mit Holzfassaden säumen die Straßen. © Peter Sieben
Ein Straßenschild in Raufoss in Norwegen und ein Haus im Schnee
„Verteidigungsausrüstung“ steht auf dem Schild über dem Logo von Rüstungsproduzent Nammo. Wer durchs idyllische Städtchen Raufoss schlendert, rechnet nicht damit, dass direkt nebenan ein bedeutender Industriepark liegt, in dem auch Munition für die Ukraine produziert wird.  © Peter Sieben
Øivind Hansebråten, CEO vom Raufoss Industriepark in Norwegen
Øivind Hansebråten ist CEO vom Raufoss Industriepark, einem der bedeutensten in Norwegen. Im Vergleich zu deutschen Parks ist er recht überschaubar. „Ich weiß, in Deutschland ist alles größer, aber für uns ist das schon ganz gut“, sagt Øivind und grinst. Dafür geht es hier recht familiär zu. © Peter Sieben
Emma Østerbø im Catapult Centre in Raufoss
Know-how wird im Industriepark geteilt: Emma Østerbø ist General Manager beim Raufoss Katapult Center. Hier können Start-Ups Prototypen testen.  © Peter Sieben
Gebäude von Benteler im Raufoss Industriepark in Norwegen
Im Raufoss Industriepark gibt es auch ein großes deutsches Unternehmen: der Autozulieferer Benteler. Dabei sind die Löhne hier höher als in Deutschland. Aber: Das Unternehmen nutzt hier auch norwegisches Know-How, um Automationsmechanismen zu testen.  © Peter Sieben
Mitarbeiter von Benteler in Raufoss in Norwegen
In den Produktionshallen von Benteler arbeiten pro Schicht nur zwei bis drei Menschen – das meiste läuft automatisiert. Das hat zwei Gründe: Fachkräfte sind Mangelware, im riesigen Norwegen leben vergleichsweise wenige Menschen. Und: Die Löhne für Fachkräfte sind hoch. Viele Unternehmen setzen auf Automation.  © Peter Sieben
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo in Raufoss in Norwegen
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo: Der Rüstungskonzern und Produzent von Spezialmunition gehört zu den ganz großen und zentralen Unternehmen im Industriepark.  © Peter Sieben
Eine Backstein-Werkshalle von Nammo im Raufoss-Industriepark in Norwegen
Eine der Werkshallen von Nammo: Im Raufoss Industriepark gibt es zahlreiche renovierte historische Gebäude.  © Peter Sieben
Nammo-Munitionsfabrik in Raufoss in Norwegen
Fotos dürfen in der Munitionsfabrik nur an einer einzigen Stelle gemacht werden. Damit keine sensiblen Informationen nach außen dringen, gelten strenge Sicherheitsregeln.  © Peter Sieben
Ein Arbeiter an einer Maschine in der Munitionsfabrik von Nammo in Raufoss in Norwegen
Präzision hat eine hohe Priorität: Mithilfe von Robotern und Computertechnik werden die Projektile gefertigt.  © Peter Sieben
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.  © Ippen.Media
Thorstein Korsvold, Pressesprecher von Nammo, stemmt eine Stahlhülse
Thorstein Korsvold stemmt eine der fertigen Hülsen, die zu Projektilen weiterverarbeitet werden: „Wiegt locker 30 bis 40 Kilo.“ Das meiste, das sie hier produzieren, geht an die ukrainischen Streitkräfte. So werden hier Rohlinge für M72-Panzerabwehrmunition gefertigt, die von ukrainischen Soldaten massenhaft verschossen werden. „Wir sind stolz auf unsere Produktion“, sagt Thorstein. „Aber es hat alles zwei Seiten. Wenn unser Geschäft besonders gut läuft, hat das düstere Gründe.“  © Peter Sieben
Das Geld ist seit der Zeitenwende da, jetzt wird noch einmal kräftig investiert. Aber kann die Industrie den Anforderungen überhaupt gerecht werden?
Vor ein paar Jahren sah es womöglich noch anders aus, aber jetzt würde ich sagen: Man sieht Fortschritte, es bewegt sich was und die Unternehmen leisten Erhebliches. Aber: Panzerstahl kann man nicht bei Obi kaufen, dafür braucht es Rohstoffe. Bei der Beschaffung sollte Deutschland diversifizieren. Und die Rüstungsindustrie möchte verständlicherweise über längere Zeit ausgelastet sein, nicht nur akut. Da wird der Staat Produktionskapazitäten entsprechend vertraglich zusichern müssen. Und: Start-Ups müssen viel mehr gefördert werden.
Inwiefern?
Junge Unternehmen mit tollen Ideen wissen oft gar nicht, wie sie in die Märkte kommen sollen. Weil die bürokratischen Hürden hoch sind. Mit dem neuen Innovationszentrum der Bundeswehr wollen wir ihnen helfen. Aber auch manche Branchenriesen, die bisweilen recht arrogant unterwegs sind, sollten nicht nur in Start-Ups investieren, die kurzfristig lukrativ sind. Denn wichtig sind nicht schnelle Gewinne, sondern der Erwerb von technologischen Fertigkeiten auf breiter Ebene.

Rubriklistenbild: © Pool Sputnik Kremlin/Vyacheslav Prokofyev/Klaus-Dietmar Gabbert/dpa (Montage)

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