Tote und Schießereien

„Drehbuch Wladimir Putins“: Balkan-Land wirft Russland-Verbündetem heikle Pläne vor

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Der Kosovo wirft Belgrad nach bewaffneten Angriffen militanter Serben vor, die Taktik von Moskau-Machthaber Wladimir Putin bei der Krim-Annexion zu kopieren.

Pristina – Nach dem bewaffneten Überfall militanter Serben auf kosovarische Polizeieinheiten Ende September hat die Präsidentin des Kosovo der serbischen Regierung in Belgrad vorgeworfen, den serbisch bewohnten Teil des kleinen Balkan-Landes (rund 1,8 Millionen Einwohner) gewaltsam besetzen zu wollen.

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Und zwar so, wie es Moskau-Machthaber Wladimir Putin einst 2014 auf der völkerrechtlich ukrainischen Krim gemacht habe. „Serbien plant schon länger, den Norden des Kosovo zu annektieren. Und zwar nach exakt jenem Drehbuch, das der russische Präsident Wladimir Putin auf der Krim eingesetzt hat“, sagte Vjosa Osmani der Welt.

Am 24. September hatten serbische Milizen nach Angaben aus Pristina unweit der Grenze das Feuer auf kosovarische Polizisten eröffnet, wobei ein Beamter getötet worden sei. Zudem hatten demnach rund 30 bewaffnete Männer das Kloster Banjska nördlich von Mitrovica besetzt. Nach kosovarischen Angaben wurden drei Angreifer getötet. Osmanis Vergleich zielt darauf ab, dass Russland im Frühjahr 2014 bewaffnete Milizen ohne Rangabzeichen auf die Krim geschickt hatte.

Ein kosovarischer Polizist sichert eine Straße im Norden des Kosovo nahe des Dorfes Banjska.

„Mit seiner Propaganda hetzt Belgrad die serbische Gemeinschaft im Kosovo auf. Derweil wurden Terrorgruppen auf serbischen Militärbasen ausgebildet. Über illegale Routen wurden schwere Waffen und ‚grüne Männchen‘ – Paramilitärs in Uniformen ohne Abzeichen – in den Norden des Kosovo eingeschmuggelt“, erklärte Osmani in dem Interview: „Wir haben Karten, Drohnenaufnahmen, die Waffen der Angreifer und ihre auf der Flucht zurückgelassenen Telefone ausgewertet. Daraus geht klar hervor, dass die Angreifer am 24. September an 37 Orten gleichzeitig in einer hybriden Operation Fakten schaffen wollten, um den Norden unseres Landes zu besetzen.“

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Ohne den serbischen Staatsapparat hätten sie „niemals Zugang zu den Militärwaffen gehabt, die wir beschlagnahmt haben. Die Männer wurden in den serbischen Militärbasen unter Koordination des serbischen Verteidigungsministers ausgebildet. Zudem hat Serbien nach Angaben der US-Regierung die Präsenz seiner Streitkräfte an der Grenze zu Kosovo in einem beispiellosen Ausmaß verstärkt. Das zeigt, dass die Serben eine weitere Eskalation anstreben“, meinte Osmani weiter: „Und dass ihr Ziel weiterhin ist, Teile des Kosovo zu erobern.“

Der serbische Präsident Aleksandar Vucic war im Sommer nach Massenprotesten in ganz Serbien gegen seine Politik stark unter Druck geraten. Geht es nach dem Balkan-Experten Dr. Vedran Dzihic, nutzt Vucic die Aggression gegen den Kosovo, um von innenpolitischen Problemen in Serbien abzulenken. Vucic, der politisch enge Kontakte zu Russlands Autokraten Putin hält, gilt im Westen auch als umstritten, weil er zwischen 1998 sowie 2000 unter dem international verurteilten Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic stellvertretender Informationsminister war und während des Kosovokrieges (1998/99) harsch Stimmung gegen Kosovaren sowie Albaner machte.

Verbündete: Der serbische Präsident Aleksandar Vucic (li.) und Moskau-Machthaber Wladimir Putin bei einem Treffen im November 2021 in Sotschi.

Bis heute erkennt seine Regierung die Unabhängigkeit der ehemaligen serbischen Region nicht an, die sich 2008 für unabhängig erklärt hatte. Dennoch meinte Dzihic, der Politikwissenschaftler am Österreichischen Institut für Internationale Politik in Wien ist, unlängst im Gespräch mit IPPEN.MEDIA, dass ein Krieg mitten auf dem Balkan auszuschließen sei.

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„Der Kosovo hat Nato-Truppen auf seinem Staatsgebiet. Serbien würde das nicht wagen. Aktuell erleben wir aber eine unglaubliche politische Eskalation zwischen Albin Kurti, dem kosovarischen Premierminister, und Vucic. Beide Seiten heizen politisch dermaßen auf, dass Vertrauen zerschlagen wird“, erklärte er.

„Es gibt radikalisierte Gruppen auf beiden Seiten, die zu Waffengewalt bereit wären. In solch einer aufgeheizten Stimmung genügt ein Funke, sodass es örtlich begrenzt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen kann.“ Genau zu solchen Vorfällen kam es nun. (pm)

Rubriklistenbild: © Vudi Xhymshiti/imago

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