Migrations-Politik Exklusiv

Familiennachzug ausgesetzt: Experte kritisiert Politik zulasten von Integration – „um des Symbols willen“

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Der Bundestag setzt den Familiennachzug für bestimmte Geflüchtete aus. Migrationsexperte Oltmer kritisiert: Merz‘ Regierung kappe damit einen „legalen Migrationsweg“.

Berlin – Mit der Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte hat die Bundesregierung ihre nächste migrationspolitische Maßnahme auf den Weg gebracht. Dem Plan gab der Bundestag am Freitag (27. Juni) sein Go. Grüne und Linke äußern scharfe Kritik. Grünen-Parteichef Felix Banaszak beschreibt den Schritt als „äußerst kurzsichtig“. Auch Migrationsexperte Jochen Oltmer hält den vorübergehenden Stopp des Familiennachzugs für nicht zielführend.

Bundestag setzt Familiennachzug aus: „Weiterer legaler Migrationsweg wird gekappt“

Blicke man ausschließlich auf die Quantität, sei die Maßnahme „gewissermaßen bedeutungslos“. Der Nachzug für subsidiär Schutzberechtigte war zuletzt schon auf 1.000 Angehörige pro Monat beschränkt gewesen. Mit dem Aussetzen des Familiennachzugs für ebendiese Geflüchtete, erklärt der Professor für Migrationsforschung gegenüber fr.de von IPPEN.MEDIA, „wird die Bundesregierung einen Beitrag dazu leisten, dass ein weiterer legaler Migrationsweg gekappt wird“.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) begründete den Schritt am Freitag damit, dass die Bundesregierung den Zuzug nach Deutschland gleichermaßen steuern und begrenzen wolle. Mit der Aussetzung des Familiennachzugs kommen laut Dobrindt pro Jahr 12.000 Menschen weniger ins Land als nach der alten Regelung.

Familiennachzug ausgesetzt: Experte über „zusätzlich psychische Belastung“ für Geflüchtete

Künftig sollen subsidiär Schutzberechtigte nur noch in Härtefällen Ehepartner, minderjährige Kinder und im Fall unbegleiteter Minderjährige die Eltern nachholen dürfen. Nicht zuletzt beklagen Oppositionsparteien: Der Schritt stehe erfolgreicher Integration entgegen. Das bemängelt auch der Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück.

Für jene Menschen, die von der Entscheidung betroffen sind, bedeute der Schritt „eine zusätzlich mentale, emotionale und psychische Belastung“ – insbesondere bei Kindern, die danach streben, ihre Eltern nach Deutschland zu holen, gebe es „tatsächliche Hinweise darauf, dass dieser Prozess Traumatisierungen mit sich bringt“.

Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte

Der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte wurde bereits 2016 für zwei Jahre ausgesetzt. Später wurde ein monatliches Kontingent von 1.000 Visa eingeführt. Mit der neuen Aussetzung entfällt diese Möglichkeit für zwei Jahre komplett – nur noch in Härtefällen dürfen enge Angehörige nachkommen.

Subsidiär Schutzberechtigte sind Menschen, die weder als Geflüchtete nach der Genfer Konvention noch als Asylberechtigte anerkannt wurden. Sie erhalten Schutz, weil ihnen in ihrem Herkunftsland ein ernsthafter Schaden droht – darunter fällt etwa Folter, Todesstrafe oder unmenschliche Behandlung. Meist handelt es sich um Menschen, die vor Bürgerkrieg geflohen sind. Sie bekommen eine verlängerbare Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre.

Migrations-Pläne der Merz-Regierung: Migrationsforscher kritisiert Symbolpolitik

Die Aussetzung des Familiennachzugs ist eine von mehreren geplanten Reformprojekten der Bundesregierung in der Migrationspolitik. Gleich nach Amtsantritt hatte Dobrindt die Ausweitung von Grenzkontrollen inklusive der Zurückweisung von Asylsuchenden angewiesen. Zudem will die Koalition die vor einem Jahr eingeführte Einbürgerung nach drei Jahren für Menschen mit besonderen Integrationsleistungen abschaffen – die sogenannte „Turboeinbürgerung“.

Aussetzung des Familiennachzugs: Innenminister Alexander Dobrindt sagte, es gehe darum, den Zuzug nach Deutschland gleichermaßen zu steuern und zu begrenzen. (Symbolbild)

Mit Blick auf die migrationspolitischen Maßnahmen und Vorhaben der Koalition entstehe der Eindruck, die schwarz-rote Regierung wolle lediglich Signale setzen, erklärt der Migrations-Experte gegenüber unserer Redaktion – „und zwar in den Bereichen, in denen überhaupt Handlungsmöglichkeiten bestehen“. Denn diese seien ohnehin begrenzt. Beim Familiennachzug von subsidiär Schutzberechtigten handle es sich um einen der wenigen Felder, in denen das EU-Recht nationalen Handlungsspielraum mit sich bringe.

Migrationsforscher: „Es braucht Abstimmung auf globaler Ebene“

Die Regierung wolle „einen Punkt setzten und deutlich machen: ‚Wir setzen auf Restriktion‘“. In Bezug auf die Kosten, die durch die Aussetzung des Familiennachzugs entstehen, sagt Oltmer: „Und das geht zulasten von bereits im Land befindlichen Schutzsuchenden und von Integration. Um des Symbols willen.“ Die Regierung müsse vielmehr eingestehen, dass es sich um ein globales Thema handelt – daher müsse Migration auch auf globaler und europäischer Ebene verhandelt werden.

Der Migrationsexperte beschreibt dabei ein politisches Problem: Es werde versucht, „globale und europäische Probleme auf nationaler Ebene zu lösen, obgleich alle Beteiligten wissen, dass es auf nationaler Ebene nicht gelöst werden kann“. Um in der Migrationsfrage zu tatsächlich zu Lösungen zu kommen, brauche es Diplomatie: „Es braucht Abstimmung auf globaler Ebene. Und dazu braucht es natürlich einen entsprechenden politischen Mut.“ (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Jens Schicke

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